Rätselhafte Mittzwanziger: Burnout ist für alle da

Versteh einer diese Gleichaltrigen! Die Mittelschichtskinder zwischen 20 und 30 haben alles, viele sind trotzdem unglücklich. Nina Pauer und Meredith Haaf haben darüber Bücher geschrieben. Ein Gespräch über Luxusproblemchen und selbstverschuldeten Nervenzusammenbruch.

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Sibylle Fendt

Autorinnen Pauer und Haaf: "Man hat eigentlich alles und sucht trotzdem immer weiter"

UniSPIEGEL: Die Mittzwanziger, die ihr beschreibt, wirken wie Angsthasen, wie Getriebene. Was ist eigentlich das Problem?

Pauer: Wir bilden uns immer ein, dass es da draußen irgendwo eine richtige Version von uns gibt. Wir fragen uns ständig und überall: "Ist das meine Stadt? Ist das jetzt der Typ fürs Leben? Der perfekte Job?" Und dann telefoniert oder unterhält man sich auch noch stundenlang darüber: "Bin ich das wirklich? Ist das jetzt richtig?" Da liegt das Problem! Man hat eigentlich alles und sucht trotzdem immer weiter.

Haaf: Stellen wir uns eine junge Frau vor: Sie hat studiert, eine Ausbildung gemacht und jetzt irgendwo eine Stelle bekommen. Dann denkt sie sich: "Hm, vielleicht wird mir der Job irgendwann langweilig, vielleicht sollte ich noch mal in eine andere Stadt gehen, vielleicht ins Ausland?" Dann geht sie also ins Ausland und sitzt in dieser anderen Stadt, macht ein Praktikum und denkt sich: "Ich möchte hier eigentlich gar nicht sein." Sie hat nämlich erst vor kurzem ihren Freund kennengelernt und endlich mal wieder eine Beziehung, die jetzt eine Fernbeziehung ist. Wie blöd! Und deshalb sitzt die junge Frau die ganze Zeit am Computer, skyped und kriegt überhaupt nichts mit von der neuen Stadt, die sie eigentlich entdecken wollte. Diesen Wahnsinn muss man sich doch mal klarmachen!

UniSPIEGEL: Hört sich eher nach Luxusproblemen an.

Pauer: Vielleicht Luxus-, aber keine Pseudoprobleme. Fakt ist, dass es den Leuten tatsächlich massenweise schlechtgeht, ihre Rückenschmerzen und Schlafstörungen sind real, und die kommen von dem Druck, den sie sich machen.

Haaf: Ich glaube, dass dieses Mantra-artige Wiederholen von "Ich hab gerade sooo viel Stress" oder "Mir geht so viel durch den Kopf" Teil eines Lebensstils ist. Auch wenn alle Zeitungen voll davon sind: Burnout ist kein wirkliches Problem von Mittzwanzigern, sondern in vielen Fällen wohl eher Einbildung oder Pose.

Pauer: Na ja. Mir schreiben wegen meines Buches nicht nur Betroffene, sondern auch Therapeuten und psychologische Studienberatungen. Es gibt Forschung darüber und Kliniken, wo die Leute mit knallharten, manifesten körperlichen Problemen ankommen. Burnout ist definitiv ein Problem, das viele in unserer Generation betrifft!

Haaf: Erzähl das mal der 45-jährigen Lehrerin oder dem Ingenieur, der seit Jahren seine 80-Stunden-Woche absolviert! Die lachen doch darüber! Das ist wirklich kein spezifisches Leiden der jungen Mittelschicht.

UniSPIEGEL: Haben wir es demnach mit einer verzärtelten, wehleidigen Generation zu tun? Oder ist das Leben als Student und dann als Berufseinsteiger mit immer noch mehr Praktika, Auslandsaufenthalten und Master-Studiengängen vielleicht doch zu hart?

Haaf: Unser Leben ist jedenfalls zu stark von materialistischen und leistungsorientierten Werten geprägt. Es hat deswegen nicht viel Substanz. Was als persönliches Ziel erscheint - ein perfekter Lebenslauf, Erfolg -, unterliegt letztlich völliger Fremdbestimmung.

Pauer: Also, ich glaube nicht an die Theorien vom großen bösen System, das uns alle auffrisst. Die Ängste und Zweifel kommen ja aus uns: "Bin ich gut genug? Mache ich alles richtig?"

Haaf: Ich finde, man muss dieses permanente Gerede, dass wir alle immerzu im globalen Wettbewerb bestehen müssen, nicht einfach schlucken. Man muss dem mal etwas entgegensetzen. Aber mit dem Stress geht es vielen wie mit einer dysfunktionalen Beziehung: Man leidet, will den Partner oder die Partnerin eigentlich loswerden, aber gleichzeitig braucht man ihn und kommt nicht los.

UniSPIEGEL: Was sind die Folgen eines solchen Lebensstils?

Pauer: Dieses Kreisen um uns selbst, diese negative Egozentrik macht uns letztlich zu unglücklichen Menschen. Der Druck wird ja auch nie weniger, im Gegenteil.

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1. ...
iman.kant 29.01.2012
Das Gespräch fand ich sehr gut und stimme mit vielem überein. Dennoch ist von der Generation 20 - 30 von einer sehr schwachen Generation auszugehen. Die Gründe dieser Schwäche sind mannigfaltig, aber vor allem herrührend von der Flut and Informationen und Eindrücken die ein Mensch schlichtweg nicht fähig ist zu verarbeiten. Diese Generationen sieht sich zuvielen "Problemen" gegenüber. Viele dieser Probleme sind nicht greifbar und damit nicht lösbar. Die Wertevermittlung muss im Elternhaus und auch in der Schule vermehrt stattfinden. Es muss gelobt und getadelt werden. Nur damit ist der Mensch fähig sich sein "Raster" aufzubauen dass auch in dieser informationsüberfüllten Welt Anwendung finden kann. Der letzte Satz von Fr. Prauer finde ich einfach nur dumm: "Haaf: Das stimmt schon. Andererseits bin ich mir nicht sicher, ob ich von Angela Merkel auf Facebook angequatscht werden will. Vielleicht würde ich dann mein Profil löschen."
2. Jugendlich feministische Idologie
sicherheitsexperteirrland 29.01.2012
Nina Pauer: Geschichte, Soziologie und Journalistik; 2011 erstes Buch : Wir haben keine Angst. Gruppentherapie einer Generation. Meredith Haaf, Geschichte und Philosophie; u.a. bei EMMA; 2008 : Wir Alphamädchen; 2011 : Heul Doch. Tja, Alice Schwarzer hat in einem berüchtigten Interview mal behauptet, dass Frauen früher als Männer sterben. Ihre Gegnerin, Esther Vilar, ist, nachdem sie zusammengeschlagen wurde, in die Schweiz geflüchtet. Der Spiegel übt sich hier mal leider wieder in feministischer jugendlichkeits Ideologie fernab jeglicher Realität. Wie wärs mal mit Bewährung im realen Leben ? Das Endlager Asse wartet auf tatkräftige Frauen ohne Angst, die hinter den Männern her mal richtig aufräumen - wer ohne Angst ist, ist dafür bestgeeignet... Mit einer 90 Stunden Woche kann man die Räumung noch schaffen - und jeden Morgen schön blöken : Burn Out ist eine Mode - Frauen ohne Angst greifen an..... Ein solcher Artikel ist -aus dem Umfeld des Elfenbeinturms u.a. der heruntergewirtschafteten ZEIT- eine Beleidigung für alle jungen Frauen, die sich in vom Drogeriemarkt bis Bandfertigung plus Nebenjobs oder in prekären Verhältnissen den Arsch aufreissen - an der Masse der Frauen geht derartiger Feminismus auch deshalb vorbei - die Schlecker-Verkäuferin ist wohl nicht die Zielgruppe... *...wenn in fünf Jahren die China alle wichtigen Firmen gekauft hat und das Gemeinwesen auf afrikanische Verhältnisse absinkt - werdet ihr dann Gleichstellungsbeauftragte exportieren können ?*
3. Finden Sie den Widerspruch!
peter78 29.01.2012
Zitat von sysopWas als persönliches Ziel erscheint - ein perfekter Lebenslauf, Erfolg -, unterliegt letztlich völliger Fremdbestimmung. ... Warum kriegen die Parteien das eigentlich nicht gebacken, Facebook richtig zu nutzen?
Aua! Die Fremdbestimmung besteht darin, wenn ich glaube alle massiv beworbenen Markenprodukte (Facebook! Apple!) auch haben zu müssen und selber jeden als uncool bezeichne, der diese Produkte nicht hat. Es gibt einen Unterschied zwischen Facebook und dem Internet! Wirklich!
4. Das Leben
Gaiwa 29.01.2012
Ich würde es nicht als Luxusproblem bezeichnen, dass man vom Leben mehr erwartet als zu Überleben (wie gut oder schlecht, finanziell, ist dabei ja egal). Mag schon sein, dass die meisten sich mit weniger zufrieden geben, aber ob das besser ist bezweifel ich. Dass das ganze Mitte/Ende 20 ein kleines Drama für manche sein kann liegt wohl daran, dass man da das Fundament für den ganzen Rest legt.
5.
fatali2 29.01.2012
Das Problem ist der Atheismus, bzw. die fehlende Beschäftigung mit Religion & Philosophie. Wer die kapitalistischen Maxime zu seiner Lebensphilosophie macht (immer höher, immer besser), der ist damit denkbar schlecht beraten und muss sich nicht darüber wundern, dass Gier nicht glücklich macht. Mangelnde Selbstwertgefühle & und die Unterentwicklung des Charakters spielen da genau so hinein. Schuld gebe ich da unserem Erziehungssystem, dass es nicht schafft ein moralischen Gegenpol zur Welt da draussen zu erschaffen. Da sind aber auch die Eltern gefragt.
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Titelbild
Heft 6/2011 Marina Weisband studiert Psychologie und führt die Geschäfte der Piratenpartei
Zu den Personen
Nina Pauer, 29, studierte Geschichte, Soziologie und Journalistik an der Universität Hamburg und der Université Michel Montaigne in Bordeaux; jetzt lebt sie in Hamburg. Sie schreibt vor allem für das Feuilleton der "Zeit" und das "Zeitmagazin".

Meredith Haaf, 28, hat Geschichte und Philosophie in München studiert und lebt in Berlin. Mit zwei Co-Autorinnen veröffentlichte sie 2008 das Buch "Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht".


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