Von Mareike Knoke
Schon früh wollte der Geologe Michael Stipp alles über den Planeten Erde wissen. Über das, was ihn, im wahrsten Sinne des Wortes, im Innersten zusammenhält. "Und während der Doktorarbeit wurde mir klar, dass ich gerne dauerhaft in der Wissenschaft arbeiten möchte", sagt er. Die Begeisterung für sein Spezialgebiet, die Strukturgeologie und Tektonik der Kontinentalplatten, möchte der 36-Jährige an seine Studenten unbedingt weitergeben.
Stipp hatte bis vor kurzem eine befristete Hochschulassistenten-Stelle an der Universität Freiburg. Er weiß, dass er damit zu den Sonntagskindern seines Faches gehört. "Zurzeit wird ein geowissenschaftlicher Lehrstuhl nach dem anderen gestrichen und die Institute gleich mit", sagt er und zählt auf: "Stuttgart, Würzburg, Gießen, Clausthal." Für Geowissenschaftler, die sich, wie Stipp, der Grundlagenforschung verschrieben haben, gibt es immer weniger interessante Jobs, wenn sie in der Wissenschaft bleiben wollen. Da stellt sich zwangsläufig die Frage: Kann ich mein Leben tatsächlich auf einer Wissenschaftler-Tätigkeit an einer Universität aufbauen?
In der Industrie hätte Stipp vermutlich sofort anheuern können - unbefristet und gut bezahlt. Er hat etwas vorzuweisen: Studium in Darmstadt und Göttingen, Promotion an der Uni Basel, einige Postdoc-Jahre an der amerikanischen Ivy-League-Hochschule Brown University im US-amerikanischen Providence. Laut dem Berufsverband Deutscher Geowissenschaftler (BDG) ist die Nachfrage nach Geowissenschaftlern in den Zeiten der Rohstoffknappheit besonders in der Energie- und Erdölbranche international groß. "Auf fast jeden Absolventen kommt derzeit eine freie Stelle in der Industrie", schätzt der BDG-Vorsitzende Hans-Jürgen Weyer.
Kopf oder Bauch, wer gewinnt?
Stipp ist Vater von zwei kleinen Kindern, das verlangt nach einer gewissen Sicherheit. Im Augenblick zieht ihn nichts in die Industrie. Doch wenn es für ihn in der Wissenschaft nicht weitergehen sollte, sagt Stipp, würde er wohl doch versuchen, dort einzusteigen. Und seine Frau, eine Psychologin, würde sich wieder einen Fulltime-Job suchen.
Für viele Nachwuchswissenschaftler, die es satt haben, sich von Befristung zu Befristung zu hangeln, ist die Wirtschaft eine Alternative. Und eine Kopfentscheidung. Denn die von der Bundesregierung beschlossene Modifizierung der sogenannten Zwölf-Jahres-Befristung für die Qualifizierungsphase von Nachwuchswissenschaftlern entschärft die Situation nicht wirklich.
Nach wie vor gilt: Wer langfristig in der Wissenschaft bleiben will, muss irgendwann eine Professur ergattern, sonst hangelt man sich von Befristung zu Befristung. Doch der Bauch hat auch ein Wort mitzureden. Wenn es nur nach ihm ginge, würden - laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Infratest - 63 Prozent der hochqualifizierten Uni-Absolventen am liebsten in der Wissenschaft arbeiten.
Auch Michael Stipp hörte auf seinen Bauch und liegt im Augenblick offenbar richtig damit. Denn zum April wechselte er als wissenschaftlicher Angestellter ans renommierte und finanziell gut ausgestattete Institut IFM Geomar nach Kiel.
Jahr für Jahr stehen in Deutschland - so sagt es eine Erhebung des Statistischen Bundesamtes - etwa 20.000 frisch promovierte junge Nachwuchswissenschaftler vor der alles entscheidenden Frage: Bleiben oder gehen? Uni oder Industrie? Kann ich von der einen Seite wieder zurück auf die andere wechseln? Sie sind zu diesem Zeitpunkt durchschnittlich 33 Jahre alt. Und egal ob Naturwissenschaftler, Ingenieur oder Geisteswissenschaftler: Für alle ist in diesem Alter die "rush hour of life" angebrochen.
Ständiges Nomadentum zwischen 30 und 40
Eckart Hildebrandt, Experte für den Bereich Arbeitsmarkt und Work-Life-Balance am Wissenschaftszentrum Berlin, verwendete diesen Begriff in seinem gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern 2006 verfassten Manifest "Zeit ist Leben". Er meint damit die Lebensphase zwischen etwa 25 und 45 Jahren, die, so Hildebrandt, "geprägt ist durch die Konkurrenz von verschiedenen Anforderungen, die man an sich selbst stellt: Karriereplanung, Familiengründung, gesellschaftliches Engagement, Hausbau. All dies soll in einer Kernzeit von zehn bis 15 Jahren passieren. Heutzutage meistens im Alter zwischen 30 und 40." Veränderte gesellschaftliche Verhältnisse wie die Wandlung der Geschlechterrollen und die Lockerung des Generationenvertrages, verbunden mit der Angst vor dem sozialen Absturz, lassen für Wissenschaftler in der Qualifizierungsphase die Rushhour oft zur kräftezehrenden Stress-hour werden.
Denn: Wie soll man eine Familie gründen, wenn man ständig nomadengleich von Postdoc-Stelle zu Postdoc-Stelle ziehen muss? Das gilt verstärkt noch für Wissenschaftlerinnen, deren irgendwann laut tickende biologische Uhr signalisiert, dass die Zeit für die Familienplanung abläuft.
Für die Biologin Julia Hepp etwa war dies, unter anderem, ein Grund, sich nach dem Studium in Göttingen, der Doktorandenzeit an der britischen Elite-Uni Cambridge und zwei Postdoc-Jahren an der Uni Zürich eine Festanstellung in einem Münchner Biotech-Unternehmen zu suchen. "Mir war immer klar, dass ich einen Partner und Familie möchte und dass die Wissenschaft nicht mein ganzes Leben bestimmen soll", sagt sie.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Job & Beruf | RSS |
| alles zum Thema Arbeitsplatz Uni | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH