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17.02.2004
 

Talente an der Schauspielschule

Nervenkrieg um einen Platz auf der Bühne

Sie sind ehrgeizig, sie sind viele, sie wollen auf großen Bühnen spielen und würden fast alles dafür geben. Aber zuvor wartet an der Schauspielschule ein unbarmherziger Bewerbungsmarathon - zum Beispiel am berühmten Max Reinhardt Seminar in Wien. Volker ter Haseborg begleitete junge Talente, die zunächst nur Nummern sind, zum Vorsprechen.

Wie ein Fallbeil hängt der große Vorhang über der Bühne. Wenn er fällt, werden 262 Kandidaten raus sein. Aus, vorbei, sie können nach Hause fahren. Doch der mächtige rote Schleier mit dem goldenen Rand fällt nicht. Noch nicht.

Vorsprechen in Wien: Allein mit den strengen Juroren
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David Ausserhofer

Vorsprechen in Wien: Allein mit den strengen Juroren

Spielen wollen sie. Auf den Brettern, die für sie die Welt bedeuten. Dafür sind sie nach Wien gekommen. Dafür wollen sie jetzt alles geben. Von einem Mann im schwarzen Ledermantel werden sie wie Gladiatoren in die Arena geführt. Der kleine Tunnel, der zum Theater führt, schluckt sie und spuckt sie nach wenigen Metern gleich neben der Bühne wieder aus. Gleißendes Scheinwerferlicht blendet sie.

Für das wunderschöne Schlosstheater Schönbrunn haben die Kandidaten jetzt kein Auge: die vergoldeten Logen, den Himmel mit bunten Figuren aus der Antike und dem riesigen Bundesadler. Vor ihnen sitzen zehn Menschen an einem langen Tisch. Sie haben Zettel vor sich, auch ein Glas Wasser. "Welche Staatsbürgerschaft haben Sie?", fragt ein älterer Mann mit blonden kurzen Haaren und markanten Falten um den Mund. Welchen Schulabschluss, welche Bühnenerfahrung? Und: "Welche Rollen haben Sie vorbereitet?" Die Stimme klingt kalt. "Bitte sehr." Der Mann zeigt auf die Bühne.

Ein einschüchterndes Procedere

75 Jahre ist es her, da gründete der berühmte Regisseur Max Reinhardt in Wien das Seminar im Schlosstheater Schönbrunn. Später zog die Schule in das mondäne Palais Cumberland um. Schauspieler sollten hier ausgebildet werden, auch Regisseure. Reinhardt, der in Berlin mehrere Häuser leitete und mit Carl Zuckmayer und Bertolt Brecht zusammenarbeitete, wollte sein Wissen an junge Menschen weitergeben: Rolleninterpretation, Bühnen- und Kostümkunde, Dramaturgie, Tanz, Fechten und viele andere Fächer. Mittlerweile hat die Schule Universitäts-Status. Nach acht Semestern dürfen sich die Absolventen Diplomschauspieler nennen.

Schnell wurde die Wiener Schule zu einer der renommiertesten im deutschsprachigen Raum und bildete Stars wie Senta Berger, Maria Schrader, Klaus Löwitsch und Franz Xaver Kroetz aus. Das motiviert. Jedes Jahr bewerben sich mehrere hundert junge Menschen und tragen in der ersten Prüfungsrunde vier Rollen - zwei moderne, zwei klassische - vor. Nach erneutem Vorsprechen in der zweiten schafft es nur ein Bruchteil der Kandidaten auch in die dritte und letzte Runde.

Von Montag bis Donnerstag ist es immer die gleiche, zähe Prozedur: Zehn Kandidaten werden aufgerufen und einzeln durch den Tunnel geschleust. Die Jury tagt hinter verschlossenen Türen und kreuzt auf den Bögen hinter der Nummer "Ja" oder "Nein" an. Wer die Mehrheit hinter sich hat, kommt weiter. In den Pausen schreiten die Talent-Richter vor die Tür. Alle Augen der Bewerber, die im Schlossgarten ihrem Prüfungsergebnis entgegenfiebern, blinzeln dann in ihre Richtung. Doch die Juroren sind in angeregte Unterhaltungen vertieft, lachen ab und zu schallend, ignorieren die vielen Augenpaare scheinbar konsequent.

So funktioniert Macht am Max Reinhardt Seminar.

Ab und an gesellen sich Studenten des Seminars zu den Frischlingen und erzählen von ihren Engagements "an der Burg", wie sie das Burgtheater Wien nennen. Einschüchternd ist das.

Nummer 222, bitte sehr, danke sehr

Das letzte "Bitte sehr", der letzte Fingerzeig Richtung Bühne hat Nummer 222 gegolten. Nummer 222 ist 21 Jahre alt, männlich und heißt im wirklichen Leben Sebastian Winkler. Doch das dürfen die zehn Menschen in der ersten Reihe des Schlosstheaters bis zum Ende des Auswahlverfahrens nicht wissen. Um nicht von großen Namen geblendet zu werden, denn viele renommierte Schauspieler wollen ihre Kinder auf dem Max Reinhardt Seminar sehen.

Nummer 222, Sebastian Winkler: "Ich will nichts anderes"
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David Ausserhofer

Nummer 222, Sebastian Winkler: "Ich will nichts anderes"

Sebastians Eltern sind keine berühmten Schauspieler. Seit der Grundschule, als er in Michael Endes "Momo" den Straßenkehrer Beppo spielen durfte, will er Schauspieler werden, erzählt Sebastian später. Er gründete eine Jugendtheater-Gruppe, spielte in einem Kurzfilm mit. Und dann waren da seine Eltern. Die sagten, dass er doch ein Standbein brauche, dass Schauspielerei doch brotlose Kunst sei. Sebastian begann eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Um seine Eltern zu beruhigen. Nach anderthalb Jahren war Schluss. Er schmiss die Lehre und bewarb sich an Schauspielschulen. "Jetzt weiß ich, dass ich nichts anderes will."

Nun hat er nur noch seine Rolle im Kopf. Lanzelot Gobbo ist sein Name: jener Diener des Juden Shylock aus William Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig", der ausreißen will von seinem Dienstherren, weil er in dem Juden einen Teufel sieht.

Sebastian hat sich ein halbes Jahr auf diese Szene vorbereitet. Wenn der Teufel aus ihm spricht, setzt sich Gobbo eine Sonnenbrille auf, plagt ihn das Gewissen, nimmt er die getönten Gläser ab. Selbst die Augen verzerren sich diabolisch, wenn Lanzelot zum Sprachrohr des Bösen wird. Der Shakespeare-Text geht Sebastian flüssig über die Lippen. "Danke, danke sehr", tönt es von fern. Der Monolog ist vorbei, Nummer 222 kann wieder durch den Tunnel ins Freie.

"Die leiern alles herunter"

Warten heißt es nun. Bis die Referentin des Seminarleiters Nummern auf ein Blatt Papier schreiben, es an die Tür hängen und scheinbar gleichgültig wieder entschwinden wird. Dann werden sie herbeieilen, die Lanzelots, Romeos und Werthers, die Emilias, Marie Stuarts und Julias. Sie werden hoffnungsvoll nach ihren Nummern suchen. Wenige werden jubeln, viele weinen oder um Fassung ringen.

"Vier Fünftel der Leute stehlen uns unsere Zeit", sagt Günter Einbrodt, der Mann mit den kurzen blonden Haaren und den ausdrucksvollen Falten um den Mund, während er in einer Pause eine Zigarette raucht. Genervt ist der Institutsvorstand des Max Reinhardt Seminars. Unter den letzten zehn Kandidaten war ein Grieche, der mit stockender Stimme einen Hamlet-Monolog zertrümmerte, "anstatt das Stück zu ergründen", grummelt Einbrodt. Auch eine 39-jährige Rumänin in Militärkluft hat ihn kräftig geärgert. "Ein guter Schauspieler ist die Union aus dem, was er tut, und dem, was er ist. Ich als Zuschauer muss völlig vergessen, dass ich im Theater sitze."

Doch das komme nur seltenen Fällen vor. "Mir fällt in den letzten fünf Jahren immer stärker auf, wie mangelhaft sich die Leute vorbereiten. Sie können gerade mal den Text lesen, stehen dann auf der Rampe und leiern alles herunter. Es wird immer schwerer, Substanz herauszusuchen." Vor allem, seit in allen Fernsehsendern Soap Operas und Talentshows über den Bildschirm flimmerten und sich alles und jeder dort bewerbe.

Einbrodt muss zurück in den dunklen Theatersaal. Anstrengend sei es zu erkennen, ob nicht irgendwo doch ein Funken Talent aufglühe, sagt er noch. Sicher, viele seien aufgeregt und machten deshalb Fehler. "Doch die Bewältigung der Angst ist das täglich Brot eines Schauspielers."

Drinnen geht es weiter. Alle zehn Minuten führt der Mann mit dem schwarzen Ledermantel einen neuen Kandidaten in den Saal. Eine Union soll ein guter Schauspieler also sein. Nummer 217 ist keine Union. Sie will die Emilia Galotti sein, aus dem berühmten Werk von Lessing. Doch zu aufgesetzt wirkt die Panik vor dem Tod, außerdem hat Nummer 217 ihre Gesichtszüge für den gesamten Monolog eingefroren. "Danke schön. Vielen Dank", ruft Einbrodt schon nach wenigen Minuten. Und auch die 228, ein 21-jähriger Deutscher, wird schnell unterbrochen. Das Rauschen der Klimaanlage schluckt sein Flüstern, seine Gestik beschränkt sich auf nervöses Händefuchteln. Pause.

Lesen Sie im zweiten Teil:

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