Von Bärbel Schwertfeger
"Der Bachelor hat die IT-Industrie noch nicht so durchdrungen, wie wir es uns wünschen", kommentiert Jürgen Gallmann, Geschäftsführer von Microsoft Deutschland und stellvertretender Vorsitzender von D21, die Ergebnisse der heute in Berlin veröffentlichten Studie "Wettbewerbsvorteil Bachelor".
Durchgeführt wurde die Untersuchung von dem Beratungsunternehmen Accenture und der Initiative D21, einem Netzwerk von 200 Unternehmen, das für bessere Bildung und Qualifikation in Deutschland wirbt. An der Studie nahmen 70 führende IT-Unternehmen teil, darunter rund 40 Prozent Großunternehmen mit über tausend Mitarbeitern. Zudem wurden die Studien- und Prüfungsordnungen von 98 Hochschulen ausgewertet.
Ergebnis: 40 Prozent der befragten Firmen favorisieren nach wie vor das Diplom. Gezielt Ausschau nach Bachelor-Absolventen halten nur sieben Prozent. Bei Unternehmen mit weniger als 200 Mitarbeitern sind es immerhin zehn Prozent. "Kleinere Firmen reagieren oftmals schneller, weil sie engere Beziehungen zu ihren regionalen Hochschulen haben", erklärt Holger Bill, Geschäftsführer Post&Public Services bei Accenture.
Fachkenntnisse schlagen Praxisbezug
Immerhin haben bereits vier von zehn Firmen Erfahrungen mit Bologna-Abschlüssen gesammelt. Dabei bescheinigen 53 Prozent den Bachelor-Absolventen eine stärkere Praxisorientierung, lediglich vier Prozent jedoch bessere Fachkenntnisse. Insgesamt hält lediglich ein Viertel der Unternehmen den Bachelor für den besseren Abschluss als die herkömmlichen Diplome, beim Master sind es immerhin 30 Prozent.
Typisch für Bachelor-Studiengänge sind integrierte Praktika. 86 der 98 untersuchten Hochschulen, die Bachelor-Abschlüsse in IT-Fächern anbieten, bestehen auf ein obligatorisches Praktikum. Damit wird die Vermittlung der Soft Skills in die Unternehmen verlagert.
Eine Aufgabenbestimmung oder -aufteilung über Praktikumsinhalte und zu vermittelnde Kompetenzen findet jedoch größtenteils nicht statt. "Bisher fehlt ein strukturierter Dialog." Um ihre neuen Studiengänge attraktiv zu machen, müssten die Hochschulen auch mehr auf die Unternehmen zugehen. "Da gibt es noch erhebliche Berührungsängste", sagt Bill.
Mangel an Urteilskraft
Dabei wird gerade die von der Industrie geforderte Vermittlung von methodischen, persönlichen und sozialen Kompetenzen offenbar bisher nur unzureichend gewährleistet. Während Projektmanagement, Teamarbeit und Kommunikation noch relativ häufig in den Studienplänen stehen, wird die Entwicklung von kritischem Urteilen oder verantwortlichem Handeln nur bei acht Prozent der Studiengänge berücksichtigt. "Gerade hier gibt es zunehmend Defizite", sagt Holger Bill. "Wir brauchen mehr Mitarbeiter, die kompetent Entscheidungen treffen und sie auch vertreten."
Hier sieht Jürgen Gallmann auch die Industrie in der Pflicht. "Da müssen wir von Anfang an für die richtige Mischung sorgen", sagt der Microsoft-Chef. Denn die neuen Abschlüsse böten die einmalige Chance für Unternehmen und Hochschulen, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.
Schließlich seien die neuen Abschlüsse auch eine Riesenchance für die Standortentwicklung. Fast 60 Prozent der führenden IT-Unternehmen in Deutschland sind davon überzeugt, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands durch die neuen Studienabschlüsse erhöhen lässt. Aber lediglich 30 Prozent glauben, dass Deutschland dabei mit Blick auf die Qualifikation der Absolventen gut aufgestellt ist.
Fachkräfte dringend gesucht
"Wir müssen in Deutschland dafür sorgen, dass Unternehmen nicht aus dem Ausland einstellen müssen, weil sie hier nicht genügend Hochschulabsolventen finden", sagt Gallmann. Bereits heute planen 30 Prozent der befragten Firmen, künftig Absolventen aus dem Ausland für den Einsatz in Deutschland rekrutieren zu wollen.
Denn schon heute leidet die IT-Industrie an einem Mangel an Fachkräften. Ab 2008 werde die Nachfrage in den Unternehmen die Zahl der Absolventen übertreffen, warnt Menno Harms, Vizepräsident des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITCOM). Pro Jahr würden dann etwa 15.000 bis 17.000 Absolventen benötigt. Die Zahl der Erstsemester im Jahr 2004 liege jedoch bei 28.500, was bei einer Abbruchquote von erfahrungsgemäß 50 Prozent nur zu 14.300 Absolventen führe.
Der Handlungsbedarf ist daher groß. "Mit Bologna wurden Erwartungen losgetreten und nun haben wir die erste Phase der Ernüchterung", resümiert Accenture-Manger Holger Bill. "Wir müssen daher gemeinsam mit den Hochschulen dafür sorgen, dass die neuen Studiengänge auch so gestaltet werden, dass die Absolventen von den Unternehmen mit Kusshand eingestellt werden."
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