Doktorschwindel bei Juristen: Nassgekämmte Jungdynamiker auf Titeljagd

Auffällig viele windige Dissertationen schrieben Plagiatoren in und über Juristerei. SPIEGEL-Autor Dr. jur. Thomas Darnstädt nimmt darum sein eigenes Fach aufs Korn und sagt: In den Rechtswissenschaften herrscht eine Kultur der Kumpanei.

Ex-Minister Guttenberg: Der Dr. ist zum modischen Accessoire verkommen Zur Großansicht
REUTERS

Ex-Minister Guttenberg: Der Dr. ist zum modischen Accessoire verkommen

Juristen wissen es am besten: Das Ding ist gut geschützt. Wer sich einen Doktortitel erschwindelt oder sich einfach Visitenkarten mit dem "Dr." vor dem Namen drucken lässt, kommt, wenn er Pech hat, ins Gefängnis. "Bis zu einem Jahr", heißt es im Strafgesetzbuch.

Doch da geht es schon los. Kein Jurist kann vernünftig erklären, warum so etwas eigentlich strafbar ist. Welches Rechtsgut das Strafgesetz mit seiner Knast-Drohung schützen will, sei "eher diffus", heißt es in einem Rechtskommentar, niemandem werde durch falsche Doctores ein Schaden zugefügt. "Zweifelhaft" sei der Sinn des Doktorschutzes.

Zweifelhaft, aber richtig deutsch: In kaum einem Land - Österreich mal beiseite gelassen - wird so viel Aufhebens gemacht um die zwei Buchstaben vor dem Namen. Ganz vorn dabei bei der Hatz nach dem akademischen Grad sind ausgerechnet die Juristen.

Fotostrecke

8  Bilder
Zwielichtige Promotionen: Von Guttenberg bis Schavan
Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg ist nur das spektakulärste und auch juristisch gesehen interessanteste Exemplar der eitlen Titel-Jäger. Immerhin ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den ehemaligen Verteidigungsminister, weil Grund zu der Annahme besteht, dass er sich seinen Dr. jur. unter Bruch des Urheberrechts verschiedener Wissenschaftler mit Plagiaten erschwindelt hat. Der Dr. jur. wird immer mehr zum ebenso modischen wie teuren Accessoire jener nassgekämmten Jungdynamiker, die mehr noch als in die Politik in die Vorstandsetagen von Dax-Unternehmen oder internationale Kanzleien (Neudeutsch: Law-Firms) in den teuren Citylagen deutscher Metropolen drängen.

Der Deal geht so: Kulanz gegen Kulanz

Von Großkanzleien berichtet der Bremer Rechtsprofessor Peter Derleder, die ihren hoffnungsvollen Nachwuchs gleich bei Vertragsschluss nicht nur mit einem standesgemäßen Dienst-BMW, sondern auch mit einem Promotionsthema samt Vertrags-Doktorvater einer angesehenen Uni versorgen. Auch Großunternehmen finanzieren ihrem Führungsnachwuchs gern den "Dr." auf dem Namensschild - was gelegentlich zu Konflikten führen kann, wenn die Ergebnisse der wissenschaftlichen Ausarbeitung nicht so recht zur Unternehmensphilosophie passen wollen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass Doktorväter, die so etwas mitmachen, gekauft sind. Doch viele gibt es, die es sehr zu schätzen wissen, wenn sie gut vernetzt sind. "Es ist doch schön", sagt der Berliner Staatsrechtsprofessor und Schriftsteller Bernhard Schlink, "wenn man seine dankbaren Doktoranden in Positionen in Wirtschaft und Anwaltschaft weiß und sich auf dieses Netzwerk verlassen kann." Ein kulanter Professor kann seine Zöglinge bei den dankbaren Auftraggebern in Wirtschaft und Anwaltschaft auch künftig gut unterbringen. Kulanz gegen Kulanz: Irgendwann braucht der Lehrstuhl auch wieder neue Drittmittel für ein Forschungsprojekt.

Eine "Kultur der Kumpanei", kritisierte jüngst Christoph Möllers, Verfassungsrechtler an der Berliner Humboldt-Uni, habe sich an vielen Lehrstühlen breitgemacht, eine opportunistische Wissenschaftsauffassung an den Universitäten: "In wohl keinem anderen Fach werden Doktoranden so systematisch zum Regelbruch verleitet wie in der Rechtswissenschaft."

Was die Inflation der Bestnoten anrichtet

Der Brandbrief des Juristen in der "Frankfurter Allgemeinen" löste unter den Kollegen wüste Proteste aus ( "Unverständnis und Empörung"), hat aber einen wahren Kern: Weil sich Hochschullehrer oft mehr der Eitelkeit ihrer Klientel als dem wissenschaftlichen Fortschritt verpflichtet sehen, ist es nur konsequent, dass sie Dissertationen systematisch mit Spitzennoten auszeichnen. "Eine Inflation" der Bestnoten "summa cum laude" und "magna cum laude" beobachtet der erfahrene Doktorvater Schlink. An der Berliner Humboldt-Uni, wo auch Schlink lehrt, waren das in den Jahren 2007 bis 2010 immerhin 213 von 275 Promotionen. Eine kritische Überprüfung der Arbeit des Doktoranden ist nicht nur im Summa-cum-laude-Fall Guttenberg unterblieben. Schlink kennt Fälle, in denen der Professor es aus Gründen der Vereinfachung dem Doktoranden gleich selbst überließ, den "Bericht" zu verfassen, der üblicherweise Bestandteil des abschließenden Gutachterurteils ist. Und eine Korrektur durch den Zweitgutachter - einen anderen Professor - ist unwahrscheinlich: "Wenn ich von der Note des Doktorvaters abweichen will", sagt Schlink, "muss ich die Arbeit sehr genau lesen. Das macht Arbeit. Wer will das schon auf sich nehmen?"

Es sind vor allem die sogenannten externen Dissertationen, die Probleme machen. Was aber weiß ein Professor über einen Doktoranden, der nicht bei ihm studiert hat, woher soll er dessen Arbeitstechnik kennen und seine Arbeitsmoral? "Gehäuft in den Rechtswissenschaften" treten nach der Beobachtung des Bamberger Wissenschaftssoziologen Richard Münch die Kuckuckseier auf. Zwar schmücken die von außen hereingetragenen Produkte den so umworbenen Professor, sind aber nach Münchs Beobachtung besonders anfällig für Plagiate: "Doktoranden, die voll im Beruf stehen und den Titel nur für ihre Karriere brauchen, haben meist nicht genug Zeit und Ansporn, um sich mit ihrem Thema wirklich zu beschäftigen."

Der Dr. PC, Ergebnis eilig zusammenstoppelter Textbausteine, ist die logische Konsequenz der deutschen Titel-Huberei: Weder den Doktorvätern noch ihren missratenen Kindern kommt es darauf an, was nach den Promotionsordnungen der Universitäten Sinn und Zweck einer juristischen Doktorarbeit ist. Es ist ihnen gleich, ob sie einen "Fortschritt rechtswissenschaftlicher Erkenntnis" (Uni Frankfurt) bedeutet, ob es sich tatsächlich um eine "vertiefte rechtswissenschaftliche Arbeit" (Uni Hamburg) handelt. Der Doktor als Glitzerding hat sich von seiner ursprünglichen Verwendung, dem Ausweis akademischer Qualifikation, weitgehend gelöst.

Wissenschaftliches Ethos lodert da nicht

Wissenschaftliche Redlichkeit fehlt in den universitären Lehrplänen, Glückssache, ob sie einem Dozenten so wichtig ist, dass er kostbare Zeit damit verbringt, sie seinen jungen Hörern in die Köpfe zu bläuen. Besonders verderblich bei den Juristen: Selten prägen wissenschaftlich ernstzunehmende Methoden die Arbeit der Studenten.

Ob es überhaupt Wissenschaft ist, was da gelehrt wird, ist bei den Wissenschaftlern unter den Juristen umstritten. Viele sehen den Job in den Hörsälen als reine Vermittlung von Berufspraxis, Technik der Fall-Lösung, A erschlägt B, B hat zuvor A attackiert, wer hat recht?

"Eher lax, zuweilen schlicht skandalös", urteilt Professor Möllers in Berlin, sei der Umgang mit wissenschaftlichen Sorgfaltsregeln. Die dagegen halten, muten eher verträumt an: Gerade in der Lösung praktischer Fälle, betont der altgediente Münchner Rechtsprofessor Claus-Wilhelm Canaris, "entzündet sich juristisches Denken".

Was auch immer sich da entzündet: Wissenschaftliches Ethos lodert da nicht. Eine "Reflexionsphase" im Anschluss ans Studium wünscht sich darum der Hamburger Staatsrechtsprofessor Hans-Joachim Koch: "Die Kandidaten müssen erst einmal dahinterkommen, was Rechtswissenschaft überhaupt ist."

Wer sich so viel Zeit nimmt, hat möglicherweise im Wettlauf um den besten Beraterjob oder die Stelle bei der Hochglanz-Law-Firm schon verloren. Wozu auch die ganze Mühe, wenn doch die beiden Buchstaben so oder so strafrechtlich geschützt sind. Warum das so ist? Wäre eigentlich ein schönes Promotionsthema für jemanden, der die Zeit dazu hat.


Dr. jur. Thomas Darnstädt, 62, hat in Frankfurt am Main Jura studiert. Seine Dissertation über "Gefahrenabwehr und Gefahrenvorsorge" bekam 1984 den Fakultätspreis.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 75 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. .
DJ Doena 07.09.2011
Mal die blöde Gegenfrage. Stört das jemand außerhalb dieses inzestuösen Kreises, ob sich die Juristen nun auch noch gegenseitig den Dr. jur. zuschieben? Ist das für irgendwen anderen von Belang?
2. Es nicht alles Gold...
bodo77 07.09.2011
Zitat von sysopAuffällig viele windige Dissertationen schrieben Plagiatoren in und über Juristerei. SPIEGEL-Autor Dr. jur. Thomas Darnstädt nimmt darum sein eigenes Fach aufs Korn und sagt: In den Rechtswissenschaften herrscht eine Kultur der Kumpanei. http://www.spiegel.de/unispiegel/heft/0,1518,773856,00.html
...was glänzt. Ein Bekannter schloss vor einiger Zeit seine jur. Dissertation mit scl ab. Die Bewertung seiner Arbeit musste er selbst (!) schreiben, der Doktorvater hatte keine Lust dazu. Wer weiß, vielleicht hat der Doktorvater die Arbeit wenigstens mal gelesen oder überflogen... Zu den zahlreichen Preisen für Dissertationen meinte der Bekannte: Dies sei oft ein Geschachere nach dem Motto: Jetzt muss auch mal wieder der und der Lehrstuhl oder der und der Doktorvater für eine von ihm betreute Arbeit ausgezeichnet werden...
3. Nein!
yarx 07.09.2011
Zitat von DJ DoenaMal die blöde Gegenfrage. Stört das jemand außerhalb dieses inzestuösen Kreises, ob sich die Juristen nun auch noch gegenseitig den Dr. jur. zuschieben? Ist das für irgendwen anderen von Belang?
Warum sollte es? Mich interessiert nicht mal der Doktortitel bei meinem Hausarzt.
4. Überhaupt Promotion in diesen Fächern
Chris_7 07.09.2011
Vielleicht sollte man sich überlegen, ob man Promotionen außerhalb der "harten" Wissenschaften (wie Naturwissenschaften und Ingenierwissenschaften, eben alles was rechnen, wiegen oder messen kann...) überhaupt noch zuläßt. Und ob man das, was in den Geisteswissenschaften, Rechtswissenschaften und Wirtschaftswissenschaften forschenderweise für diese Unmengen an Promotionen als Arbeiten abgeliefert wird nicht endlich in den Bereich der Scharlatanierie einordnet (und ja, ich komme aus einem dieser drei Bereiche, darf das also sagen...). So viel weltbewegend neues das es ständig zu erforschen gilt hat man hier auch nicht. Und wenn es dann etwas neues gibt reicht dies m.E. aus um die paar Habilitationen und die Diplomarbeiten/ Masterarbeiten sinnvoll zu bestücken. Der Rest ist doch in vielen Fällen nur reines Abschreiben (natürlich mit Fußnoten) und neu Zusammenfügen von Aussagen die bereits andere getroffen haben. Und überprüfbar und bewertbar ist da - im Gegensatz z.B. zu einer Meßreihe oder mathematischer Herleitung bei einem Naturwissenschaftler in vielen Fällen überhaupt nichts. Wenn ich da an das Thema der Diss. aus dem erweiterten Familienkreis denke. Da gib es sinngemäß um die Bedeutung der Katze in der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts... Wie will man das sinnvoll beurteilen?
5. !
pfzt 07.09.2011
Zitat von DJ DoenaMal die blöde Gegenfrage. Stört das jemand außerhalb dieses inzestuösen Kreises, ob sich die Juristen nun auch noch gegenseitig den Dr. jur. zuschieben? Ist das für irgendwen anderen von Belang?
Akademikerinnen auf Jagd nach Ehepartnern. Ohne Dr. nix los.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles zum Thema Plagiatsaffären
RSS

© UniSPIEGEL 4/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 75 Kommentare
  • Zur Startseite
Heft 4/2011 Leistungsdruck an der Uni: Studenten im Psycho-Stress

DPA
Wer hat dran herumgedoktert?
Plagiatjäger entlarvten Guttenberg als Copy-and-Paste-Akademiker. Seine Politikerkollegen promovierten über "Infektionen durch Entspannungsbäder" oder das "mittelniederländische Plenarium Ms. germ. 1612". Wer's war, erfahren Sie hier und werden so Quiz-Doktor im Doktor-Quiz!
Fotostrecke
Silvana Koch-Mehrin: Rücktritt einer einstigen Hoffnungsträgerin

Fotostrecke
Doktor-Pfusch: Uni Konstanz nimmt Stoibertochter den Titel