Von Klaus Werle
Melanie Kochs Leben als Oetkerianerin begann mit einem Studentenjob im "Dessert Panel". Zweimal die Woche, für 14 Euro die Stunde, aß sie Pudding, meist Schoko, manchmal Vanille, und diskutierte ihre Geschmackserlebnisse mit anderen Testessern.
Schnell bekam sie ein eigenes Projekt, schrieb dann ihre Diplomarbeit bei Dr. Oetker. "Überall wurde ich gefördert", sagt die 28-jährige Betriebswirtin, die im Mai bei dem Konsumartikler als Trainee eingestiegen ist. "Von Anfang an fühlte ich mich, als wäre ich schon jahrelang da, fast wie in einer Familie."
Berufsstart: Geld oder Liebe?
Die Studie, für die das Berliner Beratungsinstitut Trendence mehr als 15.000 examensnahe Studierende der Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften nach ihrem Traumarbeitgeber befragt hat, ist die größte und fundierteste ihrer Art. Für die Unternehmen ist das Ranking ein entscheidendes Imagebarometer: Es zeigt ihre Position im Ringen um die wichtigste Ressource der Zukunft: die begehrten Toptalente.
"Nach der Stagnation der vergangenen Jahre ist der Kampf um die Köpfe zurückgekehrt, und zwar nicht im ICE-, sondern im Mirage-Tempo", sagt Claus-Peter Sommer von der Kölner Personalberatung Access: 671.000 Arbeitslose weniger als 2006, 650.000 offene Stellen, Ingenieure sind Mangelware. KPMG sucht 2700 Prüfer, Siemens 8000 Ingenieure und Naturwissenschaftler, in der IT-Branche fehlen 20 000 Experten. Es riecht wieder nach New Economy.
Panischer Kampf um die Köpfe
Dass der Kampf um die Köpfe seit einigen Monaten panische Züge annimmt, haben sich die Firmen selbst eingebrockt. "Den Personalbedarf nur kurzfristig an das Auftragsvolumen zu koppeln ist dilettantisch", schimpft Christian Scholz von der Uni Saarbrücken.
Jahrelang ging die Rechnung auf. Träge konnten die Firmen aus dem Riesenpool verzweifelter Bewerber schöpfen. Damit ist Schluss. Die Gefechtslage entwickelt sich rasant zum Anbietermarkt - aus Umworbenen werden Werbende. "Die traditionellen Recruiting-Instrumente ziehen nicht mehr, auch ein großer Name allein ist zu wenig", sagt Trendence-Beraterin Manja Ledderhos. Um attraktiv für die Besten zu sein, müssen die Firmen in ihre Marke als Arbeitgeber investieren: "Employer Branding" nennen Fachleute den Trend.
Bei Dr. Oetker hat man beschlossen, vermeintliche Schwäche - Bielefelder Provinz, Hausmütterchenprodukte - in Stärke umzudeuten. Adrett wie ein frisch gebackener Gugelhupf liegen die roten Backsteingebäude unter der Bielefelder Morgensonne. Ein Blumensträußchen steht im Pförtnerhäuschen, ein Anzugträger schlendert mit fünf Tiefkühlpizzen im Arm herüber zur "Dr. Oetker Welt".
Dort glänzt ein übermannshoher Plastik-Vanillepudding, der auf Knopfdruck auch echten Pudding ausgibt. Eine Etage höher residiert die Versuchsküche, wo so lange mit Backzeiten und Hefemischungen experimentiert wird, bis jeder, auch der Junggeselle mit zehn Daumen an zwei linken Händen, den russischen Zupfkuchen hinkriegt. "Gelinggarantie" nennen sie das hier.
Gelinggarantie.
Ein Wort, das nach Adenauer klingt, nach pünktlichen Zügen und geordneten Verhältnissen, und das seltsam fehl am Platz wirkt in der verworrenen Globalökonomie, in der es viele Dinge im Überfluss gibt, in der es aber an einer Sache mangelt: Garantien.
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