Hamburg - "Das war das erste Mal, dass ich mich ernsthaft mit einem Computerspiel beschäftigt habe", meint Christoph Hamann, 25, Gewinner des Wettbewerbs "CEO of the Future 2002". Auch sein Vorgänger, Simon Peter, 26, Preisträger zwei Jahre zuvor, wehrt sich gegen das Image eines Computerfreaks.
Einzig die Aussicht auf die Gewinne und die Internationalität des Wettbewerbs brachten die beiden Wirtschaftswissenschaftler der privaten Universität Witten-Herdecke dazu, eine Ausnahme zu machen. Monatelang zockten sie mit weltweit 16.000 beziehungsweise 21.000 PC-Spielern um die Wette. "Mich interessierte auch das Medium", so Peter, "schließlich war im Jahr 2000 die Boomphase des Internets."
Nachdem er im Herbst 2000 im Intranet der Uni vom Wettbewerb erfahren hatte, bestellte er die Spiel-CDs und mutierte für drei Monate zum Chief Exexutive Officer (CEO) zweier Firmen. In den ersten sechs Wochen verwandelte Peter Autobahnrestaurants in eine Fastfoodkette. Für den Rest der Zeit galt es, Luftkissenfahrzeuge gewinnbringend zu verkaufen - jeweils über einen fiktiven Zeitraum von zehn Jahren.
"Es geht darum, aus seinen Fehlern zu lernen"
"Die Vorgehensweise habe ich mir direkt am Anfang überlegt", sagt Peter. Kurz, prägnant und vor allem flexibel sollte die Strategie sein, um auf drastische Marktveränderungen reagieren zu können. Eine Runde zählte ein Jahr, nach zehn Runden war das Spiel vorbei. "Pro Runde brauchte ich etwa zehn Minuten, da man immer nur sechs Parameter verändern musste."
Peter wiederholte die beiden Spiele vielfach. "Ich habe hier mal eine halbe Stunde, da mal eine halbe Stunde gespielt. Am Anfang wurde ich oft wegen mangelnder Leistung entlassen, aber irgendwann habe ich dann die erste Runde gewonnen." Sein Fazit: "Es geht darum, intelligent aus seinen Fehlern zu lernen." Dafür benötige man lediglich gesunden Menschenverstand.
Regelmäßig chattete Peter im eigens für das Spiel gegründeten Internetforum: "Die Leute haben wirklich ihr Wissen geteilt." Nur wer nach dem ersten Spiel unter den Top 100 und nach dem zweiten unter den Top 30 der weltweit 16.000 Mitspieler platziert war, konnte den Sprung in die nächste Runde schaffen.
Erst Frust, dann Ehrgeiz
Christoph Hamann, Peters Kommilitone und Nachfolger auf dem Siegertreppchen, erlebte den Start im Herbst 2002 anders. Mit Freunden spielte er ein paar Runden, gab aber dann frustriert auf: "Nachdem wir mehrmals aufgrund mangelnder Leistung gefeuert wurden, hatten wir keine Lust mehr." Erst nach Wochen holte Hamann die CD wieder aus dem Schrank.
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Anders als Peter legte sich Hamann auf der Suche nach der "Strategie hinter dem Spiel" keinen festen Plan zurecht. "Nachdem ich circa sieben Strategien ausprobiert hatte, stiegen endlich meine Aktien." Er ist überzeugt, dass es nur einen statt mehrere richtige Wege gab: "Jeder, mit dem ich mich später unterhielt, benutzte dieselbe Vorgehensweise wie ich."
Kurz vor Spielschluss hatte sich Hamann auf einen guten Platz vorgekämpft. Dann nutzten einige Mitspieler Sylvester, "um ihre Punkte konkurrenzlos in die Höhe zu treiben". Auch sein Vorgänger erzählt von unlauteren Gewinnversuchen: "Ein paar Leute hatten extra ein Programm geschrieben, um die Strategie zu knacken" - doch sie wurden ausgeschlossen, als ihr falsches Spiel aufflog.
Finanzierungslücke ausgebügelt
Peter wie Hamann zählten zu den Besten ihres Jahres. Für die zweite Runde mussten sie eine stimmige, knappe Strategie und einen lückenlosen Lebenslauf einreichen. Bald erfuhren sie, dass sie sich für einen Workshop in Kitzbühel qualifiziert hatten.
Im Tagungshotel trafen die jeweils 20 international ausgewählten High Potentials mit McKinsey-Partnern und CEOs großer Konzerne zusammen. Der Jury sollten die Finalisten beweisen, dass sie hochgradig analytisch, sozial kompetent und breit ausgebildet sind. Schon nach der Kennenlernrunde kam Peter, damals 22, zu dem Schluss: "Da hast du keine Chance." Auch den gelernten Bankkaufmann Hamann beeindruckten die Erfahrungen und Leistungen der anderen Studenten und Young Professionals.
Zwei harte Tage mit Preisverhandlungen, Konkurrenzkämpfen und Präsentationen folgten. Geprüft wurden Durchsetzungskraft, Teamgeist, Moralverständnis und Rhetorik. Schwer fand Hamann die Abschlusspräsentation, in der er Investoren von seinem Businessplan überzeugen sollte. Während andere Kandidaten allein mit der Technik zu kämpfen hatten, gingen den Wittenern die Vorbereitungen noch leicht von der Hand - Präsentationen kannten sie von kleineren Seminaren an ihrer Uni.
Hamann profitierte auch von seinem Wissen über Businesspläne: Schon während des Studiums wollte er sich mit einer Erfindung für Handyhalterungen selbständig machen und hatte eine Fabrik gefunden, konnte aber die Idee nicht umsetzen, weil das Geld fehlte.
Vertrackte Finanzen
Auch bei der Präsentation wurde Hamann das Geld beinahe zum Verhängnis. Seine Bilanz wies Lücken auf, die Investoren stellten ihn zur Rede. Statt fadenscheinige Entschuldigungen zu stammeln oder nervös mit den Folien zu spielen, blieb Hamann ruhig: "Ich gab den Fehler sofort zu, jedoch machte ich die Investoren auch darauf aufmerksam, dass es in diesem ersten Treffen weniger um Details als um eine allgemeine Vorstellung des Produktes gehe." Seine Offenheit und Souveränität wurde ihm hoch angerechnet.
An einen Sieg glaubte Hamann aber nicht mehr("In 100 Jahren wird das nichts mehr"). Ähnlich illusionslos fuhr Peter nach Hause. Umso überraschter waren beide, als McKinsey anrief. Peter gewann ein Weiterbildungsbudget von 15.000 Mark; Hamann konnte zwei Jahre später 8000 Euro in seine Zukunft investieren. Das einjährige Karrierecoaching übernahm bei beiden Jürgen Kluge, damaliger McKinsey-Deutschlandchef, persönlich.
"Der Wettbewerb hat mir ganz neue Türen geöffnet", sagt Peter. Schon kurz nach der Preisverleihung lud Kluge ihn zum mehrstündigen Coaching ein. Das Ergebnis war ein Plan für den Rest seines Studiums, mit einem Praktikum bei McKinsey und einem Auslandsstudium. Auch Hamann zog viel aus den Gesprächen mit Kluge: "Das Coaching bei ihm war für mich der eigentliche Preis."
"Man studiert hier nicht nur, man lebt hier"
Die beiden Preisträger lernten sich kennen, als Peter seinem Nachfolger per Anruf aus Amerika gratulierte. Aus Witten kannten sie sich "nur vom Sehen", stellten bei einem Treffen im Herbst 2003 überraschend viele gemeinsame Interessen fest - und beschlossen, ihre Diplomarbeit zusammen zu schreiben. McKinsey-Mann Kluge begleitete das Projekt und vermittelte auch einen wichtigen Kontakt zum MIT in Boston.
Die Diplomarbeit zum Thema Nanocompetition schlossen Peter und Hamann erst kürzlich mit der Note 1,0 ab. Nicht das einzige gemeinsame Projekt: Ihr Trainingsbudget investierten beide ins Auslandsstudium an der Eliteuni Harvard. Im Sommer 2004 atmeten sie bei Corporate Governance- und Philosophiekursen "das Flair einer akademischen Metropole", schwärmt Peter - "man studiert hier nicht nur, man lebt hier."
Hamann trat sein Praktikum erst vor zwei Wochen an, Peter ging schon 2001 zu McKinsey. Das Praktikum beeindruckte ihn nachhaltig: "Wo bekommt man sonst die Chance, auf CEO-Ebene mitzuwirken? Von McKinsey gecoacht zu werden und in Harvard zu studieren - was wie der Traum eines Wirtschaftsstudenten klingt, ist für mich durch diesen Wettbewerb Realität geworden", sagt Peter heute.
Andere Studenten blicken nach Ende ihres Studiums ängstlich in die Zukunft. Der Diplom-Wirtschaftswissenschaftler macht sich indes keine Sorgen: "Eine Stelle als CEO wurde mir bisher noch nicht angeboten. Dafür haben sich aber meine Perspektiven um die Variante McKinsey erweitert."
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