Studentische Landlust: Zurück zu den Wurzeln

Von Marie-Charlotte Maas

Sie wollen Muskelkater in den Armen und Schwielen an den Fingern: Acht Studenten haben einen Schrebergarten gepachtet. Die Hobby-Gärtner genießen das meditative Leben abseits der Uni - und liegen damit im Trend. Denn die Wartelisten in Großstädten sind lang.

Gibt es etwas Spießigeres als eine Kleingartenanlage? Quadratische Grünflächen mit einem Holzhäuschen drauf? Deutschlandfahnen an langen Masten? Stiefmütterchen in Reih und Glied? Gestutzte Hecken, getrimmte Buchsbäumchen, rotwangige Gartenzwerge allüberall? Kann man sich in so einem Umfeld wohl fühlen, wenn man unter 30 ist?

"Ja sicher", sagt Leo, 28.

"Natürlich", findet Verena, 29.

"Und wie!", ruft Tobi, 29.

Ein Tag im April, der Wind weht leicht, noch keine 15 Grad, doch die drei Studenten sind mal wieder gemeinsam mit fünf Freunden im Kieler Kleingartenverein e. V. von 1897. Genauer gesagt auf Parzelle 282, gemeinsam erworben vor drei Jahren für 800 Euro Ablöse plus monatlicher Pacht, inklusive Gartengeräte.

Es ist einiges zu erledigen heute: Blümchen müssen gepflanzt, ein paar Äste geschnitten, der Rasen muss gestutzt werden. Verena trägt Gartenschuhe aus Plastik und sticht mit dem Spaten Löcher für ein paar Spätblüher in den Boden, Tobi steckt in einem grünen Arbeitsoverall und bringt Pflanzen heran, die anderen heizen den Grill vor: Nach der Arbeit soll es Würstchen und Pils geben, da ist jeder Kleingärtner wie der andere, egal ob 28 oder 68.

Die acht Kieler sind nicht allein mit ihrer Leidenschaft. Plötzlich interessieren sich immer mehr Studenten für Schrebergärten, von Norden bis Süden, von Kiel bis Heidelberg. Bloß: Was ist so toll daran, Laubenpieper zu sein, im Mutterboden zu wühlen, Unkraut zu zupfen, Rosen zu beschneiden?

Anne ist 26, kam aus Mecklenburg-Vorpommern zum Studieren nach Kiel und findet die Arbeit im Garten "meditativ". Es sei "schön", Muskelkater in den Händen zu haben und Schwielen an den Fingern. Bevor die Parzelle in ihr Leben gekommen sei, habe sie mit dem Gärtnern nicht viel am Hut gehabt, jetzt sei sie begeistert und finde "innere Ruhe" im Garten.

"Tobi, mach mal den Rasen"

Tobi hat bereits als Kind zu Hause in Freiburg Erfahrungen als Gärtner sammeln können: "Da hieß es dann immer: Tobi, mach mal den Rasen, und ich habe es auch gern gemacht. In der Pubertät war damit Schluss. Es gab plötzlich nur Dinge, die ich lieber tat. Etwas Spießigeres als einen Schrebergarten konnte ich mir damals nicht vorstellen."

Heute, sagt er, genieße er es, Lebensmittel selbst zu produzieren. Und das körperliche Auspowern sei ein schöner Ausgleich zum Sitzen am Schreibtisch.

Verena sagt, die Arbeit in der Parzelle mache den Kopf frei, abends fühle man sich angenehm erschöpft: "Andere gehen joggen, wir gärtnern." Studien haben sogar bewiesen, dass 20 Minuten Gartenarbeit am Tag die Anzahl von Stresshormonen drastisch senken. Und "gestresst" sind heutzutage ja irgendwie alle - vielleicht sind darum auch die Wartelisten für eine Parzelle vor allem in Großstädten so lang.

Rund drei Million Menschen verbringen ihre Freizeit schon regelmäßig in Schrebergärten, fast 45 Prozent der Neuverpachtungen gehen mittlerweile an junge Kleinfamilien. Immer mehr Mittzwanziger lesen das Magazin "Landlust", schenken sich zum Geburtstag Gartenbücher und tauschen sich in Foren über den idealen Dünger für Salatköpfe und über das Glück der ersten selbstgemachten Marmelade aus.

Die Möhren machten schon bei zwei Zentimetern schlapp

Jeder der acht Studenten zahlt rund 18 Euro Pacht pro Jahr, dafür können sie ihr eigenes Gemüse ziehen und ein bisschen Geld sparen, theoretisch zumindest. Die ersten Ernten waren nicht sonderlich üppig, geben Tobi und Anne zu. Fehlt etwa der grüne Daumen? "Ich schiebe es ja auf den schlechten Sommer", sagt Anne. "Nur die Minze und die Radieschen sprossen", ergänzt Tobi.

Die Möhren machten schon bei zwei Zentimetern schlapp, und Kürbis, Zwiebeln, Zucchini und Chilipflanzen verkümmerten. Das hat die Truppe schon enttäuscht: Dieses Jahr soll es anders werden. Anne zieht mittlerweile - ganz Profi-Gärtnerin - die Pflanzen zu Hause vor, bevor sie dann auf Parzelle 282 in die Erde kommen.

Schräg gegenüber, in Parzelle 284, harkt Herr Schröder, 73 Jahre alt, eine Zigarette im Mund, das Beet in Form. Nach eigenem Bekunden ist er "immer hier", und das seit 40 Jahren. Angesprochen auf die Studenten von der anderen Seite, zeigt er sich wortkarg, aber nicht ablehnend.

"Sie könnten ein bisschen mehr tun", gibt er zu, aber dann: "Ich habe Verständnis, ich war ja auch mal jung, und mein Garten war auch nicht von Anfang an perfekt." Dem Klischee des gestrengen Schrebergartennachbarn entspricht Herr Schröder so gar nicht, und auch die anderen Mieter scheinen sich über den Nachwuchs mit dem etwas wilderen Garten eher zu freuen.

Nur ein einziges Mal bekamen die acht Freunde Ärger in den vergangenen drei Jahren, und das war gleich zu Beginn ihrer Vereinsmitgliedschaft.

Da hatten sie einen Pool aufgebaut, doch die Freude währte nicht lange. Schnell kam ein Brief, der darauf hinwies, dass der Wasserverbrauch zu hoch sei, um ihn der Gemeinschaft anzulasten. Der Pool musste also weg. Der Begeisterung tat das jedoch keinen Abbruch, denn ansonsten geht es im Kieler Kleingartenverein eher locker zu.

1,20 Meter Hecken-Regel

An ein paar Regeln müssen sich die Studenten dennoch halten: Der Weg vor der Parzelle soll von Unkraut freigehalten werden, und die Hecke darf nicht höher als 1,20 Meter sein. "Wir sind schon oft später dran als die anderen Pächter, wenn es beispielsweise um das Schneiden der Hecken geht. Wir erledigen es, aber wir hinken stets ein kleines bisschen hinterher", gesteht Verena.

Die Berliner Soziologin Elisabeth Meyer-Renschhausen sagt, die "Zurück-zur-Natur-Bewegung" sei in Wellen bei der Jugend immer mal wieder zu beobachten. Vor rund hundert Jahren vermerkte zum Beispiel Meyers Konversationslexikon "einen Zustrom junger Leute aus den gebildeten Klassen zum Beruf des Gärtners".

Meyer-Renschhausen sieht als Grund für die aktuelle Gärtner-Begeisterung der Studierenden die Sehnsucht nach etwas Greifbarem: "Die Studenten verbringen ja sehr viel Zeit vor dem Computer. Das Studium ist eine entsinnlichte Arbeit. Mit der Arbeit im Garten gehen sie zurück zu den Wurzeln. Das ist etwas Handwerkliches, was man gemeinsam in der Gruppe erlernen kann."

Ein Berliner Architekturbüro hat sich in weiser Voraussicht schon vor einigen Jahren auf die Neu-Gärtner eingestellt und entwirft Lauben in knalligen Bonbonfarben. Verena und die anderen sind mit ihrer alten Hütte allerdings noch recht zufrieden, auch wenn es durch das Vordach tropft. Im Inneren lässt sich sogar schlafen, was in Kleingärten allerdings nicht gern gesehen wird, aber sogar Herr Schröder von schräg gegenüber hat das in früheren Jahren ab und zu "ganz heimlich" gemacht, verrät er leise.

Und wie reagieren die Freunde auf die neue Leidenschaft der Junggärtner? Fast jedes Mal gleich: Erst wird gegrinst, dann finden es alle doch irgendwie cool, und am Ende sitzen sie ständig mit im Garten und packen auch schon mal mit an; eine befreundete Gruppe hat mittlerweile um die Ecke sogar ihren eigenen Garten.

Am späten Nachmittag ist dann irgendwann der Grill so weit, die fleißigen Gärtner versammeln sich um den Tisch, die Bratwürstchen brutzeln, die Vögelchen singen, alles ist gut. Dann gibt's auch endlich ein Bier, und der Trinkspruch ist stets der gleiche: "Auf den Schrebergarten!"

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1.
urban4fun 26.06.2012
Wenn man sich einen Garten zulegt, sollte man keinen nehmen, der einem Kleingartenverein angehört. Denn die Tatsache, dass das Sich-das-Maul-zerreissen über das kleinste Unkraut des Anderen die einzige Gymnastik zu sein scheint, die die werten Herren kleinbürgerlicher Spießer praktizieren, verleitet einem selbst zu sehr die Freude am Garten.
2.
suane 26.06.2012
Zitat von urban4funWenn man sich einen Garten zulegt, sollte man keinen nehmen, der einem Kleingartenverein angehört. Denn die Tatsache, dass das Sich-das-Maul-zerreissen über das kleinste Unkraut des Anderen die einzige Gymnastik zu sein scheint, die die werten Herren kleinbürgerlicher Spießer praktizieren, verleitet einem selbst zu sehr die Freude am Garten.
Da kann ich Ihnen nur wärmstens zustimmen. Zudem möchte ich die Frage aufwerfen ob der Inhalt des Artikels jetzt wirklich eine Meldung wert war...
3. Aber wie soll's anders gehen?
henryb_de 26.06.2012
Zitat von urban4funWenn man sich einen Garten zulegt, sollte man keinen nehmen, der einem Kleingartenverein angehört. Denn die Tatsache, dass das Sich-das-Maul-zerreissen über das kleinste Unkraut des Anderen die einzige Gymnastik zu sein scheint, die die werten Herren kleinbürgerlicher Spießer praktizieren, verleitet einem selbst zu sehr die Freude am Garten.
Also erstmal finde ich es sehr gut dass junge Leute gärtnern gehen. Ich selbst habe es so erlebt, dass meine Eltern als ich 12 oder 13 war einen Garten bekamen (Kauf. ca 600qm, kein Verein). Der musste aus Ackerland erst angelegt werden. Im Osten, wo es kaum was gab, und an den massiven Kauf von Arbeitskraft (Handwerker) war ohne DM oder viiiel Ostmark garnicht zu denken, war das eine ganz schöne Arbeit. Wasserleitung, Elektroleitung, Bungalow mit Keller, Zaun ... alles selbst gemacht. Auch wenn die Arbeit manchmal fast zuviel wurde ... die Freude über die Ergebnisse überwog. Rasenmähen mache ich heute noch gern ... und die coolen Parties im Garten entschädigten. Ausserhalb eines Vereins und in der etwa 3-fachen Größe einer Vereinsparzelle ... das ging nur im kleinstädtischen bis ländlichen Raum. In der Großstadt gibt es nun mal fast nur von Vereinen "besetzte" Sparten. Da hat man keine Wahl. Und viele wollen oder können nicht erst 20 ... 30km Auto fahren, um aufs Land zu kommen. Eine Stunde Garten nach der Arbeit wirkt oft Wunder. Die jungen Leute, die sich in solche Vereine wagen, sind Wegbereiter und leiten, zumindest hier im Osten, einen massiven Gernerationswechsel ein. Und sie nehmen das einiges auf sich ... den es gibt dort wirklich oft massives Spiesbügertum, Klüngel, Vereinsmeierei ... etc. Viele "Alte" vergessen dabei, dass wenn Sie die "Jungen" vergraulen ... nach und nach um sie herum der Zerfall einsetzen würde. Nachfolgende Junge Leute sollten diesen Pionieren dankbar sein und möglichts schnell nachrücken um zu verhindern dass die Jungen auch in die Muster der Alten verfallen. Die Alten sollten offen den Jungen gegenübertreten und z.B. Gartentipps verteilen, denn der Anbau von Möhren oder Kürbis is nur wirklich ein Kinderspiel. Wozu man dazu aber eine Zeitschrift oder mehr als ein gutes Buch braucht erschliesst sich mir nicht. Ähnliches findet übrigens gerade auch auf den Campingplätzen mit vielen Dauercampern nahe der Ballungsräume statt. Viele Grüße
4. Grüner Akademikerdaumen
Spiegelleser2.0 26.06.2012
Aaaaah! Wenn angehende Akademiker mal mit Erde oder Dreck in Berührung kommen und Gärtnern, macht der SPIEGEL sofort eine Geschichte über neue Trends etc. Was für ein Mist, es ist wie mit dem Wandern, als man in den frühen 90er-Jahren mit dem Wandern anfing, haben genau diese neuen Spießer darüber gelässtert: "Spießer" (was in deren Augen und der Grünen auch bedeutet: Wandern Gärtnern = Spießer = Nazi = Nichtakademiker). Verschonen Sie uns mit solchen langweiligen Geschichten! Es ist auch erschreckend zu sehen wie sich der Spiegel (Printausgabe) immer mehr Focus und Stern annähert!
5.
urban4fun 26.06.2012
Zitat von henryb_deDie jungen Leute, die sich in solche Vereine wagen, sind Wegbereiter und leiten, zumindest hier im Osten, einen massiven Gernerationswechsel ein. Und sie nehmen das einiges auf sich ... den es gibt dort wirklich oft massives Spiesbügertum, Klüngel, Vereinsmeierei ... etc. Viele "Alte" vergessen dabei, dass wenn Sie die "Jungen" vergraulen ... nach und nach um sie herum der Zerfall einsetzen würde. Nachfolgende Junge Leute sollten diesen Pionieren dankbar sein und möglichts schnell nachrücken um zu verhindern dass die Jungen auch in die Muster der Alten verfallen. Die Alten sollten offen den Jungen gegenübertreten und z.B. Gartentipps verteilen, denn der Anbau von Möhren oder Kürbis is nur wirklich ein Kinderspiel.
Ich gebe Ihnen vollkommen recht. Auch wir haben einen Kleingarten am Rande unserer Stadt. Vor ein paar Jahren hatten wir einen großen Garten mit ein paar Freunden gepachtet und wollten den etwas alternativ-ökologisch gestalten. War nichts zu machen, die anderen Kleingärtner haben sich in die Hose geschissen, dass sie die Berechtigung als Kleingartenverein verlieren, bei uns sähe es sowieso immer aus und überhaupt und sowieso. Auch die Recherche bei den jeweiligen Ämtern und deren Bestätigung, dass keinesfalls eine Aberkennung drohe, hat die Herren nicht beruhigt. Ich hab damals gelernt, dass Menschen nicht dumm genug sein können. Aber wenn zur Dummheit noch Arroganz, Borniertheit und Besserwisserei hinzukommen, wird's unerträglich. Und solche Leute tummeln sich meist in Kleingärtenvereinen.
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