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24.02.2006
 

Praktikanten

"Da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen"

Beratungsgespräche im Career Center der Uni sind meist traurige Veranstaltungen, denn außer aufmunternden Worten gibt es dort herzlich wenig. Ein Textauszug aus Nikola Richters Buch "Die Lebenspraktikanten".

Anika bewegt sich, um keine Möglichkeit verstreichen zu lassen, sogar zum "Career-Center" an der Universität, um ihre Bewerbung überprüfen zu lassen. Sie lebt von einem wissenschaftlichen Stipendium, das ihr ein minimales Grundeinkommen sichert und das sie nicht versteuern muss. Ihre Eltern finanzieren den Rest, der so anfällt. Es ist ihr unangenehm, immer noch auf ihre Eltern angewiesen zu sein, aber diese sind begeisterte Unterstützer ihrer wissenschaftliche Karriere, weil sie denken, dieser Einsatz wird sich lohnen und ihre Tochter kommt irgendwann an der Uni groß raus. Sie glauben an die Frauenquote im öffentlichen Dienst.

Anika ist etwas skeptischer. Und möchte deshalb neben ihrer Archivarbeit Einblicke in das Berufsleben gewinnen. Sie lässt sich einen Termin bei einer persönlichen Karriereberaterin an der Uni geben und besucht zwei Wochen später guten Mutes die Sprechstunde. Auf dem Gang ist nichts los, im so genannten Bibliothekszimmer ist der runde, mittige Tisch leer geräumt, hier scheint nie jemand zu lesen oder etwas nachzuschlagen. Hinter irgendeiner Tür klingelt ein Telefon, hinter einer anderen summt eine Kaffeemaschine.

Anika wird von Frau Düse, die eine Bluse mit einem sehr dynamischen Muster trägt, in ein Besprechungszimmer gebeten. Das Zimmer ist hell und freundlich, mit gesunden Grünpflanzen auf den Fensterbänken. Anika wird nett begrüßt und höflich behandelt, darüber kann sie sich nicht beschweren. Aber als sie Frau Düse ihre Bewerbung und die dazugehörige Stellenanzeige reicht und fragt: "Was können Sie mir raten, damit meine Bewerbung Erfolg hat? Sollte ich eine Formulierung ändern? Oder welche anderen Tätigkeiten kämen bei meinem Profil, Ihrer Meinung nach, infrage?", da runzelt Frau Düse nur die Stirn, blättert angestrengt in Anikas Unterlagen, um danach sofort verbindlich zu lächeln. "lhre Bewerbung ist wunderbar. Da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen. Machen Sie weiter so. Sieht doch alles gut aus."

Anika schickt ihre Bewerbung unverändert ab. Einen Monat später findet sie eine weitere Absage in ihrem Briefkasten. Danach ist sich Anika sicher, dass sie nie wieder überhaupt nur im Geringsten darauf hoffen wird, dass ihr in einer Hilfsinstitution geholfen wird. "Die haben doch keine Ahnung", sagt sie. Als sie Linn davon erzählt, seufzt die nur und sagt: "Das, was Frau Düse den ganzen Tag macht, könnten wir in zwei Stunden erledigen. Und von ihrem Gehalt könnten wir beide ganz gut klarkommen."

Linn reckt ihr Kinn nach vorne, es ist rund wie eine Faust, und schaut Anika verschwörerisch an. "Wenn ich an der Macht bin, werde ich dafür sorgen, dass solche Leute nicht auch noch eine dicke Rente beziehen. Dafür wird es nämlich gar kein Geld mehr geben. Wie sollen denn Arbeitslose die Rentenkassen füllen?" Anika muss über diesen Sparwitz lachen und schiebt ihr Kinn ebenso nach vorne in Richtung Zukunft und Modernisierung. Im Jazz-Café, wo sie für sieben Euro die Stunde jobbt, hat sie angefangen, kopierte Artikel über die Illusion der Vollbeschäftigung und die Lügen der Politiker zu verteilen.

Wenn ihr hinter der Theke langweilig ist, faltet sie aus den Berichten und Interviews Origami-Figuren: Kraniche, Schwäne und Trinkbecher. Das Origami-Prinzip erscheint ihr vorbildlich, um aus wenig etwas Schönes zu schaffen und sich an die Schönheit des "Weniger" zu gewöhnen. "lch könnte das nicht so gut zusammenfassen", murmelt sie, wenn sie die kunstvollen Papierstücke zu den bestellten Milchkaffees legt.


* Nikola Richter: Die Lebenspraktikanten. Fischer Taschenbuch Verlag; 190 Seiten; 8 Euro.

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