UniSPIEGEL: Die Mittzwanziger, die ihr beschreibt, wirken wie Angsthasen, wie Getriebene. Was ist eigentlich das Problem?
Pauer: Wir bilden uns immer ein, dass es da draußen irgendwo eine richtige Version von uns gibt. Wir fragen uns ständig und überall: "Ist das meine Stadt? Ist das jetzt der Typ fürs Leben? Der perfekte Job?" Und dann telefoniert oder unterhält man sich auch noch stundenlang darüber: "Bin ich das wirklich? Ist das jetzt richtig?" Da liegt das Problem! Man hat eigentlich alles und sucht trotzdem immer weiter.
Haaf: Stellen wir uns eine junge Frau vor: Sie hat studiert, eine Ausbildung gemacht und jetzt irgendwo eine Stelle bekommen. Dann denkt sie sich: "Hm, vielleicht wird mir der Job irgendwann langweilig, vielleicht sollte ich noch mal in eine andere Stadt gehen, vielleicht ins Ausland?" Dann geht sie also ins Ausland und sitzt in dieser anderen Stadt, macht ein Praktikum und denkt sich: "Ich möchte hier eigentlich gar nicht sein." Sie hat nämlich erst vor kurzem ihren Freund kennengelernt und endlich mal wieder eine Beziehung, die jetzt eine Fernbeziehung ist. Wie blöd! Und deshalb sitzt die junge Frau die ganze Zeit am Computer, skyped und kriegt überhaupt nichts mit von der neuen Stadt, die sie eigentlich entdecken wollte. Diesen Wahnsinn muss man sich doch mal klarmachen!
UniSPIEGEL: Hört sich eher nach Luxusproblemen an.
Pauer: Vielleicht Luxus-, aber keine Pseudoprobleme. Fakt ist, dass es den Leuten tatsächlich massenweise schlechtgeht, ihre Rückenschmerzen und Schlafstörungen sind real, und die kommen von dem Druck, den sie sich machen.
Haaf: Ich glaube, dass dieses Mantra-artige Wiederholen von "Ich hab gerade sooo viel Stress" oder "Mir geht so viel durch den Kopf" Teil eines Lebensstils ist. Auch wenn alle Zeitungen voll davon sind: Burnout ist kein wirkliches Problem von Mittzwanzigern, sondern in vielen Fällen wohl eher Einbildung oder Pose.
Pauer: Na ja. Mir schreiben wegen meines Buches nicht nur Betroffene, sondern auch Therapeuten und psychologische Studienberatungen. Es gibt Forschung darüber und Kliniken, wo die Leute mit knallharten, manifesten körperlichen Problemen ankommen. Burnout ist definitiv ein Problem, das viele in unserer Generation betrifft!
Haaf: Erzähl das mal der 45-jährigen Lehrerin oder dem Ingenieur, der seit Jahren seine 80-Stunden-Woche absolviert! Die lachen doch darüber! Das ist wirklich kein spezifisches Leiden der jungen Mittelschicht.
UniSPIEGEL: Haben wir es demnach mit einer verzärtelten, wehleidigen Generation zu tun? Oder ist das Leben als Student und dann als Berufseinsteiger mit immer noch mehr Praktika, Auslandsaufenthalten und Master-Studiengängen vielleicht doch zu hart?
Haaf: Unser Leben ist jedenfalls zu stark von materialistischen und leistungsorientierten Werten geprägt. Es hat deswegen nicht viel Substanz. Was als persönliches Ziel erscheint - ein perfekter Lebenslauf, Erfolg -, unterliegt letztlich völliger Fremdbestimmung.
Pauer: Also, ich glaube nicht an die Theorien vom großen bösen System, das uns alle auffrisst. Die Ängste und Zweifel kommen ja aus uns: "Bin ich gut genug? Mache ich alles richtig?"
Haaf: Ich finde, man muss dieses permanente Gerede, dass wir alle immerzu im globalen Wettbewerb bestehen müssen, nicht einfach schlucken. Man muss dem mal etwas entgegensetzen. Aber mit dem Stress geht es vielen wie mit einer dysfunktionalen Beziehung: Man leidet, will den Partner oder die Partnerin eigentlich loswerden, aber gleichzeitig braucht man ihn und kommt nicht los.
UniSPIEGEL: Was sind die Folgen eines solchen Lebensstils?
Pauer: Dieses Kreisen um uns selbst, diese negative Egozentrik macht uns letztlich zu unglücklichen Menschen. Der Druck wird ja auch nie weniger, im Gegenteil.
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