Von Jan Friedmann
In seinem Nebenjob ist Stephan Kohls noch Kunsthistoriker alter Schule: In Talar und Barett gewandet führt der 29-jährige Student aus Greifswald Touristen durch die heiligen Hallen seiner Universität. Er zeigt nostalgischen Absolventen und geschichtsinteressierten Rentnern die altehrwürdige Aula, er erzählt Anekdoten zu den historischen Graffiti im Karzer und zur einmaligen Sammlung von Rektoren-Porträts.
Vier- bis fünfmal in der Woche tritt Kohls für 7,50 Euro pro Stunde als Fremdenführer auf. Doch eigentlich träumt der Kunsthistoriker von einem Posten im Kunsthandel, zurzeit schreibt er Bewerbungen. Die Uni-Führungen sieht er auch als Training: "Hier lerne ich den Kundenkontakt."
Wie Kohls setzen immer mehr junge Kunsthistoriker auf eine boomende Branche: Sie suchen den Berufseinstieg bei Auktionshäusern, Galerien und Kunstmessen. Galt das Fach lange Zeit als eine Art akademische Hauswirtschaftslehre für höhere Töchter oder als Spielwiese für Seniorenstudenten, so locken nun Geld und Glamour des internationalen Kunstmarkts.
Moderne Kunst zu kaufen und zu besitzen gilt mehr denn je als Statussymbol. Fußball-Popstar David Beckham erwarb für seine Frau Victoria ein überdimensionales Herz von Damien Hirst, zusammengesteckt aus Hunderten toter Schmetterlinge. Zeitgenössische deutsche Künstler wie der Maler Gerhard Richter oder der Fotograf Andreas Gursky erzielen für ihre Werke Spitzenpreise. Das Auktionshaus Sotheby's schätzt, dass auf dem globalen Kunstmarkt 20 Milliarden Euro im Jahr umgesetzt werden.
Erste Station auf dem Arbeitsmarkt: die Warteschleife
Gute Aussichten, so scheint es, für junge Fachleute, die gelernt haben, Schönheit zu sezieren und Werte zu identifizieren. Zumal Ausbildung made in Germany international hoch gehandelt wird. So wurde unlängst ein Deutscher auf einen Spitzenposten in der Kunstwelt berufen: Der Berliner Kunsthistoriker Thomas Gaehtgens leitet ab November als Direktor das Getty Research Institute in Los Angeles - mit mehr als 200 Mitarbeitern das größte kunsthistorische Forschungsinstitut der Welt.
Doch bei allem Glanz landen viele Kunsthistoriker erst mal in der Warteschleife. So überstieg zuletzt laut Bundesagentur für Arbeit die Zahl der in der Berufsgruppe arbeitslos Gemeldeten die Zahl der offenen Stellen um das 30fache. Die klassischen Arbeitgeber, Museen, Kommunen und Forschungseinrichtungen, haben nur begrenzte Mittel, gleichzeitig ist der Andrang der Bewerber groß. Auf einen Volontariatsplatz an der Hamburger Kunsthalle bewerben sich laut Geschäftsführer Roman Passarge rund 200 Interessenten.
"Es ist nach wie vor schwierig, im Kunstbereich unterzukommen", sagt Marcello Gaeta, Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker. Der "Sparzwang des öffentlichen Sektors" führe dazu, dass Museen und Sammlungen feste Stellen abschafften und stattdessen nur noch Zeitverträge vergäben. Gaeta konstatiert einen Trend zum "maximal Zwei-Jahres-Job". Wer den Einstieg suche, komme um eine Promotion und ein Volontariat kaum herum - dabei sind die meist zweijährigen Volontariate schlecht bezahlt, ein Brutto-Monatsgehalt von 1000 Euro keine Seltenheit.
Deutsche Museen verhielten sich gegenüber Bewerbern und Besuchern bisweilen "selbstherrlich und abgehoben", kritisiert Annette Blattmacher. Die 32-jährige Kunsthistorikerin wechselte nach ihrem Studium in Freiburg und Lissabon nach Barcelona, um dort einen Master in Museologie draufzusatteln.
In Spanien, erzählt Blattmacher, wetteiferten die Sammlungen miteinander um das beste didaktische Konzept, die Museen seien voll von Schulklassen und Besuchergruppen - entsprechend viele Jobs in der Kunstvermittlung gebe es für Berufseinsteiger. Demgegenüber müssten sich deutsche Museen vergleichsweise wenig Gedanken machen, wie sie die Öffentlichkeit für ihre Bestände interessierten.
Hierzulande sei der gängige Weg in den Beruf, "sich in einer Institution unentbehrlich zu machen", so Blattmacher. Freiberuflich arbeitende Kunsthistoriker sollten hingegen auch mal zu schlecht dotierte Angebote ausschlagen und das Risiko eingehen, auf ein besseres zu warten, rät Blattmacher.
"Neugierde, Enthusiasmus, Leidensfähigkeit"
Vom Boom des privaten Kunsthandels profitiere seine Profession bislang noch kaum, sagt Verbandsvertreter Marcello Gaeta. Abraten vom Fach will er aber niemandem. Wie für alle Kunstberufe brauche man "Neugierde, Enthusiasmus und Leidensfähigkeit", so Gaeta. "Wer eine Durststrecke übersteht, bekommt auch wieder eine Chance."
Die sucht auch Caroline Kleuker. Auf ihr mit großer Begeisterung bestrittenes Studium sei zunächst die Ernüchterung gefolgt, so die Münchner Kunsthistorikerin: Sie klapperte Galerien ab, bewarb sich bei Banken und Versicherungen als Kunstsachverständige. Doch trotz mehrerer Praktika und einem Auslandsstudium in Venedig sprang wenig Zählbares dabei heraus.
"Die Angebote bestehen fast nur aus Teilzeitjobs und unbezahlten Praktika", sagt Kleuker. "Doch bei aller Begeisterung für das Fach verstehe ich Kunstgeschichte auch als Brotberuf." Inzwischen arbeitet sie als Assistentin bei einem privaten Fernsehsender und pflegt ihr eigentliches Fachgebiet als Hobby. Nebenbei jobbt sie für Galerien und macht Stadtführungen. Die mühsame Stellensuche, sagt Kleuker, habe sie "erst recht angespornt". Kleuker, die sich im Studium auf das 19. und 20. Jahrhundert spezialisiert hatte, kann sich nun die Arbeit mit Gegenwartskunst am besten vorstellen: "Ich möchte am Puls der Zeit bleiben."
So denken auch die Kunsthistoriker der Universität Köln: Sie wollen vom Wintersemester 2008 an den bundesweit ersten Studiengang in Kunsthandel an einer deutschen Universität einrichten. "Bislang hat die Kunstgeschichte sehr unspezifisch und wenig tätigkeitsbezogen ausgebildet", sagt Institutsprofessor Stefan Grohé, einer der Initiatoren des Angebots. "Das war blauäugig und bescherte dem Fach bisweilen einen Ruf als Hobby-Ausbildung."
Jetzt müsse auch die Kunstgeschichte dem Bestreben anderer Geisteswissenschaften folgen, die Absolventen fitter für die Berufspraxis zu machen. 15 bis 20 Studenten könne der neue Studiengang pro Jahr ausbilden, schätzt Grohé. Arbeitsmöglichkeiten werde es ausreichend geben: In einer Kunststadt wie Köln seien zahlreiche Galerien angesiedelt, dazu mit der Art Cologne die wichtigste Kunstmesse in Deutschland. "Ein wissenschaftliches Fundament ist im Kunsthandel nützlich und wird noch wichtiger werden", ist sich Grohé sicher. Bislang seien die meisten Galeristen Autodidakten.
Den Nerv der studentischen Nachfrage haben die Kölner Kunsthistoriker jedenfalls getroffen: Obwohl der Studiengang erst in der Planung ist, trudeln schon die ersten Bewerbungen ein.
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