Besonders junge Mediziner werden häufig bis an die Grenzen des Erträglichen getrieben. Stefanie Arnold* zum Beispiel kam vor Erschöpfung irgendwann kaum noch die Treppe rauf. Rund hundert Überstunden hatte sie im ersten Monat geleistet, sechs Nächte und jedes Wochenende durchgearbeitet. Auf ihrem Schreibtisch stapelten sich die Krankenakten, bergeweise Formulare waren auszufüllen, ständig drohte ein Notfall.
Arnold war Assistenzärztin in einer internistischen Abteilung eines renommierten Lehrkrankenhauses. Obwohl eigentlich noch Anfängerin musste sie ohne Einarbeitung vom ersten Tag an die Verantwortung für 20 Patienten einer Herz-Spezialstation übernehmen. Sie musste die Schwerkranken im Eiltempo durch eine ganze Batterie von Untersuchungen schleusen, am Wochenende bis zu 35 Entlassungsbriefe diktieren und ständig für den Fall bereitstehen, dass es bei einem Patienten zum Herzstillstand kommt. Als ihr Oberarzt in Urlaub ging, war sie ganz auf sich allein gestellt.
Irgendwann konfrontierte sie den Chef mit ihrer übermäßigen Arbeitsbelastung. Gegen die Überstunden hatte der ein einfaches Rezept: "Reden Sie einfach weniger mit den Patienten."
"Da kam ich mir vor wie ein Sklave", sagt Arnold. Nach nur zwei Monaten kündigte sie. Die fünf Tage Urlaub, die ihr noch zustanden, durfte sie nicht nehmen ("Dafür ist keine Luft"). Von ihren Überstunden, rieten ihr die Kollegen, solle sie allenfalls einen Teil aufschreiben: "100 Stunden akzeptiert der Chef sowieso nicht."
Mit Aufgaben allein gelassen, denen er noch nicht gewachsen war, wurde auch Matthias Will in seiner Zeit als Arzt im Praktikum: "Die hohe Verantwortung fast ohne jegliche Unterstützung hat mich schockiert."
McKinsey statt Krankenhaus
Der Mediziner aus Köln kann sich inzwischen nicht mehr vorstellen, noch einmal im Krankenhaus zu arbeiten. Dabei hatte er das zu Beginn seines Studiums durchaus vor. "Mich haben vor allem die biochemischen Zusammenhänge an der Medizin fasziniert", sagt er, "deshalb hatte ich vor, klinische Tätigkeit mit Forschung zu verbinden."
Nach seinem Examen 1999 allerdings wurde Will schnell eines Besseren belehrt. Vor allem seine Erfahrungen als AiP (Bruttogehalt: 1100 Euro) haben dazu beigetragen. "Ich hatte zusätzlich zu meiner Stelle in Eigeninitiative Forschungsgelder beantragt und für zwölf Monate bewilligt bekommen", erzählt Will, "aber ich kam nicht dazu, sie auszugeben: Erst zwei Monate vor dem Ende meiner AiP-Zeit durfte ich von der Patientenstation, wo ich zwölf Stunden täglich sowie nachts und an Wochenenden geschuftet habe, ins Labor wechseln."
Will zog daraus seine Konsequenzen: Er hatte Angebote von verschiedenen Unternehmensberatungen und arbeitet seit September vergangenen Jahres bei McKinsey. "Der neue Job", sagt er, "gefällt mir sehr. Es macht Spaß, mit anderen gemeinsam im Team Probleme zu lösen. Und wir sehen Erfolge, das ist sehr befriedigend."
Was viele trotz allem motiviert, Arzt zu werden, ist das immer noch hohe Ansehen, das Mediziner in der Bevölkerung genießen. Im Krankenhaus ist der Schock für die jungen Ärzte dann groß: Dort stehen die Berufsanfänger am untersten Ende der Hierarchie.
Frühstück neben der Leiche
Selbst die Telefonzentrale ist in der Regel luxuriöser ausgestattet als das beste Arztzimmer. Und wenn die Mediziner sich nicht wehren, wird kaum eine Grenze respektiert. "Jahrelang war es hier sogar üblich, nachts Patienten zum Sterben ins Arztzimmer zu schieben", berichtet zum Beispiel eine Ärztin an einem großen Lehrkrankenhaus in Köln. "Kam ich morgens zur Arbeit, musste ich mich dann neben einer Leiche oder einem Sterbenden umziehen und mein Frühstücksbrötchen essen." Schwestern und Oberarzt, darauf angesprochen, fanden nichts dabei.
Zwar sind extreme Arbeitszeiten für Krankenhausärzte schon seit langem üblich. Doch früher stand am Ende der Blut-Schweiß-und-Tränen-Zeit immerhin die realistische Chance, nach ein paar Jahren zum Einkommensmillionär aufzusteigen. Heute hingegen müssen Jungärzte damit rechnen, einmal eine Praxis mit hohen Schulden und unsicherem Einkommen am Hals zu haben oder als Oberarzt mit mittelmäßigem Gehalt ein Leben lang der Willkür des Chefs ausgesetzt zu bleiben.
Solche Zukunftsaussichten machen empfänglich für Alternativen außerhalb des Medizinbetriebes. Als Anfang der neunziger Jahre mehr und mehr Ärzte arbeitslos wurden, begannen Arbeitsämter, Ärztekammern, Privatfirmen und Universitäten systematisch, Schulungen in Krankenhausmanagement oder in Medizininformatik abzuhalten mit durchschlagendem Erfolg. "Eigentlich müssten wir das jetzt alles sofort stoppen", meint Thomas Kopetsch von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.
Ob das allerdings noch so ohne weiteres möglich wäre, ist indes mehr als fraglich. Denn inzwischen sind Ärzte in vielen Unternehmen sehr gefragt.
Zeitverschwendung durch Verwaltung
"Die Krankenhäuser müssen eben eigene Anreize schaffen, um die Ärzte zu gewinnen und zu halten", sagt Montgomery. So geht er davon aus, dass derzeit allein Tausende Ärztinnen nur deswegen nicht arbeiten, weil sich Kinder und Krankenhaus so gut wie nie vereinbaren lassen. Montgomery: "Wenn Ärzte dringend gebraucht werden, muss ein Krankenhaus dann eben auch mal so flexibel sein und Ärztinnen mit Kindern vom Nachtdienst befreien."
Auch sonst könnten die Mediziner schon durch kleine Veränderungen entlastet, der Arztberuf attraktiver und die Kosten gesenkt werden. Oft sind die Arbeitsabläufe zum Beispiel dermaßen schlecht organisiert, dass viele Ärzte jeden Tag mehrere Stunden mit eigentlich unnötigen Verwaltungsaufgaben vertun müssen.
So gibt es in vielen Krankenhäusern bis heute kein einheitliches Computersystem. Befunde müssen deshalb von der Aufnahme bis zur Entlassung des Patienten wieder und wieder abdiktiert werden; ein einfaches Kopieren per Mausklick funktioniert nicht.
Verzweifelte Ärzte, die mit dem Diktieren der Entlassungsbriefe einfach nicht mehr hinterherkamen, haben, wie Montgomery berichtet, schon ganze Koffer voller alter Krankenakten einfach in einen tiefen See versenkt oder verbrannt.
"Mittelalterliche Arbeitsabläufe"
"Jeden Tag bin ich fast eine Stunde allein damit beschäftigt, Röntgenbilder oder Krankenakten zu suchen, die irgendwo im Haus verloren gegangen sind", stöhnt eine Ärztin aus Köln. "Mittelalterlich", kritisiert der Mediziner und Arbeitsforscher Walter Friesdorf von der TU Berlin die Arbeitsabläufe in den Kliniken, die er in mehreren Studien gründlich untersucht hat: "Krankenhäuser geben nur ungefähr ein Zehntel so viel wie die Autoindustrie für eine effiziente Arbeitsorganisation aus dabei hätten die Kliniken es viel dringender nötig."
Mittlerweile verbringen Krankenhausärzte zwischen 30 und 40 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Papierkram. Und mit steigendem Kostendruck wird der Bürokratismus immer schlimmer: Seit Anfang des Jahres müssen die Ärzte jeden Handgriff, den sie am Patienten verrichten, im Computer verschlüsseln für jeden wieder eine unbezahlte Überstunde pro Tag mehr.
"Wenn man selbst mit drinsteckt in diesem System, macht man mit und hält das für normal", sagt Bauer rückblickend zu dem alltäglichen Wahnsinn, den sie als Krankenhausärztin erlebte. "Wenn man aber von draußen draufguckt, denkt man nur noch: Die spinnen ja alle."
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