ThemaFrauen an der UniRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
16.08.2005
 

Nobelpreisträgerin Nüsslein-Volhard

"Forscherinnen gehören nicht unter die Käseglocke"

Mit ihrer Stiftung fördert die Biologin Christiane Nüsslein-Volhard junge Wissenschaftlerinnen. Die Doppelbelastung durch Beruf und Familie sieht sie als Handikap für Frauen. Im Interview sagt die Nobelpreisträgerin aber auch: Forschung ist ein knallharter Job, "lieber halbtags" gilt nicht.

SPIEGEL ONLINE:

Die Nüsslein-Volhard-Stiftung bietet talentierten jungen Doktorandinnen Bares für Kinderbetreuung und Haushaltshilfen. Warum nicht auch jungen Vätern, die promovieren wollen?

Christiane Nüsslein-Volhard: Ganz einfach - weil die in der Regel nicht so belastet sind wie Frauen. Die Frauen kriegen schließlich die Kinder, und erfahrungsgemäß bleibt die Kinderversorgung mit allem Drum und Dran doch überwiegend an der Mutter hängen. Sie besonders zu fördern, ist ein Schritt zur Chancengleichheit.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch wissenschaftspolitische Argumente dafür, Forscherinnen mit Kind bei der Karriere zu helfen?

Nüsslein-Volhard: Ganz sicher haben wir besonders triftige Gründe. Wissenschaft ist kein normaler Routine-Job wie der einer Lehrerin oder Ärztin. Ein guter Forscher ist eben nicht einfach durch einen anderen ersetzbar, weil jeder sich ja seine eigenen Aufgaben stellt. Diese individuelle Zielsetzung zeichnet den Beruf des Wissenschaftlers aus. Wir sollten als forschungsgetriebener Wirtschaftsstandort kein Talent an sozialen Handikaps scheitern lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es wünschenswert, dass Gewinner großer Wissenschaftspreise die Geldprämien in Ihre Stiftung einzahlen?

Nüsslein-Volhard: Bei Forschungspreisen wie zum Beispiel dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft geht das nicht. Denn Geld, das für Forschung gegeben wird, muss für die Forschung bleiben. Ganz abgesehen von der Rechtslage würde ich mich auch persönlich entschieden dagegen wehren, wenn etwa ein Forschungsetat für Kindertagesstätten an Hochschulen herhalten sollte. Aber persönliche Preise oder Honorare sind als Spenden hochwillkommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie die Frauenförderung durch die Wissenschaftsministerien von Bund und Ländern?

Münchner Studentinnen im Bio-Labor: "Fördern heißt immer auch fordern"
Zur Großansicht
AP

Münchner Studentinnen im Bio-Labor: "Fördern heißt immer auch fordern"

Nüsslein-Volhard: Da fließen seit Jahren Millionen, und es gibt arbeits- oder dienstrechtliche Sonderregelungen mit Teilzeit und Freizeit, die einzelne Begünstigte schätzen mögen. Ich warne aber alle Wissenschaftlerinnen davor, sich als Frauen unter eine Käseglocke stellen zu lassen. Das wäre für unsere Karriereaussichten nur kontraproduktiv. Fördern heißt immer auch fordern. Es kommt darauf an, dass Wissenschaftlerinnen sich in ein ganz normal forderndes Arbeitsleben einpassen können, wie etwa mit Hilfe unserer Stiftung. Dabei muss jeder und jede wissen: Forschung ist ein knallharter Job. Unter dem hohen Zeitdruck, dem Zwang gut und schnell zu sein, geht nichts mit 'lieber halbtags'. Auch Musiker können nicht andere für sich üben lassen!

SPIEGEL ONLINE: Und was halten Sie von den Gleichstellungsbeauftragten in den Wissenschaftsapparaten?

Nüsslein-Volhard: Die Gleichstellungsbeauftragte hat wichtige Funktionen, ist aber in Berufungskommissionen, die die besten Bewerber für eine Professur herausfinden sollen, fehl am Platz. Denn die Gleichstellungsbeauftragte ist ja nicht vom Fach und kann daher zur Sache nichts beitragen, sondern sich höchstens blamieren.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es nach Ihren Erfahrungen bei Berufungen und Gutachten Männerbünde, die Frauen benachteiligen?

Nüsslein-Volhard: Doch, das gibt es durchaus. Sind Männer in Kommissionen in der Überzahl, fallen ihnen Frauen oft weniger ein oder auf. Wenn dann eine Wissenschaftlerin in diesem Kreis, womöglich die einzige, eine Frau nennt oder gar favorisiert, gerät sie leicht in den Verdacht des Nepotismus. Das ist leider oft so, ja.

SPIEGEL ONLINE: Die EU-Kommission behauptet, dass Männer mehr und oberflächlicher forschen und publizieren, Frauen aber weniger und tieferschürfend. Gibt es also männlich geprägte Leistungsparameter?

Nüsslein-Volhard: Das mag bei der Veröffentlichungswut so sein. Männer sind häufig eitler als Frauen, und jede Publikation schmeichelt der Eitelkeit des Forschers. Man sollte deshalb bei der Beurteilung der Qualifikation eines Wissenschaftlers nicht einfach die Publikationen zählen.

SPIEGEL ONLINE: Braucht die Wissenschaftsgemeinde neue, frauenfreundlichere Maßstäbe, wie sie etwa das "Kompetenzzentrum für Frauen in Wissenschaft und Forschung" fordert, ein Lieblingskind des Bundesbildungsministeriums?

Nüsslein-Volhard: Die Qualitäts- und Erfolgsmaßstäbe in der Wissenschaft sind geschlechtsneutral, jedenfalls in den Fächern, in denen es auf Entdeckungen ankommt, wie zum Beispiel in der Genforschung. Vielleicht ist das etwas anders in den Geisteswissenschaften, in denen die Gelehrten Texte so oder so verstehen und interpretieren. Oder in der Jurisprudenz, die nach lebenspraktischen Klugheitsregeln sucht. Da mögen Männer schon mal anders denken als Frauen. Doch im wissenschaftlichen Diskurs herrschen für beide dieselben Standards zur methodischen Verteidigung und Geltung ihrer Aussagen.

Das Interview führte Hermann Horstkotte

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
alles aus der Rubrik Job & Beruf
alles zum Thema Frauen an der Uni

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks

Entdecken Sie außerdem UniSPIEGEL auf...






TOP



TOP