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09.02.2005
 

Akademiker bei der Bundeswehr

Dienst schieben in der Pampa

Die Bundeswehr-Unis locken mit erstklassigen Studienbedingungen und sicheren Berufsperspektiven. Doch vom Job im Truppenalltag sind die jungen Offiziere häufig frustriert. Deshalb bringen viele ihre zwölfjährige Verpflichtungszeit nicht zu Ende. Von Niels Ullrich

In Reih und Glied: Rekruten beim Gelöbnis
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In Reih und Glied: Rekruten beim Gelöbnis

"Gute Leute", sagt Kapitänleutnant Jürgen S., "gibt es nicht wie Sand am Meer." Der Marineoffizier, der berufsbedingt gern solche Bilder verwendet, weiß, wovon er spricht. Bald zwölf Jahre hat er in der Bundeswehr gedient, an Land und an Bord von Fregatten. Zwölf Jahre, in denen ihm eine Freundin nach der anderen davongelaufen ist.

Jahre, in denen er immer wieder versucht hat, außergewöhnlich leistungsfähige Wehrpflichtige davon zu überzeugen, sich für längere Zeit zu verpflichten. "Die Erfolgsquote war unbefriedigend. Die wenigsten wollen bleiben", so seine ernüchternde Bilanz.

Manch einer verlängere zwar die Wehrpflichtzeit um ein paar Monate. "Das ist eine Chance, bei der Marine eine längere Seereise mitzumachen und die Welt zu sehen", sagt der Kapitänleutnant. Bei allen drei Teilstreitkräften, Heer, Luftwaffe und Marine, würden manche jungen Männer sich außerdem für einen Auslandseinsatz melden - und dafür zusätzlich zum Sold diverse Zulagen einstreichen. "Zum Ende ihrer Dienstzeit kommen sie dann mit einem neuen Mittelklassewagen in die Kaserne gefahren." Doch ein Berufsleben auf Dauer bei der Bundeswehr kommt kaum einem in den Sinn.

"Das Studium ist klasse"

Wer Offizier werden will, muss sich für zwölf Jahre verpflichten. Drei bis vier Jahre davon werden aber an einer der beiden im Jahr 1974 gegründeten Bundeswehruniversitäten in Hamburg oder München oder an der Fachhochschule München verbracht.

Besonders attraktiv für die Studenten in Uniform: Der Sold wird weitergezahlt, eine Unterkunft auf dem Campus gestellt. Jährlich bewerben sich zwischen 8000 und 10.000 junge Männer und Frauen - knapp drei Prozent aller Studienbewerber in Deutschland.

"Das Studium ist klasse, wir sind auf dem Campus untergebracht, tragen nur selten Uniform, verdienen eine Menge Geld und können uns voll aufs Lernen konzentrieren", sagt Leutnant Axel H., der in Hamburg Maschinenbau studiert. "Außerdem sind die Bedingungen ideal: überschaubare Teilnehmerzahl in Seminaren, eine extrem gut ausgestattete Bibliothek, gute Verbindungen zur Industrie in den technischen Studiengängen."

Zweifel an der Berufswahl

Er lacht und fügt hinzu: "Neuerdings studieren ja auch Frauen bei der Bundeswehr." Soll heißen: Der letzte Nachteil der Bundeswehrunis ist auch getilgt.

Gute Studienbedingungen: Bundeswehr-Uni in Hamburg
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Dennoch kommen vielen der knapp 2000 eingestellten Offizieranwärter, die den dreitägigen Aufnahmetest in Köln geschafft haben, während des Studiums erste Zweifel an ihrer Berufswahl. Sie trüben dann die Freude über das komfortable Studienumfeld.

"Zuerst studiere ich unter Bedingungen, die mit amerikanischen Elite-Universitäten zu vergleichen sind. Und dann muss ich nach Studienabschluss jahrelang in der Truppe Dienst schieben, womöglich irgendwo in der Pampa", sagt Stephan H.

Der Heeresoffizier überlegt jetzt, sein Maschinenbau-Studium zu schmeißen. "Dann komme ich früher raus, die Dienstzeit wird nämlich schrittweise, je nach Studienerfolg, auf zwölf Jahre verlängert." H. überlegt, anschließend "in zivil" ein anderes Fach zu studieren, denn in "Maschbau", wie er das Fach nennt, sei er dann "tot geprüft" und könne das an keiner deutschen Universität mehr studieren.

Panzer-Einheit an der polnischen Grenze

Das Problem sei, so H., der wie fast alle Bundeswehrangehörigen seinen vollen Namen nicht genannt wissen möchte, dass man die Erkenntnisse aus dem Studium in der Truppe meist nicht anwenden könne. "Als Diplom-Ingenieur muss ich möglicherweise irgendwo an der Grenze zu Polen eine Panzer-Einheit kommandieren, ob ich will oder nicht", sagt er. "Und wenn ich zwölf Jahre bleibe, ist mein Studienwissen völlig veraltet, wenn ich die Bundeswehr verlassen."

Marineboot (in Dschibuti): "Ausflug mit Kreuzfahrtatmosphäre?"
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Etwa die Hälfte aller eingestellten Offizieranwärter springt so noch vor Ablauf der zwölfjährigen Verpflichtungszeit ab oder wird entlassen - aus gesundheitlichen Gründen, weil die Anwärter das Studium nicht bestehen (oder wie Leutnant H. nicht bestehen wollen), weil die Truppe reduziert wird, weil sich eine "charakterliche Nichteignung" herausgestellt hat oder, auch das gibt es gelegentlich in Offizierskreisen, weil sie den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen verweigern.

Nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums haben zwischen 1980 und 2000 insgesamt 23.303 Militärs an einer der beiden Universitäten beziehungsweise an der Fachhochschule München begonnen - 15.383 von ihnen schlossen erfolgreich ab. Das entspricht einer Erfolgsquote von 66 Prozent, deutlich höher als an fast allen anderen Hochschulen.

Wer abbricht, für den ist das Engagement bei der Bundeswehr in der Regel bald zu Ende, eine Weiterverpflichtung die Ausnahme. "Der Anteil der jährlich zum Berufssoldaten übernommenen Studienabbrecher liegt im Durchschnitt bei etwa 5,5 Prozent", erklärt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums.

Erlebnisausflug mit Kreuzfahrtatmosphäre

Die Durchhaltewilligen werden nicht selten durch den Truppenalltag nach dem Studium frustriert. Ständige Versetzungen, damit verbunden alle zwei, drei Jahre Umzüge, oft monatelange Trennung von der Familie durch nicht ungefährliche Auslandseinsätze - die Scheidungsrate unter den Militärangehörigen ist enorm.

Bundeswehrsoldat in Kunduz: Gefährliche Auslandseinsätze
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DDP

Bundeswehrsoldat in Kunduz: Gefährliche Auslandseinsätze

Der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Lutz Feldt, erließ schon vor zwei Jahren, damals noch als Befehlshaber der Flotte, eine Rahmenanweisung, die bei den alt gedienten Marinesoldaten für Grummeln sorgt. Den jungen Kameraden, heißt es in dem Papier, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, sollen vor allem die schönen Seiten des Berufes Marineoffizier gezeigt werden, damit diese sich nicht vorzeitig von der Bundeswehr verabschieden.

Wörtlich heißt es in dem als vertraulich eingestuften Papier: Die Bindung der Offizieranwärter "an die Marine im 1. Dienstjahr vor dem Studium hat (...) unter Hintanstellung sonstiger Zielsetzungen Priorität". Und: "Insgesamt kommt es darauf an, dass die OA (Offizieranwärter, Anm. d. Red.) der Marine in ihrem Berufsverständnis als Marineoffizier so positiv an ihre Teilstreitkraft gebunden werden, dass auch während des späteren Studiums und eventueller Folgeverwendungen außerhalb der TSK (Teilstreitkraft) Marine ihre Identifikation mit der Marine erhalten bleibt (...)."

Willkommen bei der flotten Flotte - mit solchen Vorgaben werde aus dem Praktikum ein "erlebnisorientierter Ausflug mit Kreuzfahrtatmosphäre", bemängeln Kritiker.

"Da sollen wir den jungen Kameraden etwas vorgaukeln, was später im Alltag überhaupt nicht so ist", meint auch Kapitänleutnant S. Besser fände er es, wenn die Offiziere studiennäher in der Truppe eingesetzt würden. Leider stelle sich die Personalführung aber oftmals quer.

S., der selbst über die Wehrpflicht zur Marine kam, sieht das mittlerweile gelassen. Seine zwölf Jahre sind in diesem Sommer vorbei. Einen Arbeitsplatz in der freien Wirtschaft hat er "so gut wie sicher". Weiter bei der Bundeswehr wollte er nicht bleiben.

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