Von Bärbel Schwertfeger
Was Dirk Schneemann verspricht, dürfte dem Wunsch vieler Personalmanager entgegenkommen. Denn der gelernte Fahrzeuglackierer setzt auf ein System der "Psycho-Physiognomik", mit dem er angeblich den Charakter eines Menschen erkennen kann. Der fachmännische Blick auf Kopfform, Nase, Stirn und Kinn gibt danach wichtige Aufschlüsse, ob ein Kandidat für den Job oder Aufstieg geeignet ist.
Schneemann behauptet, der Psycho-Physiognomiker erkenne die Ausprägung eines Persönlichkeitsmerkmals etwa an der "Verformung des Schädels nach außen". Je stärker die "Beule", desto höher sei der Energiefluss und je stärker die Ausprägung der Charaktereigenschaft, schreibt Schneemann in seinem "großen Buch der Menschenkenntnis". So hätten Menschen mit einem breiten Jochbein eine starke Durchsetzungsfähigkeit. Ein eckiges und spitzes Kinn deute auf eine "perfektionistische Veranlagung" hin, eine schmale Oberlippe stehe dagegen für Kontaktarmut. An der Stirn zeige sich das "religiöse Denken und Fühlen", während sich am Seitenhaupt der "Sinn für die Sammlung kultureller Güter" befinde, und seitlich über der Augenbraue liege der "Sinn für den geschickten Umgang mit Geld".
Seine Methode bezeichnet Schneemann dabei als "systematische Weiterentwicklung der Jahrtausende alten chinesischen Gesichtslehre", die er "in ihrer Anwendung komplett neu aufgestellt und mit Daten aus der Neurologie, Psychologie und Medizin abgeglichen habe".
In der Tat: Aus dem Gesicht oder der Kopfform Schlüsse auf den Charakter zu ziehen, versuchen die Menschen schon seit Jahrtausenden. Ihre Blüte erlebte die Gesichterkunde dabei Ende des 18. Jahrhunderts, als der Pfarrer Johann Caspar Lavater seine "Physiognomischen Fragmente" veröffentlichte und aus dem Stirnmaß auf die Intelligenz und andere Persönlichkeitsmerkmale schloss. Schon damals verspottete der Physiker Georg Christoph Lichtenberg Lavaters - bis heute empirisch unbewiesene - Theorie als "Pathognomik". Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begründete der Arzt Franz Josef Gall dann die pseudowissenschaftliche Lehre der Phrenologie, die einen Zusammenhang zwischen der Schädelform und Begabungen unterstellte und später Grundlage übelsten Missbrauchs wurde, als man etwa die kriminelle Veranlagung eines Menschen an seiner Schädelform ablas. Die Phrenologie war letztlich auch die Grundlage für die in der NS-Zeit populäre Rassenkunde.
"Die Suche nach einem Geheimsystem, mit dem man den Charakter eines Menschen sofort erkennen kann, lässt sich leider nicht ausrotten", sagt Werner Sarges, Inhaber des Prof. Sarges & Partner Instituts für Managementdiagnostik in Barnitz bei Hamburg. Auch Personaler fielen dabei auf die abstrusesten Methoden herein. So kommt Schneemann laut eigenen Angaben bei Unternehmen gut an. Selbst Top-Positionen in Dax-Unternehmen würden aufgrund seiner Empfehlungen vergeben, behauptet er. Namen seiner Kunden will er nicht am Telefon nennen. Aber auf seiner Referenzliste steht immerhin der US-Konzern Kraft Foods. Der bestreitet auch nicht, mit Schneemann zusammengearbeitet zu haben. Allerdings sei das schon einige Jahre her.
Auch Andreas Engel, Leiter Personalrecruiting/-entwicklung bei der Kölner TÜV Rheinland Group / TÜV Kraftfahrt GmbH, war schnell von der Schneemann-Methode überzeugt, als er im Rahmen einer Vortragsveranstaltung an der TÜV-Akademie erlebte, wie der Meister in wenigen Minuten die Potenziale eines Teilnehmers skizzierte und dabei offensichtlich einer gewissen Systematik folgte.
Seit zwei Jahren nutze die TÜV Kraftfahrt GmbH die Methode daher nicht nur für die Personalauswahl, sondern auch im Rahmen systematischer Potenzialanalysen und zur Personalentwicklung, so eine Presseinformation. "Das System dient neben anderen Methoden wie dem strukturierten Interview dazu, die Validität von Personalentscheidungen zu erhöhen", erklärt Engel. Eine Fehlentscheidung koste schließlich bis zu 100.000 Euro. "Da müssen wir einfach höchstmögliche Sicherheit gewinnen", sagt der TÜV-Personalmanager und ergänzt: "Wenn das etwas mit Esoterik zu tun hätte, wäre es bei uns fehl am Platz." Dabei bedauert Engel, dass man in Deutschland aufgrund der Erfahrungen im Dritten Reich so negativ zur Gesichtskunde eingestellt sei und es auch nur wenig Forschung dazu gebe.
Für Thomas K. Heiden ist das TÜV-Zertifikat eine prima Sache. "Das ist wichtig fürs Geschäft", sagt der Partner der Heiden & Simon u. Partner Personalberatung in Berlin. Meist spreche er zuerst mit dem Geschäftsführer oder Personalleiter. "Die sind alle furchtbar neugierig auf ihre eigene Analyse und dann schnell davon überzeugt", sagt der ehemalige Senior-Berater bei McKinsey. Zu seinen Kunden gehörten etliche Großkonzerne, wo er auch Personalabteilungen schule. Offen darüber reden wollten diese allerdings nicht.
Dieter Homscheidt, Geschäftsführer des Systemhauses Binary in Essen, hat damit keine Probleme. "Man hat das Gefühl, man werde mit einem Röntgenblick angeschaut", sagt der gelernte Industrieelektroniker. Aber die Trefferquote sei enorm. Eingesetzt werde die geheimnisvolle Gesichterkunde bei Binary derzeit im Führungskräfte-Coaching. "Da weiß man gleich, wo die Stärken liegen und verplempert nicht ein paar Sitzungen mit der Erarbeitung eines Stärkenprofils", sagt Homscheidt.
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