Von Ralf Lehnert
Am Anfang saßen die Düwels in einer leeren Wohnung in Mexiko-Stadt. Ihre gesamte Einrichtung schipperte derweil irgendwo auf einem Containerschiff über den Atlantik - ein ganzes Familienleben auf 35 Kubikmetern. Dabei hatten der Lehrer und seine Frau alles genau geplant: Bevor Christian Düwel seine Stelle als Mathe- und Physiklehrer in Mexiko antrat, nutzten die Düwels die Ferien, um mit ihren Kindern das Land kennen zu lernen, das in den nächsten Jahren ihre Heimat sein würde.
"Als wir aus dem Urlaub kamen, sollte der Container da sein. War er aber nicht - das hat dann noch mal zwei Wochen gedauert", erzählt der 41-Jährige. So begann die Zeit als Auslandsdienstlehrkraft in fremden Betten - die neuen Nachbarn nahmen die Düwels auf.
500 Schulen in aller Welt
Christian Düwel ist einer von rund 1900 Lehrern, denen von der Zentralstelle für das Auslandsdienstwesen eine Lehrerstelle vermittelt wurde und die derzeit im Ausland unterrichten. "Es war der Wunsch, einmal etwas anderes kennen zu lernen, und zwar nicht nur im Urlaub, sondern auch im Alltagsleben", erklärt Düwel seine Motivation. Kaum irgendwo können Lehrer das besser ausprobieren als an deutschen Auslandsschulen: Es gibt sie in Addis Abeba, in Caracas und in Beirut, mehr als 500 Schulen sind es weltweit.
Neue Erfahrungen machte Düwel schon in Deutschland - unter anderem die, wie genau die deutsche Bürokratie ist. "Ich musste sogar mein Abiturzeugnis neu beglaubigen lassen", berichtet er. Anschließend wurde die Beglaubigung dann bestätigt und die Unterschrift bei der mexikanischen Botschaft hinterlegt.
Die Arbeit an der Schule in Mexiko ähnelt der in Deutschland, so Düwel. "Die Schüler haben eine andere Mentalität, einige Formalien sind anders, aber das sind Details", sagt der Auslandslehrer. Viel geholfen hätten auch die Vorbereitungskurse in Köln und Mexiko-Stadt. Angenehm überrascht ist der Lehrer vor allem vom freundlichen Umgang der Menschen miteinander. "Es ist verpönt, schlechte Laune zu haben. Das liegt vielleicht auch am Wetter - wenn den ganzen Tag die Sonne scheint, muss man ja gut gelaunt sein", sagt er. Gleichzeitig fällt dem Lehrer jetzt auf, wie sehr ihn der oft mürrische Umgangston in Deutschland stört.
In der Schule geht es auch ohne Spanisch
Für die Düwels bedeutete der Umzug nach Mexiko eine gewaltige Umstellung: Düwel wechselte von einer Teilzeitstelle in Deutschland in einen Vollzeitjob, seine Frau, bisher berufstätig, musste sich an die Rolle als Hausfrau und Mutter gewöhnen. "Das war schon schwierig", räumt Düwel ein. Zudem gilt Mexiko-Stadt als gefährliches Pflaster - nicht nur wegen des Verkehrs: "Die Kinder dürfen hier nicht allein aus der Wohnsiedlung raus - weil es hier viel Kriminalität gibt, bis hin zur Kindesentführung."
Zwar hat die Familie in Mexiko neue Freunde gefunden, die meisten von ihnen stammen aber aus Deutschland: Mit den Mexikanern kann der Lehrer sich nur schwer verständigen. Zwar wird von den Auslandslehrern erwartet, dass sie die Landessprache lernen, aber in der Schule lasse sich alles auch auf Deutsch regeln, berichtet Düwel. "Ich hatte erwartet, die Sprache automatisch zu lernen, wenn ich nur lang genug hier bin. Aber das hat leider nicht funktioniert", bedauert er.
Inzwischen lernt Düwel konsequent, nimmt Unterricht, zwingt sich Spanisch zu sprechen - und freut sich über die Erfolgserlebnisse: "Die Menschen reagieren ganz anders, wenn man ihre Sprache spricht." Noch anderthalb Jahre hat er Zeit, in der Sprache fit zu werden, dann will die Familie zurück nach Deutschland. Dann werden die Düwels vermutlich wieder in einer leeren Wohnung sitzen, während ihr Wohnzimmer eine Kreuzfahrt über den Atlantik unternimmt.
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