"Oft merkt man schon nach ein, zwei Sätzen, dass eine Darbietung völlig daneben ist", sagt Sprech-Ausbilderin Adelheid Pillmann. Gute Schauspieler müssten eine eigene Vorstellung vom dem entwickeln, was ihnen der Text sagt, "das müssen sie auch sichtbar machen." Wie ein Bildhauer sei ein Schauspieler: "Ich greife etwas auf, was bereits existiert, und forme es weiter."
Einheit von Sprache und Darstellung, sinnhafter Rhythmus, Kooperation von Zeit und Ton, das sind die Ansätze, die am Reinhardt-Seminar vertieft werden. Die Sprache sei so zu lernen, dass das Wort des Dichters zu den Zuhörern fließt, sagt Adelheid Pillmann. "Allerdings entzieht sich ein großer Bereich unserer Lehre." Aufgeschlossenheit und Lebenserfahrung müssten einfach da sein. Ihre Kollegin Eva Tacha-Breitling, ebenfalls Lehrerin für Sprache, versucht ihren Talent-Begriff so zu erklären: "Talent ist etwas, was mir geschenkt ist, etwas, wofür ich mich nicht anstrengen muss."
Donnerstagabend. Unter der Überschrift "Folgende Kandidaten sind für die 2. Runde zugelassen" stehen 33 Nummern auf dem Zettel. Auch Nummer 222. Sebastian hat die erste Hürde genommen, am Freitag darf er um neun Uhr erneut vorsprechen. Alle Kandidaten, die in die zweite Runde kommen, hätten das Zeug, im Seminar aufgenommen zu werden, hat Günter Einbrodt am Montag gesagt.
Sebastian ist aus dem Rennen
Sebastian hat also das Zeug. Doch am nächsten Tag gehört er nicht zu den elf Glücklichen, die in die letzte Runde einziehen. Sein Moritz aus "Frühlings Erwachen" und sein Don Juan hatten die Jury nicht überzeugt. Nie wird er erfahren, warum. Sie hätten zu wenig Zeit, das zu erörtern, sagen die Professoren. Man könnte auch sagen: Sie haben keine Worte dafür. Zu offensichtlich sind ihre Schwierigkeiten, wenn sie einen brauchbaren Talent-Begriff definieren sollen. "Die suchen bestimmt auch verstärkt nach Sympathie aus", folgert Sebastian verbittert.
Vier junge Männer und sieben junge Frauen haben es in die dritte Runde geschafft - nicht mehr im Schlosstheater, sondern im Palais Cumberland. Ein Symbol dafür, dass die Kandidaten bereits einen Fuß über die Türschwelle des Seminars gesetzt haben. Rahul, Mathias, Max und Simon sind dabei. Bis die Professoren endgültig entscheiden, werden noch fast acht Stunden vergehen. Acht Stunden, in denen die Bewerber regelrecht geröntgt werden.
Die jungen Männer werden in den holzverkleideten Gymnastikraum geführt. Wieder heißt es warten, nicht wissen, was auf einen zukommt. "Das ist eine ungeheure Nervenbelastung, die wir täglich mit uns herumtragen", stöhnt Max, 20. "Das wollen die doch nur. So was muss ein Schauspieler abkönnen", belehrt ihn der ebenfalls 20-jährige Mathias. Simon und Rahul hören ihre Konkurrenten nicht. Simon, 22, Politikstudent aus München, läuft apathisch im Gymnastikraum auf und ab und rezitiert Liedertexte. Rahul, 19, aus Berlin, sitzt auf einer Bank und hat die Augen geschlossen. Endlich: Martina Sagmeister kommt herein und betastet die Wirbelsäulen der Kandidaten. "Mal sehen, ob wir das in vier Jahren hinkriegen", murmelt die Lehrerin für körperliches Basistraining, als der pummelige Max, Nummer 449, an der Reihe ist.
Mathias scheitert schon an der Tonleiter
Dann lässt sie Musik einspielen. Die Jungs sollen sich im Takt bewegen, klatschen, im Rhythmus atmen. Später studiert Sagmeister eine bestimmte Schrittfolge ein. Dazu müssen die Kandidaten tanzen, zu Country, Rock oder Pop. "Versucht nicht zu spielen", mahnt die Trainerin, als Max und Rahul zu kaspern beginnen. "Stellt euch vor, dass ihr die Musik bedient." Und als die beiden ungläubig schauen: "Ihr tut so, als ob ihr verliebt seid und zusätzlich auch noch verliebt spielt. Das hält doch kein Mensch aus."
Mit den Übungen will die Trainerin testen, wie beweglich die Kandidaten sind. "Wenn sie einen Rhythmus nicht halten können, dann können sie auch keinen Spannungsrhythmus in einem Theaterstück halten", sagt sie, als die Prüflinge verschwitzt in der Umkleidekabine verschwinden. "Der Körper muss sich verändern können für verschiedene Figuren."
Im ersten Stock, hinter schallisolierten Türen, wartet schon Michael Kienzl, Professor für Musikregie. Vorsingen ist angesagt. Mathias ist dran. Doch nicht mal die Tonleiter kann der Zivildienstleistende aus Berlin singen. "Kannst du denn irgendwas singen, Nummer 400?", fragt ihn Kienzl. Nein, antwortet Mathias, er sei furchtbar unmusikalisch. Doch damit gibt sich Kienzl nicht zufrieden. "Dann sprich mir halt 'Alle meine Entchen' vor, als ob es eine ganz tolle Nachricht wäre." Es funktioniert. Als Mathias draußen ist, findet Kienzl, dass der Kandidat etwas vermitteln konnte, obwohl er keinen Ton getroffen hat. "Doch musikalisch müssten wir bei Null anfangen, wenn er genommen wird."
Auch Theaterstars schafften es nur knapp
Die letzte Station ist wieder die Bühne. Zunächst sollen die Kandidaten mit einem anderen Bewerber improvisieren, dann mit einem Studenten, der bereits am Reinhardt-Seminar ausgebildet wird. Danach geht es zum Rollen-Unterricht mit zwei Professoren. Die Rollen aus dem Vorsprechen werden vertieft, verändert, perfektioniert. "Ein talentierter Schauspieler muss mich auf der untersten unfachlichen Ebene interessieren. Ich muss ihm einfach zuhören können", sagt Jurymitglied Achim Benning.
Benning sind schon viele Talente begegnet. Er hat sich vom Theatergehilfen zum Schauspieler hochgearbeitet, später vom Regieassistenten zum Regisseur am Wiener Burgtheater. Zehn Jahre war er Intendant der berühmten Bühne. "Körperliche und sprachliche Fähigkeiten sind eher Nebensächlichkeiten", findet er, "ein guter Schauspieler muss mich einfach als menschliches Wesen interessieren. Das ist das Entrée." Schwer sei es, ein Talent zu entdecken, "vor allem wenn man versuchen muss zu erkennen, was jemand kann, auch wenn er schauerlichen Unsinn produziert."
Johanna Wokalek, jetzt gefeierte "Burg"-Schauspielerin, kam vor ein paar Jahren nur mühsam durch die Prüfung. "Weil sie eigentlich schlecht war", sagt Benning. Doch irgendetwas hatte Wokalek, was die Jury beeindruckte. Das Talent, sympathisch zu wirken, obwohl das Vorsprechen schlecht lief? Auf jeden Fall das Talent, Bennings Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und ihn zu animieren, ihre Aufnahme ins Seminar durchzuboxen.
Freitag, 17.30 Uhr. Alle Prüfungen sind beendet, der Bewerbungsmarathon geht in seine letzte, grausame Runde. Im "Weißen Saal" trifft sich die Jury zur entscheidenden Diskussion. Jetzt zählt es. Jetzt fetzen sie sich um die Kandidaten, um ihre persönlichen Favoriten, die sie am Institut ausbilden wollen.
Draußen sitzen die Kandidaten und die Studenten, die im Vorjahr dieselben Höllenqualen durchlitten. "Eigentlich wollte ich nur eine Runde weiterkommen", versucht sich Mathias aus Berlin auf den Fall vorzubereiten, dass er eine Absage erhält. Rahul und Simon haben sich wieder zurückgezogen und kommen erst zum Vorschein, als ein Mann vor die Tür tritt und drei Nummern aufruft, die von Simon und zwei Mädchen. Voller Hoffnung folgen die drei ihm. Dann werden die anderen Nummern aufgerufen. "Bitte in die Kanzlei kommen!", heißt es.
Acht junge Menschen von 273
Was hinter verschlossenen Türen passiert, ist der dramatische Höhepunkt der Aufnahmeprüfung am Max Reinhardt Seminar. Die kleine Gruppe um Simon erfährt, dass es für sie nicht gereicht hat - vergebens die ganze Woche, in der sie geschwitzt, gekämpft und geweint haben. Immerhin erfahren die drei, woran es lag und wo sie an sich arbeiten müssen. Ein paar Räume weiter stehen alle Professoren und gratulieren jenen, die es geschafft haben.
Mit Rahul, Max und Mathias werden noch fünf Frauen an der berühmten Schauspielschule ausgebildet werden. Acht junge Menschen von 273.
Als die erfolgreichen Kandidaten noch ein bisschen ungläubig das Palais verlassen, werden sie von ihren zukünftigen Mitstudenten begrüßt. Sektkorken knallen, Musik dröhnt, Freudentränen fließen. Jetzt gehören sie zur Familie, jetzt werden Telefonnummern ausgetauscht und Übernachtungsmöglichkeiten für die Wohnungssuche angeboten. Hinter ihnen, an der Wand des Foyers ihrer neuen Ausbildungsstätte, steht geschrieben, was der Gründer Max Reinhardt seinen Schützlingen mit auf den Weg gab. "Denken Sie sich, dass Sie einem Orden beigetreten sind. Mit dem schönsten Ziel, nach Abschluss der Lehrzeit von hier in die große Welt zu ziehen und die wahre Kunst des Theaters zu künden."
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