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20.09.2007
 

Lehre in Not

Mein kleiner, kluger Tutor

Von Frank van Bebber

Es ist wie ein Reflex: Kneift es in der Lehre, ruft der Professor nach dem Tutor. Schlimm? Wenn ältere Semester gut betreut werden und dann jüngeren Studenten auf die Sprünge helfen, ist das gut für alle. Aber nicht, wenn Tutoren zu Schattenprofs werden.

Wer den Job will, muss zwei Gutachten vorlegen und sich einer Auswahlkommission stellen. "Wir wollen niemand, der es nett findet, aber didaktisch nicht geeignet ist", sagt Jörg Zender, Mitglied des siebenköpfigen Auswahlgremiums aus Professoren und Studenten. Zender ist kein Lehrstuhlinhaber, sondern Mathematik-Diplomand an der Universität Bielefeld. Und seine Sorgfalt gilt nicht etwa der Wahl eines W3-Professors auf Lebenszeit. Der 24-Jährige kürt Tutoren.

Blick in den Hörsaal: Tutoren als Ersatzprofessoren?
DDP

Blick in den Hörsaal: Tutoren als Ersatzprofessoren?

Gutachten von Professoren und Studierenden, das Votum einer Auswahlkommission – selten ist die Auswahl von Tutoren so streng wie bei den Bielefelder Mathematikern. Doch auch andere Hochschulen machen sich heute mehr Gedanken um ihre Tutoren als früher. Seit der Einführung von Studiengebühren fließt frisches Geld in die Kassen, das für Lehre ausgegeben werden muss.

Gesicherte Zahlen gibt es nicht. Doch nach Schätzungen der bundesweiten Tarifvertragsinitiative arbeiten bundesweit rund 100.000 Studierende als Tutoren. Etwa 27 Prozent aller Studierenden würden während ihres Studiums einmal als studentische Hilfskraft arbeiten. Zwar sind längst nicht alle von ihnen in der Lehre beschäftigt, doch der Boom der Tutorien gerade in diesem Bereich ist mittlerweile so gewaltig, dass auch früheren Befürwortern unheimlich wird. Noch vor drei Jahren freute sich der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Professor Dr. Bernhard Kempen, über mehr Tutoren an den Hochschulen, die in kleinen Gruppen unterrichten und Ansprechpartner für Anfänger sein könnten. Mittlerweile warnt er vor einem Niveauabfall, "wenn die Aufgaben in der akademischen Lehre zu großen Teilen kostengünstigen lecturers, wissenschaftlichen Mitarbeitern oder Tutoren übertragen würden".

Tutoren-Boom sorgt für Unbehagen

Sind das bloße Unkenrufe einer Berufsvertretung mit Tradition? Nein. Die Gefahr sehen auch die beiden Professoren Dr. Christina Krause (Universität Göttingen) und Dr. Volker Müller-Benedict (Universität Flensburg). Beide haben sich wissenschaftlich mit der neuen Invasion der Tutoren beschäftigt und Tipps für sie veröffentlicht. Die Idee des universitären Tutors sei seit dem Mittelalter bekannt, sagen sie, und: "Sie war immer verbunden mit dem Mangel an Lehrkräften." Das Phänomen ist im Übrigen keines, das nur in Deutschland zu beobachten ist. Es genügt der Blick ins Nachbarland Österreich. Dort will die Universität Wien kommenden Winter mehr Lehrtutoren einsetzen - als Antwort auf "die vielfach problematischen Betreuungsverhältnisse" und "um den großen Studentenandrang abzufangen".

Eine Entlastung für die Hochschullehrer hatte auch Bundesbildungsministerin Dr. Annette Schavan im Sinn, als sie vergangenen Mai bei der jüngsten Bologna-Konferenz der Bildungsminister in London den von der Studienreform gebeutelten Hochschulen empfahl, die Lehre mit einem Tutorensystem zu stützen.

Der Lösungsweg ist so sinnvoll wie riskant. Müller-Benedict warnt: "Es ist wichtig, dass die Tutoren keine kleinen Dozenten werden, sondern einen anderen Zugang zu den Studenten behalten: von Gleich zu Gleich." Er und Krause appellieren nicht nur deshalb, die Tutoren vorzubereiten und "die Verantwortung der Universität gegenüber den als Tutoren tätigen Studierenden ernst zu nehmen".

Gelingt der Spagat in Bielefeld? Die dortigen Mathematiker beschäftigen derzeit rund 90 studentische Hilfsdozenten. Ihnen sichert der Tutoren-Job kleine Privilegien wie den Kontakt zu den Forschern oder auch einen eigenen Schreibtisch in beengten Sechs-Mann-Büros. In Zeiten der Massenuniversität ist das nicht nichts. Dafür müssen die Studierenden ordentlich Leistung bringen: Sie sollen unteren Semestern verständlich machen, was der Professor in der Anfängervorlesungen doziert. Kommilitonen dienen sie zudem als Kummerkasten. "Das ist nicht immer einfach", sagt Tutorensprecher Zender. Am Ende winken dafür bei acht Stunden in der Woche ein Monatslohn von 280 Euro.

"Die Studenten werden oft ins kalte Wasser geworfen"

Das ist offenbar attraktiv genug: Es gibt mehr Interessenten als Stellen bei den Bielefelder Mathematikern. Und damit kein Professor seinem Liebling unverdient den Job zuschanzt, stellt die Kommission die Tutoren ein und weist sie zu. In einem zweitägigen Seminar, für das es am Ende ein Zertifikat gibt, bereitet die Hochschule die Tutoren auf ihre Aufgabe vor. "Da geht es darum, was man macht, wenn jemand stört oder es Beschwerden gibt", sagt Zender.

Solche Situationen, weniger fachliche Fragen, gelten als Herausforderung für jeden Tutor. Für Maschinenbau-Student Björn Buchholz von der Hochschule Niederrhein geht es kurz gesagt darum, "dass man sich nicht zum Depp macht". Er fragte sich vor seinem ersten Tutorat: "Wie kriege ich die Gruppe dazu, nicht nur rumzusitzen?"

Der Master-Student nahm am Vorbereitungskurs der Diplom-Pädagogin Heike Kröpke teil. "Die Studenten werden häufig ins kalte Wasser geworfen", sagt sie. In den vergangenen Jahren hat sie ein Programm entwickelt, das angehende Tutoren in zwei Semestern fit für ihre Aufgabe macht. In den Tageskursen gibt es praktische Tipps: Wo stelle ich mich hin, wie benutze ich Technik oder wie begrüße und verabschiede ich mich, sodass mich die Gruppe respektiert? Ein Seminar "Methodik und Didaktik" ist Pflicht, dazu kommen Kurse in Rhetorik oder Präsentation. Die Übungen werden auf Video analysiert. Kröpke geht zu jedem Tutor in den Unterricht. Es folgt ein halbstündiges Abschlussgespräch.

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