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Akademikermangel "Wir verschlafen den Bildungsboom"

3. Teil: Im letzten Teil: Was sich in Deutschland seit Pisa bewegt hat und warum Schleicher die Studiengebühren-Regelungen für grotesk hält

Frage: Die Veröffentlichung der ersten Pisa-Studie und der darauf folgende Pisa-Schock liegen jetzt mehr als fünf Jahre zurück. Seither sind die schwachen Leistungen des Schulsystems bekannt. Viel passiert ist seither nicht, oder?

Schleicher: Vieles hat sich bewegt: Niemand bestreitet mehr die Bedeutung von guter frühkindlicher Bildung und die Notwendigkeit, diese auch zum integralen Bestandteil des Bildungssystems zu machen. Ja, bei einigen ist inzwischen ja auch angekommen, dass Studiengebühren in der Hochschule vielleicht sinnvoller und sozial verträglicher sind als Studiengebühren im Kindergarten, wo wir die Grundlagen für Chancengerechtigkeit legen. Auch die Notwendigkeit, klare Bildungsziele zu schaffen - Bildungsziele, die Schülern helfen, besser zu lernen, Lehrern helfen, besser zu unterrichten, und Schulen helfen, effizienter zu arbeiten, das heißt, die Notwendigkeit, verbindliche Maßstäbe für den Erfolg von Bildung zu schaffen - auch das ist heute weitgehend Konsens. Nicht zu vergessen die Förderung von Ganztagsschulen - in den meisten erfolgreichen OECD-Staaten schon seit Jahrzehnten fester Bestandteil des Bildungssystems -, wo jetzt Fortschritte erzielt werden.

Frage: Darüber wird geredet - aber wirkliche Veränderungen hat es nur in homöopathischen Dosen gegeben.

Schleicher: Ganz so negativ würde ich es nicht ausdrücken. Aber die gegenwärtigen Reformen sind im Wesentlichen Optimierungsanstrengungen. Über strategische und systemische Reformen wird kaum diskutiert. Wir versuchen die Schüler des 21. Jahrhunderts durch Lehrer zu unterrichten, die im 20. Jahrhundert ausgebildet wurden und die in einem Schulsystem arbeiten, dass im Wesentlichen aus dem 19. Jahrhundert stammt und nicht mehr zeitgemäß ist. Das passt nicht mehr in den modernen Arbeitsmarkt.

Frage: Inwiefern?

Schleicher: Es gibt Parallelen zwischen der Entwicklung der Arbeits- und der Schulwelt. Die fortlaufende Automatisierung von Routinearbeit hat dazu geführt, dass Arbeit, die man vorwiegend in Form von geleisteten Arbeitsstunden misst, abnimmt, während Arbeit, die durch Inhalte, Zielvorgaben und Abgabetermine definiert wird, an Bedeutung gewinnt. Die deutschen Schulen aber arbeiten immer noch mit den Denkschemata der Vergangenheit: Wir messen die Arbeit in der Schule in Form von Unterrichtsstunden, Altersjahrgängen, Stundentafeln, Klassengrößen und Abschlüssen. Das reicht heute nicht mehr aus.

Frage: Wie steht es um die Hochschulen? Die sind ja in Deutschland chronisch klamm. Die USA oder die Schweiz geben mehr als doppelt so viel pro Student aus wie wir. Muss der Staat mehr ausgeben? Müssen die Bürger selbst mehr aufbringen? Müssen reiche Stifter sich stärker engagieren?

Schleicher: All das, gewiss. Dass die Hochschulen mehr Geld brauchen, ist unbestritten. Die Frage ist, wo es herkommen soll...

Frage: ...eben...

Protest gegen Studiengebühren (in Karlsruhe): "Die Rechnung geht nicht auf"
DPA

Protest gegen Studiengebühren (in Karlsruhe): "Die Rechnung geht nicht auf"

Schleicher: ...und da gibt es international zwei erfolgreiche Modelle. Modell A ist das skandinavische Modell, Schweden und Finnland. Da sagt die Gesellschaft: Bildung ist uns wichtig, wir werden alles tun, um weiter in der internationalen Topliga mitzuspielen. Also investiert der Staat, finanziert aus allgemeinen Steuern. Wir sehen: Die privaten Erträge sind hoch, der einzelne Bürger profitiert. Wir sehen auch: Die Fiskalerträge sind positiv, das heißt, die Steuerzahler und die gesamte Gesellschaft bekommen mehr zurück, als sie ursprünglich bezahlt haben - Bildung ist eine gute Investition mit hoher privater und gesellschaftlicher Rendite.

Frage: Und das zweite Modell?

Schleicher: Modell B ist das amerikanisch-asiatische, also USA, Japan, Korea, auch Australien. Diese Gesellschaften sagen: Bildung ist uns wichtig, wir sichern den Zugang durch gute Schulsysteme, aber das Studium ist eure private Investition. Dort mobilisiert man Ressourcen vorwiegend aus dem privaten Sektor: Studiengebühren, staatlich abgesicherte Kreditsysteme, private Stipendienprogramme und dergleichen. Auch diese Rechnung geht auch auf: Die privaten Erträge sind hoch, die sozialen Erträge sind hoch, und fiskale Erträge bleiben positiv, zumal der Steuerzahler wenig investiert hat.

Frage: Wo steht Deutschland in diesem Vergleich?

Schleicher: Ich würde es das Modell C nennen, Deutschland und Frankreich. Da sagt man: Bildung ist uns unglaublich wichtig, aber wir haben leider kein Geld. Und wir erlauben auch nicht, dass die private Seite sich maßgeblich an der Finanzierung beteiligt. Es ist schon grotesk, wenn man sich die Studiengebührenregelungen in Deutschland anschaut: Die Beträge werden per Gesetz so niedrig gehalten, dass sie das Hochschulangebot nicht verbessern, aber doch so hoch, dass sie noch mehr junge Leute vom Studium abhalten. Die Rechnung von Modell C geht nicht auf.

Frage: Woran sollten wir uns orientieren? Mehr oder weniger Staat in der Studienfinanzierung?

Schleicher: Man sollte ideologiefrei an diese Frage herangehen. Man kann sich am staatsfinanzierten Modell A oder am maßgeblich privat finanzierten Modell B orientieren. Beides funktioniert. Klar ist aber, dass Deutschland zu wenig in Bildung investiert, gerade auch in die Hochschulen. Das ist ein großes Versäumnis, denn wer an den Kindern spart, der wird in Zukunft verarmen.

Frage: Muss die Wirtschaft mehr Geld in die Bildung stecken?

Schleicher: Die deutschen Unternehmen investieren ja schon viel in die betriebliche Ausbildung von Lehrlingen. Da ist Deutschland führend. Aber wie gesagt, dieses Ausbildungsmodell bedient einen immer kleineren Teil der Wirtschaft. Wichtig wäre, dass die Unternehmen sich direkt an den Spitzenqualifikationen beteiligen. Da kann man heute die größten Erträge einfahren.

Das Interview führte Henrik Müller, manager magazin

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