Herr Braun sollte sich besser darum kümmern, dass die Wirtschaft endlich Verantwortungsbewusstsein für das Gemeinwohl entwickelt. Hochschullehrer sind verantwortungsbewusst genug, durch hohe wissenschaftliche Qualität und ständige Innovation ihren Beitrag zur Zukunft Deutschlands zu leisten. Wenn alle so leistungsstark wären wie die Professoren, sähe es in Deutschland besser aus. Professoren sind für jeden Verbesserungsvorschlag dankbar, der dazu beiträgt, angesichts jahrzehntelanger Überlast in der Massenuniversität, chronischer Unterfinanzierung und regelmäßiger 55-Stunden-Woche noch bessere Leistungen hervorzubringen. Wir benötigen jedoch nicht die unausgegorenen Ratschläge von Wirtschaftsfunktionären, die von der Wirklichkeit an den Universitäten keine Ahnung haben. Zum Glück für die Universitäten sind die 'Erfolgsrezepte' der Manager, mit denen die Wirtschaft gründlich an die Wand gefahren wurde, nicht auf die Hochschulen übertragbar.
Als neuer Präsident des Deutschen Hochschulverbandes (DHV) vertreten Sie rund 19.000 Hochschullehrer. Halten Sie Kritik an den Professorenleistungen für unzulässig?
Bernhard Kempen: Die Wirtschaft soll vor der eigenen Haustür kehren. Wir sind da schon etwas irritiert, dass ein hoher Repräsentant der deutschen Wirtschaft derart undifferenziert die Situation der Universitäten betrachtet. Wir sind in einer schwierigen Lage, weil der Staat uns seit geraumer Zeit im Stich lässt, wir sind unterfinanziert, wir fahren eine achtzigprozentige Überlast an den Universitäten. Dann zu hören, dass wir uns nicht genügend engagieren und schlechte Lehre bieten, das ist schon einigermaßen erschreckend.
Braun hat auch einen Vorschlag gemacht: Professoren sollten nur für fünf Jahre berufen werden, die Universitätspräsidenten jedes Jahr ein Beurteilungsgespräch mit ihnen führen und dabei die Ziele für das nächste Jahr vereinbaren - so mache er das mit seinen Mitarbeitern auch. Was halten Sie davon?
Geht hart mit Professoren ins Gericht: Georg Ludwig Braun
Was müsste denn aus Ihrer Sicht geschehen, um die Qualität der Lehre in Deutschland und die zu verbessern? Welche Rahmenbedingungen brauchen Sie dazu?
Kempen: Wir brauchen vor allen Dingen eines: eine ganz deutliche Entlastung von staatlicher Gängelung und Bürokratie. Es ist einfach unglaublich, mit welchem Ballast wir hier befrachtet sind, so dass wir unser eigenes Kerngeschäft - nämlich Forschung und Lehre, beides ist gleichermaßen wichtig - gar nicht richtig betreiben können. Da brauchen wir Entlastung und auch so etwas wie Reformruhe. Alle halbe Jahre kriegen wir eine neue Reformwelle über die Universitäten ausgebreitet und schwimmen noch in der letzten Welle, um halbwegs den Kopf über Wasser zu halten.
Die Unternehmen bringen später die Jungakademiker von den Hochschulen an die Arbeitsplätze. Wäre ein Dialog zwischen Wirtschaft und Hochschulen nötig, um auch über die Qualität der Ausbildung der Absolventen zu sprechen?
Kempen: Allerdings. Ein solcher Dialog ist sehr wichtig. Wir würden es sehr begrüßen, in noch engeren Kontakt zu treten, als wir ohnehin schon stehen. Ich könnte mir vorstellen, dass wir da auf vielen Feldern auch sehr viele Gemeinsamkeiten entdecken. Ein solches Interview in der "Zeit" wirft uns etwas zurück. Aber da schauen wir in die Zukunft, und ich bin zuversichtlich, dass wir mit den Repräsentanten der deutschen Wirtschaft gemeinsam an einem Strang ziehen können.
Könnten Sie sich nach diesem Interview vorstellen, trotzdem mit DIHT-Präsident Braun zusammenzuarbeiten?
Kempen: Ja, selbstverständlich. Ich meine schon, vielleicht ist das im Eifer des Gefechts nicht genügend zu Ende gedacht worden. Ich bin überzeugt, dass wir auch mit dem DIHK weiterhin einen sinnvollen Dialog pflegen können.
"Campus & Karriere" / Deutschlandfunk
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