Von Christoph Scheuermann
Irgendwann kam die Frage immer häufiger. "Und, was machst Du danach?", wollten Freunde und Verwandte wissen. Sabrina Schäfers hatte keine Antwort. Sie wusste selbst nicht, was sie nach ihrem Lehramtsstudium mit den Fächern Sport und Bio machen wollte - ein Referendariat anfangen, reisen, jobben? "Ich bin dann erstmal nach Amerika", sagt sie. Dort besuchte sie Freunde, hoffte aber insgeheim, dass sie in den USA bleiben könnte. Vielleicht würde sich eine Gelegenheit zum Arbeiten ergeben. Oder zumindest eine Idee, wie es weitergeht.
Sabrina blieb drei Wochen. Dann stieg die 26-Jährige wieder ins Flugzeug, zurück nach Köln, zurück zu ihrem Studienort. Es hatte sich keine Gelegenheit ergeben. Eine Idee hatte sie auch nicht.
Jetzt sitzt sie in einem Kölner Straßencafé und trinkt Kräuterlimonade aus der Flasche. Sie hat viel nachgedacht in den letzten Monaten, entweder zu Hause in der Wohnung oder hier im Café. Ihre letzte Prüfung liegt inzwischen acht Monate zurück. Vor allem nach der einjährigen Examenphase konnte sie mit der zurückgewonnenen Freiheit wenig anfangen. Und erst allmählich wurde ihr bewusst: "Keiner wird kommen und mir einen Job anbieten. So langsam müsste ich mal an den Punkt kommen, an dem ich weiß, was ich möchte."
Ein Rendezvous mit der Ungewissheit
An den perfekten Traumberuf glaubt Sabrina schon lange nicht mehr. Sie hat sich erst einmal dazu entschlossen, mehrere Dinge auszuprobieren. Im Sommer jobbt sie als Rettungsschwimmerin auf einer Nordseeinsel, nach den Ferien unterrichtet sie als Referendarin in einer Grundschule im Rhein-Sieg-Kreis. "Sachkunde, Sport, Englisch oder Musik. Die Stundenzahl kann ich mir aussuchen." Gleichzeitig bewirbt sie sich um einen Studienplatz in Zahnmedizin, das wollte sie schon als Mädchen. Für das Zweitstudium würde sie sich sogar Geld von der Bank leihen, mindestens 50.000 Euro, schätzt sie. "Das kann ich schnell zurückzahlen, ich verdiene dann ja gut." Ein paar Jahre will sie als Zahnärztin arbeiten - "aber eben nicht mein ganzes Leben lang."
Auch Nicola Lange aus Hamburg weiß noch nicht genau, was sie nach dem Studium in Germanistik und Musikwissenschaften machen soll. Wie Sabrina hat die 27-jährige Hamburgerin aber ein paar Ideen: Journalistin, Deutschlehrerin in Lateinamerika, Dozentin an der University of Honolulu auf Hawaii. "Ich könnte mir auch vorstellen, einen Kitschroman zu schreiben oder ein Kinderbuch. Irgendwie muss die Knete ja rankommen." Ihre Magisterarbeit in Germanistik hat sie inzwischen abgegeben, es stehen noch zwei mündliche Prüfungen an, dann ist sie fertig. Sie nennt sich selbst optimistisch. Trotzdem ist sie vorsichtig.
Damit sie nach der letzten Prüfung nicht in ein ähnliches Loch fällt wie Sabrina Schäfers, besucht sie derzeit ein Coaching-Seminar des "Women's Career Center" an der Hamburger Uni. Das Seminar hat den Vorteil, dass man sich mit anderen austauschen kann. Nicola Lange will nicht allein in ihrer Wohnung sitzen oder im Café und überlegen, was sie später machen will. Deshalb hat sie in dem Seminar "berufliche Orientierung" ihre "Lifeline" auf ein Blatt Papier gemalt, sie sollte ihre "Zielvorstellungen" aufschreiben und die dafür notwendigen Schritte.
Eine Art Kollektivtherapie für Akademiker
Auch eine Collage hat sie angefertigt, Leitfrage: "Wie sieht dein Leben in fünf Jahren aus?" Mit Hilfe von Zeitschriften, Schere und Klebstoff hat sie am Ende Worte wie "Familie", "Abenteuerlust", "optimistisch" und "begeisterungsfähig" auf einen Zettel gepappt. Das wurde in der folgenden Sitzung diskutiert.
Lifeline, Collagen, Gruppensitzungen: Was Nicola macht, ist eine Art Kollektivtherapie. Nur geht es nicht um Neurosen, sondern um den späteren Beruf. Bei den Arbeitsagenturen finden junge Akademiker selten sinnvolle Unterstützung, beim Karrierezentrum ihrer Uni schon eher. Früher sprach man von Berufsberatung, neudeutsch heißt das Coaching oder Career Service. Fast immer geht es um eine Frage: Was will ich werden?
Hilfe bieten auch private Karriereberater. Die sind aber nicht billig - bei Angelika Gulder zum Beispiel mindestens 60 Euro für anderthalb Stunden. "Die Kunst ist, sich die richtigen Fragen zu stellen. Die Antworten liegen in einem selbst", sagt Gulder, Karriere-Coach in Hessen und Buchautorin. Mach doch, was du willst, lautet am Ende stets die Antwort. Nur muss man das eben erst herausfinden - gar nicht so leicht, vor allem wenn man ein geisteswissenschaftliches Fach studiert hat, das nicht schnurstracks in einen bestimmten Beruf führt.
Für Nicola Lange hat das Karriere-Seminar in jedem Fall etwas Verbindliches, wenn sie ihre Ziele vor einer Gruppe beschreibt. Sie ist sicher: "Ich weiß jetzt, dass ich nicht mehr 19 bin, sondern 27. Ich will nicht mehr weitermachen wie bisher." Nach den Prüfungen will sie für ein paar Wochen nach Spanien, danach vielleicht nach Südamerika. Und dann? Mal schauen.
Optimist vom Scheitel bis zum Schuh
Ganz anders sieht es aus, wenn man bereits Ziele hat und nicht erst suchen muss. Mirko ist so ein Fall. Der 24-Jährige hat genaue Vorstellungen, wie es nach der Uni weitergeht. Mirko absolviert in Hamburg den Master-Studiengang "Entrepreneurship", eine Mischung aus praktisch angewandter Betriebswirtschaftslehre und Jura. In ein paar Wochen ist er mit den letzten Prüfungen fertig und hat bereits Bewerbungen für eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent verschickt, in ganz Deutschland.
Wenn er den Job hat, will er promovieren, anschließend vier oder fünf Jahre arbeiten, und dann wieder an der Uni arbeiten - "Juniorprofessor oder so, was eben gerade aktuell ist." Mirko ist optimistisch vom Scheitel bis zu den schwarzen Schuhen: "Ich krieg 'nen Job und Deutschland wird Weltmeister", sagt er.
Schon als Student bastelte er zusammen mit zwei Freunden in der eigenen Firma Internetseiten; weil das Garagenunternehmen aber irgendwann kein Geld mehr verdiente, hängte er sich in sein Studium. Er wusste schon immer, was er wollte: Mit den eigenen Ideen Geld verdienen. Coaching-Seminare und den Career-Service braucht er nicht. "Ich werde später im Leben auch nicht an der Hand geführt."
Für Mirko besteht das Leben nach der Uni zuerst einmal aus Chancen, nicht aus Gefahren. Er hat sein Leben zwar nicht durchgeplant, aber er hat Vorstellungen. Und vielleicht sogar ein Rezept für den Erfolg. Erstens, er klappt den Daumen nach oben, die "eigene Leistung". Zweitens, der Zeigefinger geht hoch, "Vitamin B". Und drittens, jetzt kommt der Mittelfinger, "das Quäntchen Glück." Studieren kann man das allerdings nicht, sagt Mirko. Das kann man nur lernen.
Buchtipps
Uta Glaubitz: Der Job, der zu mir passt. Das eigene Berufsziel entdecken und erreichen. Campus Verlag 2003.
Jürgen Hesse, Hans Chr. Schrader: Was steckt wirklich in mir? Der Potenzialanalyse-Test. Eichborn 2004.
Lisa Krelhaus: Wer bin ich - wer will ich sein? Ein Arbeitsbuch zur Selbstanalyse. Mvg 2005.
Angelika Gulder: Finde den Job, der dich glücklich macht. Campus Verlag 2004.
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Bei Ihnen bricht man ja bald in Tränen aus!Wenn Sie sich schon selbst fragen, was mal aus Ihnen werden soll, ist das ein Zeichen, dass Sie überhaupt nicht geeignet sind, ein vom Steuerzahler - auch den nichtstudierten [...] mehr...
Eines ist sicher: es wird viel von einem erwartet und gefordert, wenn man in das Berufsleben startet. Man hat sich gerade zu Beginn täglich neuen Aufgaben und Herausforderungen zu stellen, aber ich denke gerade das ist auch das [...] mehr...
Ja, Arbeit kann Spaß machen. Aber wer kann schon tarifliche 8 Stunden Spaß ertragen? Vielen tätigkeiten fehlt der Esprit und so sind sie wie schale Witze, die mit noch so viel Schmerzensgeld nicht erträglicher wird. mehr...
Also ich sehe es nicht gleich als negative Erfahrung in der Arbeit an. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Arbeit kann dennoch Spaß machen und den Job gern tun, den ich habe. Nichtsdestotrotz kann es nicht sein, dass [...] mehr...
Wenn man das hier so ließt, kann man tatsächlich den Eindruck gewinnen, es wird nie wieder schöner als im Studium. Ich werde ab dem Winter meinen Master beginnen und fühle mich innerlich einerseits getrieben, endlich eigenes Geld [...] mehr...
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