Um Kundschaft buhlen die Titelhändler durch Werbemails, die jedoch schnell im Spam zwischen Penisverlängerung, Blitzkredit und den erstaunlichen Offerten nigerianischer Millionärswitwen untergehen. Wirksamer sind Anzeigen in Internet-Suchmaschinen, manchmal inserieren die Phantomunis sogar in seriösen Magazinen und Zeitungen. Wie viele gefälschte Diplome derzeit genau im Umlauf sind, ist kaum zu sagen. Das gilt auch für die Zahl der Titelschleudern. "Der Markt ist schwer zu überblicken, da viel im Verborgenen passiert und die Anbieter oft Namen und Standort wechseln. Schätzungen gehen von 300 bis 800 Titelmühlen aus", sagt Grolleau.
In Deutschland sind Titelmühlen illegal, weil Bezeichnungen wie "Universität" oder "Hochschule" gesetzlich geschützt sind. Wer einen staatlich nicht anerkannten Titel führt, macht sich strafbar und riskiert bis zu einem Jahr Haft. Doch auch in der Bundesrepublik werden Lebensläufe mit halbseidenen Abschlüssen geschönt.
Ein prominenter Fall ist der Berliner CDU-Abgeordnete Mario Czaja, der mit einem Wirtschafts-Diplom der zweifelhaften Freien Universität Teufen in der Schweiz seine Vita frisiert hatte. Als das Anfang 2006 herauskam, entschuldigte er sich zerknirscht ("In meinen stürmischen Jugendjahren habe ich es versäumt, das Gymnasium mit dem Abitur zu verlassen") und räumte seinen Sitz im Wissenschaftsausschuss des Abgeordnetenhauses.
Unter "magna cum laude" mach ich's nicht
In anderen Ländern, darunter in vielen US-Bundesstaaten, gelten oft lockerere Regeln als in Deutschland. Titelschleudern können dort weitgehend unbehelligt operieren, auch wenn sie nicht über das Gütesiegel einer allgemein anerkannten Akkreditierung verfügen. Dieses Problem haben die Diplomdealer allerdings bereits auf ihre Weise gelöst und einfach Akkreditierungsmühlen gegründet, die einen seriösen Anstrich verleihen sollen. So ist die Ashwood University gleich doppelt anerkannt bei der "World Online Accreditation Commission" und dem "Board of Online Universities Accreditation".
Wie mir mein Studienberater Romeo geraten hat, habe ich mittlerweile das Bewerbungsformular auf den Ashwood-Internetseiten aufgerufen. Damit auch nichts schief läuft, hat die Uni noch einmal genau aufgelistet, was sie unter "Lebenserfahrung" versteht - zum Beispiel persönliche Ziele, Hobbys sowie eigenständiges Schauen und Zuhören. Ich phantasiere einige Sätze zusammen und fülle die verbleibenden Felder aus. Am Ende darf ich eine Abschlussnote aussuchen, gönne mir für einen Preisaufschlag von 40 Dollar ein "magna cum laude" und sende meine Bestellung ab.
Einen Tag später kommt schon die E-Mail von der Ashwood-Universität. "Herzlichen Glückwunsch! Wir sind froh, Ihnen mitteilen zu können, dass unser zehnköpfiges Prüfungskomitee auf der Basis ihrer Angaben endlich Ihrer Bewerbung um einen Doktortitel zugestimmt hat." Wenn ich sofort zahle, soll ich den schmucken akademischen Grad und ein Exzellenz-Zertifikat binnen sieben Tagen geliefert bekommen. Ich zahle nicht.
Schon bald darauf die nächste Mail. Ob ich nicht doch an meinem Doktortitel interessiert sei, den könne ich nämlich auch in Raten abbezahlen. Ansonsten solle ich mich bei Nachfragen doch einfach wieder an meinen Studienberater wenden - Romeo hat immer ein offenes Ohr für mich.
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