Harte Zeiten für Hochschulabsolventen: Nie gab es so viele hoch qualifizierte, flexible und leistungsbereite Akademiker – doch keiner Generation wurde der Berufseinstieg so schwer gemacht. Mit guten Noten in der Tasche tingeln viele Absolventen durch Praktika, immer auf der Suche nach einer Festanstellung. Dabei drehen sich diese Beschäftigungen selten ums Lernen on the job. Wenn sie an die falschen Firmen geraten, rackern Praktikanten monate- oder jahrelang und werden dafür mies oder gar nicht bezahlt.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die Hans-Böckler-Stiftung wollten das viel diskutierte Phänomen auch wissenschaftlich untermauern. In ihrem Auftrage starteten Forscher der FU Berlin die Studie "Generation Praktikum? Prekäre Beschäftigungsverhältnisse von Hochschulabsolventen" zur Lage junger Akademiker und zu ihren Berufseinstiegsbiografien. 41 Prozent der Absolventen müssen sich demnach zunächst mit einem Praktikum begnügen, jeder zweite von ihnen schuftet zudem für lau.
"Unter dem Begriff 'Praktikum' wird Missbrauch betrieben", bilanziert die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock. Denn meist arbeitet der Praktikant eben, was im Unternehmen so anfällt - nach Ausbildung fragt kaum jemand mehr. Untersucht wurde - dreieinhalb Jahre nach Studienabschluss - der Absolventenjahrgang des Wintersemesters 2002/2003 der FU Berlin und der Universität Köln. Das sind zwei der deutschen Mammut-Universitäten, die viel stärker als etwa Technische Universitäten oder Fachhochschulen geisteswissenschaftlich geprägt sind.
"Praktika nach dem Studium sind zu einer Form der Übergangsarbeitslosigkeit geworden", so die Berliner Forscher Dieter Grühn und Heidemarie Hecht. Noch zwei Jahre zuvor mussten ihren Ergebnissen zufolge nur 25 statt heute 41 Prozent der frisch gebackenen Akademiker ran, und längst sind nicht mehr nur Kultur- und Geisteswissenschaftler betroffen. Elf Prozent der Absolventen probieren es noch mit einem zweiten Dauerpraktikum.
Stress, Frust, Überstunden
Betriebe, Redaktionen und Kultureinrichtungen hätten sich auf das Angebot gut ausgebildeter Praktikanten eingestellt und kalkulierten mit diesem "Probearbeitsmarkt", so die Forscher. Jeder zweite Befragte bemerkte: "Die Ergebnisse meiner Arbeit waren im Betriebsverlauf fest eingeplant." Jeder Dritte berichtete von Stress und Überstunden. Richtig genervt ist etwa jeder Zehnte: "Die vielen Praktika haben mich frustriert, ich hatte aber keine Alternative."
Auch die prekäre finanzielle Lage nach dem Studium belegt die Studie mit konkreten Zahlen. Durchschnittlich dauern die Praktika sechs Monate und werden mit 600 Euro bezahlt. Frauen werden im Schnitt mit nur 543 Euro abgespeist. Davon kann niemand leben, deshalb müssen in den meisten Fällen die Eltern unter die Arme greifen. Das kann sich allerdings nur ein privilegierter Personenkreis leisten - Kinder aus Familien mit geringem Einkommen haben das Nachsehen.
Zwar bekommt jeder dritte der billigen Arbeitskräfte nach einigen Monaten ein Beschäftigungsangebot. Keine Auskunft gab die Studie allerdings darüber, ob es sich dabei um eine Wochenendaushilfe handele oder den Posten eines Art Directors, merkte die Ingrid Sehrbrock vom DGB an. Praktika nach dem Studium seien leider zum Normalfall geworden. In einer Phase, in der neben dem Berufseinstieg auch Familiengründung und Vorsorge für das Alter anstünden, seien die Betroffenen mit "unsicheren, zeitlich befristeten und schlechte bezahlten Jobs konfrontiert", so Sehrbrock. So würden gut ausgebildete engagierte Menschen "als billige Arbeitsmarktreserve verheizt".
Politisch bewegt sich wenig
Sehrbrock forderte, die Praktika gesetzlich als Lernverhältnis zu definieren und auf drei Monate zu begrenzen. Doch eine klare gesetzliche Regelung ist nicht in Sicht. Ähnliches hatten etwa Aktivisten der "Generation Praktikum" schon in verschiedenen Petitionen gefordert, für die sie über 100.000 Unterschriften sammelten; zornige Praktikanten demonstrierten letztes Jahr vor dem Brandenburger Tor. Herausgekommen ist dabei bisher wenig: Der Praktikanten-Elan der letzten Monate droht in den Mühlen des Politikbetriebes zu verpuffen.
Trotzdem bleiben die Absolventen relativ gelassen, behaupten die Berliner Forscher. "Praktika nach dem Studium sind zu rechtfertigen, um persönlich in Bewegung zu bleiben, um sich zu orientieren oder wenn man kein Glück bei der Jobsuche hatte. Ansonsten sollte die Ausbildung nach dem Studium abgeschlossen sein", laute die vorherrschende Meinung der "Generation Praktikum". 93 Prozent fänden innerhalb eines Jahres eine erste Beschäftigung oder machten sich selbstständig, so die Studie.
Doch das Berufsleben bleibt unruhig: In den ersten dreieinhalb Jahren werden 23 Prozent der Absolventen zwischenzeitlich arbeitslos, zehn Prozent wechseln mindestens dreimal den Job. Trotzdem sagen über 90 Prozent, dass sie sich wieder für ein Studium entscheiden würden. Allerdings würden sich etwa 40 Prozent nun in einem anderen Fach einschreiben.
cpa/AP/dpa
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