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28.02.2002
 

Packesel der Wissenschaft

Nicht ohne meinen Hiwi

Von André Moeller

Den meisten Professoren ist klar, dass sie auf studentische Hilfskräfte nicht verzichten können. Das Anforderungsprofil reicht vom Kofferträger bis zum Lehrstuhlmanager. Doch mit der Bezahlung hapert es, Dumpingstundenlöhne von fünf Euro sind keine Seltenheit - Überstunden inklusive.

Recherchieren, exzerpieren, korrigieren - klassische Tätigkeiten von Hilfskräften
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DPA

Recherchieren, exzerpieren, korrigieren - klassische Tätigkeiten von Hilfskräften

Als Geschichtsstudentin Andrea K. von ihrem Professor gefragt wurde, ob sie an einer wissenschaftlichen Publikation mitarbeiten möchte, ging ein Traum in Erfüllung: Sie erhoffte sich einen Blick hinter die Kulissen, einen praxisnahen Job als Türöffner für eine akademische Karriere. Doch schon nach einem halben Jahr entschied sie sich gegen eine Vertragsverlängerung: "Ich konnte mir den Job einfach nicht mehr leisten."

Andrea K. erhält weder Bafög noch Geld von den Eltern. Schnell musste sie einsehen, dass sie mit dem mageren Stundenlohn nicht weit kam - bei 14 Stunden Wochenarbeitszeit hatte sie am Monatsende 440 Euro auf dem Konto. Nach der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks liegt der monatliche Finanzbedarf für Studierende bei durchschnittlich 640 Euro, in Großstädten wie Hamburg, München oder Köln sogar bis zu 770 Euro.

Mit acht Euro Spitzenverdienerin

Dabei zählte Andrea K. noch zu den Spitzenverdienern unter den Hilfskräften. Ihr Stundenlohn entsprach den Richtlinien der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL): Studentische Hilfskräfte ohne Studienabschluss erhalten demnach 8,02 Euro an Unis und 5,58 Euro an Fachhochschulen, wissenschaftliche Hilfskräfte mit Examen 12,69 Euro.

Was das Studium kostet
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DER SPIEGEL

Was das Studium kostet

"Mein tatsächlicher Stundenlohn war allerdings viel niedriger", klagt Andrea K. Bezahlte Überstunden waren in ihrem Pauschalvertrag nicht vorgesehen. "Aber wer weigert sich schon, dies oder jenes noch schnell zu erledigen, wenn der Prof einem bald schon in der Prüfung wieder begegnet?"

Die Gewerkschaften kritisieren, dass die TdL-Vergütungen auf dem Stand von 1993 eingefroren, also seit fast zehn Jahren nicht mehr angepasst wurden. Zudem handele es sich um "Höchstgrenzen für die Entlohnung der studentisch Beschäftigten", erläutert Matthias Lauer von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), "die Länder können die studentischen Löhne also willkürlich festlegen."

Lohndumping an den Ost-Hochschulen

In Bayern zahle fast keine Hochschule mehr als 6,40 Euro, der Uni Passau sei eine Arbeitsstunde sogar nur 5,11 Euro wert. "Doch auch das wird noch unterboten", berichtet Lauer von Fachhochschulen in den neuen Ländern mit Stundensätzen zwischen 4,28 und 4,76 Euro.

Gerd Köhler vom GEW-Vorstand hält solche Löhne für "unanständig". Während eine leistungsorientierte Besoldung die Verdienstmöglichkeiten von Professoren erweitere, wachse zugleich das Heer der Tagelöhner an den Hochschulen. Befristete Kettenverträge hielten studentische und wissenschaftliche Hilfskräfte, aber auch Lehrbeauftragte ohne gesicherte Ansprüche "just in time" verfügbar, kritisiert der Gewerkschafter. Und das vergifte das Arbeitsklima.

Köhler hält einen Tarifvertrag zu Löhnen und anderen Arbeitnehmerrechten für längst überfällig. Er weist darauf hin, dass die Gewerkschaften sich bereits 1992 mit der TdL auf einen Tarifvertrag für studentische Beschäftigte geeinigt haben. "Der hätte nur noch unterschrieben werden müssen", sei dann aber an den Ländern gescheitert, die bis heute an extremen Niedriglöhnen festhielten.

Vorbild Berlin: Einziges Bundesland mit Tarifvertrag

Der Freie Zusammenschluss von StudentInnenschaften fordert 35 Prozent mehr Gehalt. Das entspräche einer Übernahme der Berliner Löhne. Die Hauptstadt ist seit 1986 das einzige Bundesland mit einem Tarifvertrag für Hilfskräfte. "Der stand zwar schon mehrfach kurz vor der Kündigung durch die Arbeitgeber", räumt Matthias Jähne von der Berliner GEW ein, er hält das Modell aber für bundesweit vorbildlich.

Gerd Köhler: "Unanständige Löhne"

Gerd Köhler: "Unanständige Löhne"

Berlin zahlt studentischen Beschäftigten zwischen 10,22 und 10,98 Euro pro Stunde. Die Sätze steigen analog zu den Tarifabschlüssen im öffentlichen Dienst, für Wochenend- und Nachtarbeit gibt es Zuschläge, die Verträge laufen in der Regel vier Semester. Außerdem gibt es Mindeststandards für Arbeitszeiten, Urlaub, Weihnachtsgeld und Kündigungsfristen.

Angesichts der mageren Löhne geht manchen Hochschulen inzwischen das Personal aus. "Selbst wenn wir Hilfskräfte selber ausbilden - zum Beispiel im EDV-Bereich - verschwinden die bald wieder. In der freien Wirtschaft wird halt einfach besser bezahlt", klagt Werner Beiser. Der Personalratsvorsitzende an der Uni Freiburg hält deutliche höhere Stundensätze für den einzigen Ausweg aus dem Personalnotstand. Auch die baden-württembergische Landesrektorenkonferenz zeigt sich besorgt: Der Mangel an Tutoren und Hilfskräfte gefährde den Standard von Forschung und Lehre, kritisiert der Vorsitzende Wolfgang Jäger die "kurzsichtige und sozial ungerechte Sparpolitik".

"Die Wohltaten gleichmäßig verteilen"

Indes sieht die bundesweite Hochschulrektorenkonferenz nach wie vor keinen Handlungsbedarf. Auf Nachfrage verweist ein HRK-Sprecher auf eine Erklärung aus dem Jahr 1991: "Die Hochschulrektorenkonferenz appelliert an die Tarifvertragsparteien, keinen solchen bundesweit gültigen Vertrag abzuschließen." Das sei im Hinblick auf den sozialen Schutz der Hilfskräfte nicht erforderlich.

Auch die TdL bremst. Für eine Lohnerhöhung gebe bislang keine politische Mehrheit, sagt der stellvertretende Vorsitzende Norbert Görgen. Er hält die gegenwärtigen Stundensätze für "durchaus noch zeitgemäß" - angesichts knapper Haushalte sei es eben notwendig, "die Wohltaten gleichmäßig zu verteilen".

Für Andrea K. käme ein Tarifvertrag ohnehin zu spät. Sie hat sich inzwischen entschlossen, ihr Studium mit einem besser bezahlten Job zu finanzieren. Und arbeitet nun für elf Euro pro Stunde in einem Altenheim.

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