Von Ingo Arzt
Berlin - Angenommen, Deutschland wäre ein Ameisenstaat, in dem ziemlich viele Ameisen deprimiert sind, weil es nichts mehr zu tragen und zu bauen gibt. Dem Staat geht es dabei nicht wirklich schlecht, aber auf lange Sicht auch nicht wirklich besser. Die Elite redet darüber, was zu tun ist: Arbeit muss her. Arbeit muss anders verteilt werden.
Man kann so einen Staat auch anders betrachten: unbefangen von alten Ideen. So wie die Studenten und Doktoranden, die in diesem Jahr den Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung verliehen bekommen haben. "Mittelpunkt Mensch?" hieß die Aufgabe, es ging darum, wie Arbeit und Leben vereinbart werden kann. Über 400 Theologen, Sozialwissenschaftler, Philosophen, aber auch Modesdesigner oder Ingenieure haben in ihren eingereichten wissenschaftlichen Arbeiten Utopien durchdacht, den Begriff "Arbeit" über den Haufen geworfen oder etwa Glück als messbaren Faktor für den Sozialstaat entdeckt.
Andere wollten Arbeit schöner machen und haben Bauarbeitern modische Hosen geschneidert - wie die Modedesignerin Bianca Koczan. Oder sie wollen den Sozialstaat mittels einer "Freien Zeitversicherung" revolutionieren: Die FZV fast alle vier Sozialversicherungen zusammen und wird vom Bürger selbst verwaltet - als Antwort auf Patchwork-Biografien. Wer im Alter von 40 zwei Jahre Auszeit nehmen will, benutzt einfach seine Beiträge zur FZV als midlife-Rente und zahlt danach wieder Geld ein.
Auf der Suche nach dem Glück
5000 Euro Preisgeld gab es für jede der fünf erstplatzierten Arbeiten, die aus zehn Finalisten in Berlin ausgewählt wurden. Aber was ist schon Geld, wenn einem Ehre zuteil wird: Preisträger Martin Ehlert sagt, es gehe um Anerkennung, alles andere sei zweitrangig. Dafür sorgte die Jury mit Professoren aus ganz Deutschland. Julian Nida-Rümelin, ehemaliger Kulturstaatsminister, überreichte zusammen mit Andrea Fischer, Gesundheitsministerin a.D., in der Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften die Auszeichnungen.
Martin Ehlert strahlte danach so sehr, er lebte quasi seine eigene Theorie. Zusammen mit Martin Schröder hat er Glück als ökonomische Größe erfasst. "Lebenszufriedenheitsforschung" heißt die Methode. Die beiden Sozialwissenschaftler haben erforscht, wie viel Geld der Staat zahlen müsste, um materiell auszugleichen, was der Verlust des Arbeitsplatzes an Zufriedenheit zerstört. Fazit: Eigentlich unbezahlbar. Leidtragende sind die gering Qualifizierten, denn die verlieren ihre Jobs am ehesten - und zwar wegen der hohen Lohnnebenkosten, die der Wohlfahrststaat produziert.
Paradoxerweise macht also das System die Menschen unglücklich, das ihnen eigentlich Gutes tun sollte. "Wir haben ein Problem damit, dass es so viele Verlierer gibt", sagt Ehlert. Wohlfahrtsstaat heißt für ihn nicht nur die Umverteilung von Geld, sondern auch von Lebenszufriedenheit. Man stelle sich vor, die Bundesanstalt für Arbeit würde allmonatlich keine Arbeitslosenzahlen, sondern eine Lebenszufriedenheits-Statistik veröffentlichen.
Der Philosoph Christian Dries hat dagegen eine simple Botschaft an all die arbeitslosen Arbeiter: Man braucht euch. Nur nicht so, wie man ihnen das erzählt hat. "Wir brauchen eine Debatte über Tätigkeiten jenseits der Arbeitsgesellschaft", sagt er. Der Mensch gewinnt sein Selbstverständnis aus Erwerbsarbeit - ein Zustand, der dringend überwunden werden müsse, so Dries. Die aktuelle Politik zementiere ihn allerdings weiter.
Das Leben der Boheme
Deshalb plädiert Dries für einen kulturellen Wandel: Der Mensch soll sich betätigen, im Ehrenamt, in Kunst und Kultur. "Das ist vielleicht keine Arbeit, die Einkommen generiert, aber eine, die Sinnhaftigkeit vermittelt." Schon die Bildungseinrichtungen sollten das neue Leitbild vermitteln, um auf Dauer die Gesellschaft auf etwas wirklich Neues vorzubereiten, das Grundeinkommen: Jeder Bürger bekommt jeden Monat einen festen Betrag vom Staat, egal, ob und was er tut oder auch nicht. Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschafts Institut, ist einer der Vorkämpfer der Idee, er hat die Preisverleihung mit einem Vortrag dazu eröffnet.
Unbemerkt von den Diskussionen um den Umbau des ganzen Staatenbaus lebt längst ein Teil der jungen Generation mit einem anderen Selbstverständnis von Arbeit. Jakob Schillinger hat "Lifestyle als Job" untersucht - eine Reise durch die Popkultur von Berlin-Mitte. In Plattenläden oder Clubs lebt die Boheme, die sich durch ihre Freiheit von der Arbeit definiert, sich aber von Klamotten- oder Musiklabels ausstatten lassen. Ein lohnendes Geschäft, denn was die Trendsetter tragen, kauft auch der Rest der Szene. Niemand merkt, was für eine perfide Marketingstrategie dahinter steckt.
"Es gibt eine sehr tätige Szene von Arbeitslosen", sagt Schillinger. Kern seiner Arbeit war ein Workshop, in dem Teilnehmer lernen sollten, wie sie zum Trendsetter werden. Gleichzeitig wird ihnen vorgeführt, dass sie in ihrem scheinbar freien Lebensstil von Sponsoren und Marketing-Strategen abhängig sind.
Was am Ende aus all den Utopien und Ideen wird, ist unklar. Wenn Grundeinkommen-Fan Straubhaar mit Schweizer Akzent enthusiastisch vorträgt: "Die Probleme Deutschlands lassen sich nur mit einem Systemwechsel lösen", klingt er nicht resigniert, sondern wie einer, der eine Pfadfindergruppe zum Wandern animieren will.
Philosoph Dries sagt ganz profan, die Gesellschaft umzugestalten sei ein Prozess, an dem alle mithelfen könnten. Eben fast wie in einem Ameisenstaat.
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