• Drucken
  • Senden
  • Feedback
30.11.2005
 

Ärzte im Ausstand

"England, wir kommen"

Von Vera Kämper

Berlins Krankenhausärzte sind auf den Barrikaden: Mit einem einwöchigen Warnstreik wollen die Mediziner der Charité auf ihre schlechten Arbeitsbedingungen aufmerksam machen. Der Protest der Ärzte am größten deutschen Uni-Klinikum hat bundesweite Signalwirkung.

Mit Transparenten und blauen Luftballons ziehen sie durch die Hauptstadt: Rund 1000 Assistenzärzte in weißen Kitteln, die für bessere Arbeitsbedingungen an der Berliner Charité kämpfen. Der Demonstrationszug vom größten europäischen Uniklinikum zum Roten Rathaus in Berlin Mitte war nur der Auftakt zu einem einwöchigen Warnstreik.

"Achtung - müder Arzt" und "Unser Lohn - ein Hohn" steht auf den Transparenten, ihren Stundenlohn von 2,92 Euro haben sich einige der Assistenzärzte auf den Rücken geklebt. Mit einem Megaphon verschaffen sich die Demonstranten vor dem Berliner Rathaus Gehör - doch es kommt keine Reaktion. Auch als die blauen Ballons mit der Aufschrift "Charité - die Luft ist raus" über den Funkturm hinweg in den Himmel steigen, zeigt sich niemand an den Fenstern.

Die Hauptstadt hat sich an protestierende Ärzte gewöhnt. Schon im August setzten einige der 2300 Ärzte der Charité mit einem Aktionstag ein Signal. Doch ihre Forderungen wurden nicht umgesetzt. Den Tarifvertrag, der von Bund, Kommunen, der Gewerkschaft Ver.di und dem Beamtenbund ausgehandelt wurde, lehnen die Ärztevertreter vom Marburger Bund ab. Sie fordern 30 Prozent mehr Lohn.

36-Stunden-Schichten, Forschung in der Freizeit

Ärzte und Wissenschaftler der Charité führen 85.000 unbezahlte Überstunden im Monat an sowie Verträge, die mit einer Laufzeit von nur wenigen Monaten abgeschlossen werden. Das führe zu einer Verschlechterung in der Krankenversorgung und Forschung.

"England, wir kommen" heißt es auf einem großen Pappschild in der Menge der Demonstranten - eine deutlicher Hinweis auf die besseren Arbeitsbedingungen in europäischen Nachbarländern. Passanten nicken zustimmend mit dem Kopf. "Es ist gut, dass die Ärzte auf die Straße gehen", findet eine Touristin, die sich spontan der Demo angeschlossen hat. "Sonst wandern die ganzen guten Doktoren irgendwann aus."

Mit dem Gedanken der Emigration spielt Katrin Körtner noch nicht. Die Assistenzärztin will lieber darum kämpfen, dass sich die Bedingungen in Deutschland verbessern. "Wir machen so viele unbezahlte Überstunden", beklagt Körtner sich. "Und trotzdem sollen weitere 450 Stellen gestrichen werden." 36-Stunden-Schichten aus normaler Arbeitszeit und Bereitschaftsdienst sind für sie keine Ausnahme.

"Um die Forschung kümmern wir uns dann in unserer Freizeit", fügt Andres Neuhaus hinzu. Irgendwann müsse die Charité wohl das Wort "Universität" aus dem Namen streichen. Auch für das Gespräch mit dem Patienten bleibe den jungen Ärzten kaum Zeit. "Das ist wirklich Schade", sagt Körtner, "es ist eigentlich ein schöner Beruf."

Protest nach dem Notfallmedizin-Prinzip

Der Forderungskatalog in zwölf Punkten umfasst die Vergütung sämtlicher Arbeitsleistungen, mehrjährige Vertragslaufzeiten und die Einhaltung von Arbeitszeit-Höchstgrenzen.

In der Charité selbst läuft der Betrieb unterdessen auf Sparflamme. In einem sterilen, neondurchfluteten Raum warten Angehörige auf ihre verletzten oder kranken Angehörigen. Bei ihnen finden die Ärzte Zustimmung: "Das kann doch nicht sein, dass die Verwaltung sich die Taschen voll schaufelt und die Ärzte für einen Hungerlohn arbeiten", sagt ein älterer Herr, der seine Schwiegermutter zum Notdienst gebracht hat.

In der Aufnahme ist nicht viel los. "Wir sagen den Patienten schon am Telefon, dass wir diese Woche nur Notfälle annehmen", erklärt ein junger Arzt, der seinen Namen nicht nennen will. Patienten mit Herzinfarkt, Blinddarmreizung oder schwerer Lungenentzündung werden selbstverständlich behandelt.

Operationen, die für diese Woche angesetzt waren, werden vertagt. "Wir wollen den Patienten nicht schaden", erklärt der Arzt. Man müsse aber ein Zeichen setzen, damit die Klinikverwaltung über ihre Einstellung nachdenke. "Die Verwaltung wird die fehlenden Einnahmen sicher spüren."

Dass die Forderung nach 30 Prozent mehr Lohn hoch angesetzt ist, gibt auch der Mann im grünen Kittel zu. "Aber es hat seit 20 Jahren keine Anpassung gegeben", erklärt er den Missstand. Dass er für eine einstündige, anstrengende Reanimation nur 14 Euro Lohn erhalte, stuft der Notfall-Arzt als "Geringschätzung seiner Arbeit" ein. "Wir wollen einfach, dass unsere Arbeit anerkannt wird", betont er.

Die Ärzte hoffen, dass der Funke auf kleinere Krankenhäuser überspringt. Der Marburger Bund hat bundesweit zu Warnstreiks am kommenden Freitag aufgerufen. Und falls das nicht hilft, wollen sie Ärzte ein bewährtes Rezept aus der Notfallmedizin anwenden: "Wenn es keine Reaktionen gibt, machen wir weiter."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
alles aus der Rubrik Job & Beruf

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks

Entdecken Sie außerdem UniSPIEGEL auf...






TOP



TOP