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Verbrechen studieren : "Was hat man dir angetan?"

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Spuren sammeln und analysieren: An der Saxion Hochschule Enschede lernen Studenten, was die "CSI"-Ermittler draufhaben. Sie haben ein Blutzimmer und lassen Ferkel verwesen - auf Partys kommen die Geschichten gut an, aber die deutsche Polizei tut sich schwer mit den Absolventen.

Ein spärlich möblierter Raum. Abgestandene Luft, zugezogene Vorhänge, kein Sonnenstrahl dringt hinein. Ein kaputter, umgekippter Stuhl. Auf dem Tisch halbvolle Weinflaschen, Gläser, Tablettenpackungen, Spielwürfel. Hinten in der Ecke ein Bett, darauf eine Leiche.

Eine junge Frau im weißen Ganzkörperanzug, die in den Raum gekommen ist, schlägt die Bettdecke zurück, um den leblosen Körper genauer anschauen zu können. Der Mann hat schwere Wunden am Kopf, er scheint viele Stunden tot zu sein, das Blut ist schon geronnen und braun. War es Mord? Oder doch nur ein Unfall? "Was hat man dir nur wieder angetan?", fragt die Frau die Leiche - und lächelt dabei.

Die Ermittlerin heißt Pia Ochmann, und dass ihr noch der Sinn nach Witzen steht, hat einen einfachen Grund: Die "Leiche" ist eine Schaufensterpuppe, die an der Saxion Hochschule in Enschede gut bekannt ist. Der Plastikmann muss immer herhalten, wenn mal wieder zu Trainingszwecken ein Verbrechen aufgeklärt werden soll. Er wurde schon erschlagen und erdrosselt, mit Stichen traktiert und an einem Seil erhängt. Alles nur, damit Pia und ihre Kommilitonen lernen, genauso professionell Spuren zu lesen wie die Ermittler aus der amerikanischen Krimi-Serie "CSI".

Wer durchhält, ist so eine Art Super-Cop

Insgesamt sind es knapp hundert junge Männer und Frauen, die an der Saxion "Crime Science" (Verbrechenswissenschaften) studieren. Das Fach gibt es seit 2006, es ist eine Mischung aus Biologie, Chemie, Physik, Pharmakologie, Jura und klassischer Polizeiarbeit. Wer bis zum Ende durchhält, ist so eine Art Super-Cop, ohne jemals bei der Polizei gearbeitet zu haben: Kriminologe, Forensiker und Profiler in einem.

Erfunden wurde die Disziplin in den USA, wo es in der Vergangenheit infolge schlampiger rechtsmedizinischer Untersuchungen verschiedentlich zu falschen Urteilen und sogar Hinrichtungen von Unschuldigen kam. Um die Fehlerquellen zu minimieren, wurde die Ausbildung von forensischen Experten konsequent verbessert; auch Unis sahen sich in der Pflicht. Wie sinnvoll das ist, sprach sich schon bald in Europa herum. In einigen Ländern wurden entsprechende Studienfächer eingerichtet.

"Die deutsche Polizei könnte Absolventen wie uns gut gebrauchen", glaubt die 23-jährige Pia. Experten also, die das Wissen von Polizeibeamten und den Kollegen von der "Spusi", der Spurensicherung, in sich vereinen. Ermittler, die ein Verbrechen in einem größeren Zusammenhang sehen können. Als sie kürzlich ein Praktikum im hessischen Landeskriminalamt machte, habe sie mit ihren Fähigkeiten "für Erstaunen gesorgt", sagt Pia. Auch für ihre Kommilitonin Wiebke Dürig, 22, die derzeit an ihrer Bachelor-Arbeit zum Thema "Der Einsatz von Laserlicht bei der Spurensicherung" schreibt, ist klar: Wer die Aufklärungsquote bei Schwerverbrechen noch weiter steigern will, der braucht Studienfächer wie Crime Science.

Als Pia und Wiebke vor vier Jahren in Enschede anfingen, waren sie noch Exoten. Mittlerweile stammen etwa 15 Prozent der Studenten aus Deutschland. Ihre Aussicht auf eine Karriere bei der Polizei ist derzeit noch durchwachsen: Die niederländische Polizei stellt keine Ausländer ein, und der deutsche Beamtenapparat ist wenig aufgeschlossen gegenüber Bewerbern, die nicht auf einer deutschen Polizeihochschule waren - wo es vergleichbare Studienfächer aber nicht gibt.

Crime-Science-Fachbereichsleiter Ed Schreuter ist optimistisch, dass sich das ändern wird. Auch die holländische Polizei sei erst skeptisch gewesen gegenüber den Quereinsteigern von der Hochschule - Akademiker, die von außen kommen? Junge Menschen, die nicht die klassische Laufbahn bei der Polizei einschlugen? Ermittler, die niemals Streife liefen? "Es gab Vorbehalte, aber jetzt weiß man, wie erfolgreich unsere Experten sind", sagt Schreuter.

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© UniSPIEGEL 3/2012
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Heft 3/2012 Universitäten trainieren die CSI-Ermittler von morgen
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Gewaltverbrechen in Deutschland 2010
2218 Mord und Totschlag Aufklärungsquote: 95,4 Prozent

7724 Vergewaltigung und sexuelle Nötigung Aufklärungsquote: 81,7 Prozent

48166 Raubdelikte Aufklärungsquote: 52,6 Prozent

Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik
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