Von Bärbel Schwertfeger
Während Heiden beim Coaching offen über seine psycho-physiognomischen Erkenntnisse spricht, setzt er diese bei Auswahlgesprächen oder Management-Audits verdeckt ein. So sehe er etwa am Aufbau des Hinterkopfs und Unterkiefers, ob jemand eher harmoniegetrieben sei. Die Willensstärke erkenne er an der Nase. "Deshalb entwickelt sich die Nase auch je nach Charakter unterschiedlich", behauptet der Psycho-Physiognomiker. Allerdings müsse man immer mehrere Merkmale in Relation setzen. "Wir reden hier über die Ausprägungen von 270 Merkmalen", erklärt der promovierte Luft- und Raumfahrtingenieur. Im Gespräch stelle er dann anhand seiner Erkenntnisse gezielte Fragen. So erinnere er sich an eine Projektleiterin, die richtig hart auftrat, aber psycho-physiognomisch ein "Mega-Sensibelchen" war.
Madeleine Leitner ist fassungslos. "Ich hätte nie gedacht, dass sich jemand heute noch ernsthaft mit solchen abstrusen Konzepten beschäftigt", sagt die Vorsitzende der Sektion Wirtschaftspsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP). Dass ein vermeintlich seriöser Anbieter wie der TÜV bei der Suche nach neuen Einnahmequellen offenbar vor nichts zurückschrecke, hält sie für skandalös.
Auch Christoph Aldering, Mitglied der Geschäftsleitung und Partner Kienbaum Management Consultants GmbH, ist erstaunt über die "laienhafte Psychologie". Das erinnere ihn doch an dunkle Zeiten in unserer Geschichte. Thomas Randhofer hält die Schneemann-Methode für "Taschenspielertricks", bei denen sich die Analysierten - ähnlich wie beim Horoskop - in eher allgemein gehaltenen Aussagen wiederfinden. Ethisch sei die Methode nicht vertretbar. "Da reden wir über lebenslanges Lernen, und dann wird jemand eingestellt, weil die Kopfform stimmt", kritisiert der Leiter Personalentwicklung bei den Mannstaedt-Werken GmbH & Co. KG in Troisdorf.
Kein gutes Haar lässt auch Fritz Ostendorf an der Psycho-Physiognomie. "Den Charakter auf der Grundlage der Schädelform, der Art der Nase oder Stirn erschließen zu wollen, ist schlichtweg Humbug", sagt der Psychologiedozent an der Universität Bielefeld. So hätten sich für die Annahmen der Phrenologie keinerlei Bestätigungen finden lassen. Zwar ließen sich momentane Gefühle durchaus aus der Mimik erschließen, aber allein auf dieser Basis auf stabile Persönlichkeitsmerkmale oder gar auf künftigen Berufserfolg zu schließen, sei äußerst problematisch.
Hier liegt offenbar das große Missverständnis, das Physiognomiker geschickt für sich nutzen. Denn über das Erkennen emotionaler Befindlichkeiten anhand der Körpersprache und Mimik gibt es in der Tat zahlreiche wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse. Wir können in Sekundenbruchteilen erkennen, ob uns jemand freundlich oder feindlich gesinnt ist - schließlich war das in der Evolution entscheidend fürs Überleben. Doch die Erkenntnisse beziehen sich stets auf die Beobachtung des Verhaltens und nicht auf die starre Vermessung des Gesichts.
So konnte Peter Borkenau, heute Professor für Psychologische Diagnostik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, in Versuchen belegen, dass man auch fremde Personen besser als erwartet einschätzen kann. Das galt vor allem für die Eigenschaften "Gewissenhaftigkeit", "Extraversion" und "Verbale Intelligenz". Allerdings basierte die Einschätzung nicht allein auf dem optischen Eindruck. Als besonders wichtig für die Treffsicherheit erwies sich die Sprache. Schlussfolgerungen auf überdauernde Persönlichkeitsmerkmale anhand des Gesichts seien empirisch nicht haltbar.
Auch Schneemanns Fähigkeiten hielten bisher keiner empirischen Überprüfung stand. So testete Jürgen Deller, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Universität Lüneburg, gemeinsam mit seinem Doktorvater Werner Sarges die diagnostische Kompetenz des gelernten Fahrzeuglackierers. Dazu legten sie ihm rund 60 Fotos von Personen vor. Gleichzeitig machten diese Personen den wissenschaftlich fundierten Persönlichkeitstest NEO-FFI, der die so genannten Big Five - also die fünf wesentlichen Persönlichkeitsmerkmale wie Extraversion und Gewissenhaftigkeit - misst.
Schneemann bekam eine Beschreibung der Big Five und interpretierte die Gesichter dann anhand seines Systems. Dellers Fazit: "Die wissenschaftliche Analyse konnte nicht belegen, dass das System etwas erfasst, was wir unter Persönlichkeitsmerkmal verstehen." Werner Sarges wird noch deutlicher: "Schneemanns Behauptungen sind nicht haltbar. Das ist kompletter Unsinn."
Aus der Traum? Lässt sich Menschenkenntnis also nicht schulen? Nein, sagt Psychologe Ostendorf: "Es ist seit Langem bekannt, dass sich die Fähigkeit, psychische Merkmale anderer akkurat zu beurteilen, kaum trainieren lässt." So seien Laien etwa bei der Interpretation von Gesichtsausdrücken durchschnittlich nicht schlechter als Psychologen. Auch sei es nicht gelungen, "Menschenkenntnis" als stabiles Persönlichkeitsmerkmal dingfest zu machen. Natürlich könne man trainieren, besser auf Körpersprache und Verhalten zu achten oder bessere Interviews zu führen, ergänzt Diagnostikexperte Sarges. Aber das dauere alles länger als die Schnellbleiche im Gesichterlesen.
Der Psychologe hat resigniert: "Etliche Personaler sind einfach so unsicher, dass sie nach jedem Strohhalm greifen."
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