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04.08.2006
 

Bewerbungsreport

Angeber gesucht!

Von Nele Justus und Inga Leister

Uniabschluss, Praxiserfahrung, Fremdsprachen - na klar. Trotzdem misslingt der fliegende Wechsel vom Studium in den Beruf oft. In Bewerbungsgesprächen wird eine ganz bestimmte Form der Selbstinszenierung erwartet.

Wie viele Bewerbungen sie genau geschrieben hat, weiß Claudia Hill gar nicht mehr. "Mindestens 120", sagt sie. So oft hat sie Anschreiben, Lebenslauf und Zeugnis in einen Umschlag eingetütet. So oft gehofft, endlich eine Stelle zu bekommen. Als ihr das Prüfungsamt das Magisterzeugnis in Medienwissenschaft zugeschickt hatte, dachte sie noch: Jetzt kann es endlich losgehen mit einem Job in der PR. Aber statt einer Stelle kam der Frust. Selbstvermarktung steht eben in keinem Seminarplan.

Bewerbung: Her mit der ersten Stelle

Bewerbung: Her mit der ersten Stelle

"An der Uni lernt man, geduckt zu gehen. Dieses 'Vielleicht' und 'Es könnte so sein, aber auch so', das will in einem Unternehmen niemand hören. Selbstvermarktung muss man lernen", sagt Christian Püttjer, seit 14 Jahren Bewerbungstrainer bei der Karriereakademie. Entscheidend sei es, seine Fähigkeiten so zu verkaufen, dass der potenzielle Arbeitgeber sie sofort erkenne.

Denn für den Personaler zählen die ersten 60 Sekunden: ein Blick auf den Lebenslauf, einer auf das Anschreiben. Der Rest wird schnell durchgeblättert. Eine Minute nur entscheidet, auf welchem Stapel die Bewerbung landet: "interessant" oder "nicht empfehlenswert".

Die Personalabteilungen werden überschwemmt mit Bewerbungen. Allein bei der Berliner Firmenzentrale von Coca-Cola laufen jeden Tag 30 Initiativbewerbungen ein. Bei der Deutschen Bank liegt die Zahl der Bewerbungen "deutlich im fünfstelligen Bereich", BMW bekommt 200.000 Bewerbungen jährlich. Da bleibt für einen Personaler keine Zeit, sich ganz genau mit jedem einzelnen Bewerber auseinanderzusetzten. Die erste Entscheidung muss schnell fallen.

Das eigene Leben ins Formular formulieren

So simpel es klingt: Da zählen zunächst die Basics - korrekte Anrede, keine Rechtschreibfehler, Vollständigkeit. Daran scheitert schon ein Großteil der Bewerber. Und das, obwohl sich inzwischen eine ganze Dienstleistungbranche mit nichts anderem beschäftigt, als Bewerber zu schulen. Hunderte Bewerbungsratgeber und Internetforen haben offenbar nicht dazu beigetragen, die Qualität der breiten Masse der Bewerbungen zu steigern. Personaler bewerten in einer Studie der Jobbörse Stepstone 10 Prozent der Bewerbungen als absolut mangelhaft, weitere 28 Prozent werden als schlecht beurteilt.

"Es reicht nicht aus, in einem Anschreiben den Lebenslauf zu referieren", betont Geert Harzmann, Pressesprecher von Coca-Cola. Aussagekräftig müsse eine Bewerbung sein, der Lebenslauf sollte Kompetenzen so präzise wie möglich beschreiben. Am besten sogar schon Erfahrungen bei dem Unternehmen, bei dem man sich bewirbt, sagt Patrik Fischer von der Deutschen Bank.

Das Internet macht die Selbstvermarktung nicht unbedingt leichter. Ob Unilever, Lufthansa oder Beiersdorf - immer mehr Unternehmen setzen ganz auf die elektronische Bewerbung, das E-Cruiting. Das eigene Leben in ein Formular einzutragen ist gar nicht so einfach. "Meistens dauert das ewig", erzählt Claudia Hill.

"Immer schön authentisch sein", raten die Firmen

Dafür können die Personaler die digitalisierte Bewerbung schneller bearbeiten, heißt es beispielsweise bei Bayer und der Deutschen Bank. Außerdem werde das Verfahren für die Bewerber transparenter. Andererseits fallen Schwächen bei der standardisierten Auswertung um so mehr ins Gewicht.

Da geht es an die Substanz. Und die Anforderungen an die Qualifikationen wachsen und wachsen. "Wir haben sehr, sehr hohe Erwartungen", sagt Patrik Fischer von der Deutschen Bank, "wir erwarten qualifizierende Praktika, die dokumentieren, dass sich jemand auf einen Beruf schon eingeschossen hat." Noten spielten natürlich eine Rolle, aber entscheidend sei immer das Gesamtbild, in das auch Auslandsaufenthalte, Extrasprachen und Praktika einfließen, so Fischer.

Es kommt vor, dass Unternehmen ausgeschriebene Stellen gar nicht besetzen, weil kein Bewerber überzeugen kann. Manchmal bekommt den Arbeitsvertrag auch jemand, der andere als die geforderten Qualifikationen mitbringt - aber dafür mit seiner Bewerbung überzeugt hat.

Im Durchschnitt schreibt ein Bewerber 45 potenzielle Arbeitgeber an, bevor er einen Vertrag unterzeichnet. Ein harter Job - denn die Zahl der Bewerber steigt. Die Personalabteilungen arbeiten immer professioneller. Deswegen hat das Verkaufen auch eine Grenze: Bei der Wahrheit sollte der Bewerber schon bleiben, sagt Patrik Fischer von der Deutschen Bank. Es bringe nichts, sich zu verstellen oder gar falsche Angaben zu machen. Das gelte für die Bewerbung genauso wie für das Vorstellungsgespräch. "Da sitzen Experten." Und die merken sofort, wenn jemand nicht authentisch ist, meint Fischer.

Auch Marc Hassinger von BMW rät: "Authentisch sein!" Und selbstverständlich sollten Bewerber auf Fragen zum Berufswunsch und zum bisherigen Lebenslauf flüssig antworten können, die Eckdaten des Unternehmens kennen.

Die Liste mit Punkten, bei denen die Personaler jedes Mal einen Haken machen müssen, ist also lang. Selbst wenn man alles beherzigt, klappt es nicht unbedingt mit dem Job. Denn Claudia Hill zum Beispiel hatte noch ein ganz anderes Problem: Die Bedingungen, zu denen sie eingestellt werden sollte, waren oft inakzeptabel. "Geklappt hat es mit der Stelle, weil ich gnadenlos unter meine Gehalts-Vorstellungen gegangen bin und meine Erwartungen zurückgeschraubt habe, was zum Beispiel Fortbildungen angeht."

Bis sie endlich einen Job bekam, hielt sie sich als Praktikantin und "mega-unterbezahlte" Volontärin über Wasser. Das habe ihr geholfen, "nicht zu versumpfen. Das ändert natürlich nichts an der misslichen Lage nach dem Studium."

Studentenspiegel: Begehrt oder Billigheimer? Die große Berufseinsteiger-Umfrage

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