Thomas Rövekamp sieht aus wie Jan Hofer in Alt: grau meliert, akkurat gescheitelt, die Falten im Gesicht übersichtlich und gut sortiert. Jan Hofer liest emotions- und fast ausdruckslos die "Tagesschau"-Nachrichten, Thomas Rövekamp ist Controller.
Jeder Euro zählt: Die Kostensenker sind notwendig, aber selten beliebt
Rövekamp war erst Controller in der Brauindustrie, dann bei einem Automobilzulieferer, zuletzt Chefcontroller beim Porzellanhersteller Hutschenreuter. Jetzt sitzt er als Finanzchef im Vorstand des in BHS tabletop AG umfirmierten Unternehmens.
Rövekamp war einer der ersten Deutschen seines Standes. "Ich weiß noch, wie meine Frau und ich vor 20 Jahren bei unserer Vermieterin einzogen. Abends rief die dann heimlich bei meiner Frau an: Sagen Sie mal, was ist das eigentlich, ein Controller?"
Heute weiß man immerhin, dass das nichts Unanständiges ist. Aber das Bild vom Pullunder tragenden Erbsenzähler mit Unterbiss hält sich wacker. Und das, obwohl sich Controller ebenso wacker bemühen, es zu kippen.
War schon Moses Controller?
"Ein guter Controller war Christoph Kolumbus, weil er neue Wege beschritt", sagt Professor Wolfgang Männel, Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Erlangen-Nürnberg.
"Ein guter Controller war Jakob Fugger, weil er genug Geld hatte, das er dem Kaiser leihen konnte", sagt Professor Kurt Vikas, wissenschaftlicher Berater für Controlling-Fragen bei der Unternehmensberatung Plaut.
"Ein guter Controller war John F. Kennedy, weil er was anpackte und es nicht aussaß", sagt Herbert Dienst, Controller und als Trainer sozusagen Controller-Controller.
"Nee, alles drei nicht", sagt Rövekamp, "dann passt schon eher das Bild von Moses als Controller. Der hatte eine Zielvorstellung: Wir wollen ins Gelobte Land. Dann kam das strategische Controlling: Mit welchen Instrumenten kommen wir ans Ziel? Zu Fuß? Per Schiff? Dann das operative Controlling: Haben wir genug Proviant? Sind wir trainiert? Wie teilen wir uns auf?" Als dann die Ägypter dem Volk Israel kriegerisch folgten, plante Moses das, was Leute wie Rövekamp nun "diversifizierte Zielabweichung" nennen: die Flucht durchs Rote Meer. "Bei allem, was er tat, wusste Moses: Die Knappheit der Ressourcen ist die Grundlage seines Wirtschaftens."
In der Rezession sind Controller gefragt
Die ändert sich natürlich im Laufe der Zeiten, im Laufe der Kulturen und vor allem innerhalb der verschiedenen Industriebranchen.
"Als ich in der König-Brauerei arbeitete, war das Marketing-Controlling entscheidend: Wie kriegt man den anonymen Kunden? Durch Werbung? Großhändler? Sponsoraktionen? In der Autobranche war die Kernfrage: Wie werde ich in der Produktion noch produktiver? Die Konstrukteure müssen lernen, schon während des Denkens zu sparen. In der Porzellanindustrie hat neben dem Marketing wiederum die Logistik das besondere Augenmerk von Controllern: der Einkauf von Rohstoffen, der Lagerbestand, der Versand. Und das in einem durchweg gesättigten Markt: Osteuropa und Asien sind starke Konkurrenten. Und wer kriegt heute zur Konfirmation noch Tafelgeschirr?"
Es scheint jedenfalls einen Paradigmenwechsel im Image von Rövekamps Berufsgruppe zu geben. Denn welchen Erbsenzähler hätte man vor fünf Jahren mit Kennedy verglichen? Nun aber, da überall gejammert wird über Rezession und Wirtschaftsflaute, brummt die Zahlen-Kolonne der Kostensenker und Gürtelenger-Schnaller, Pfennigfuchser und Optimierungsfetischisten, von denen es allein in Deutschland rund 50 000 gibt.
Der "Arsch der Firma" rationiert noch das Klopapier
Den ganzen Tag auf der Suche nach Einsparungen und Prozesssteuerungen, häufig nur Kleinviehmaßnahmen, die erst über das Jahr verteilt Ertrag bringen. Da wird die Raumtemperatur ab 17 Uhr um zwei Grad gedrosselt. Besucherkittel werden bei 60 statt bei 90 Grad gewaschen. Selbst das Toilettenpapier wird portioniert verteilt.
Wer sich so etwas ausdenkt, hauptberuflich, hat keinen guten Ruf. Und er leidet darunter, dass er keinen guten Ruf hat.
"Man hat ständig damit zu kämpfen, Arsch der Firma zu sein", sagt Harald Hollenstein, Teilnehmer bei einem Plaut-Weiterbildungsseminar.
"Der Druck von oben ist bei Controllern gigantisch", sagt Volker Hartmann, ebenfalls Seminarteilnehmer, "die Fluktuation ist hoch. Das Klima ist hart. Man muss aufpassen, was man sagt", sagt er.
Thomas Rövekamp sitzt heute im Vorstand und strahlt: "Es ist ein Zukunftsberuf." Oder er macht Witze: "Kennen Sie den? Ein Pessimist, ein Optimist und ein Controller sitzen in einer Kneipe vor einem Glas. ,Halb voll', sagt der Optimist, ,halb leer' meint der Pessimist. 'Das Glas ist für seinen Zweck 100 Prozent zu groß', erklärt der Controller." Über solche Gags lachen Leute, die bei "Titanic" nicht weinen.
Controller, der Beruf, den vor 20 Jahren bei Robert Lembkes heiterem Beruferaten kaum jemand erraten hätte, hat seine Wurzeln im industriellen Zeitalter. Natürlich gab es schon bei den Pharaonen Aufpasser und Prozessoptimierer. Natürlich waren Einrichtungen wie die mittelalterlichen Zünfte auch Qualitätssicherungsanstalten, aber erst mit Erfindung des Förder- und Fließbandes wurde eine Steuerung der maschinellen Arbeitsvorgänge notwendig.
Im zweiten Teil:
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