Montag, 23. November 2009

UniSPIEGEL



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05.11.2007
 

Lehrer in Russland

Mies bezahlt und ausgelacht

Von Oleg Hochlow, Moskau

Russische Lehrer machen schwere Zeiten durch. Sie verdienen zu wenig, verlieren alte Privilegien - und Schüler halten sie für Versager, die keinen anständigen Job gekriegt haben. Nur Lockangebote halten Junglehrer in der Schule. Aber nach drei Jahren nehmen sie Reißaus.

Andrej Zinin, 25, wollte nicht in die Armee, und so machte er es wie viele junge Lehrer aus Moskau - er entschied sich für den Landschuldienst. Nachdem er die Pädagogische Staatliche Universität abgeschlossen hatte, unterrichtete er für zwei Jahre Russisch im Dorf Dergajewo, 30 Kilometer nördlich von Moskau.

Den Arbeitsort erreichte er mit dem Auto. Aber sein Lohn deckte nicht einmal die Fahrtkosten. Und nicht nur die Bezahlung war schlecht, auch mit der Aufmerksamkeit seiner Schüler stand es nicht zum besten: "Der Unterricht interessierte sie nicht," sagt Zinin. "Meine Diktate bestanden aus vier Sätzen. Aber sie schafften es trotzdem, dabei 40 Fehler zu machen." Kein Wunder, denn man braucht keine Ausbildung in Dergajewo. Der einzige Arbeitgeber ist die örtliche Ziegelei.

Dörfer wie Dergajewo haben es jetzt schon schwer, Lehrer zu finden. Ab dem 1. Januar 2008 wird es noch schwieriger werden. An diesem Tag wird das Privileg aufgehoben, das Andrej Zinin überhaupt dazu bewog, den Job in der Einöde anzutreten – die Befreiung vom Militärdienst.

Aber es sind nicht nur die abgelegenen Dörfer, die unter Lehrermangel leiden. Auch in der Hauptstadt ist das Problem der Fachkräfte sehr aktuell. "Ich habe keine Ahnung, wie ich junge Leute für den Lehrerberuf begeistern soll - sie können nicht mehr als 360 Euro verdienen", sagt Elena Miljukowa, Direktorin der Moskauer "Schule Nummer 932". Das Durchschnittsalter ihrer Kollegen liegt bei 46 Jahren - und das gilt als niedrig.

Vage Hoffnung auf eine mietfreie Wohnung

Nach Angaben des russischen Unterrichtsministeriums sind heute mehr als 1300 Lehrerstellen nicht besetzt. Dabei gibt es in Russland etwa 100 pädagogische Hochschulen, die jährlich 60.000 junge Lehrer ausbilden.

Mit Gehaltsanreizen versucht das Unterrichtsministerium jetzt, junge Lehrer zu gewinnen. Künftige Lehrer schließen am Ende ihrer Ausbildung Verträge über drei Jahre ab – während dieser ersten Zeit erhalten sie einen Bonus von 40 bis 50 Prozent. Und nach dem ersten Jahr erhalten sie eine einmalige Prämie in Höhe von etwa 570 Euro. Die meisten Absolventen ergreifen den Beruf nur, um diese Zuschläge zu bekommen.

Nach den drei Jahren beginnt die Flucht der Junglehrer aus den Schulen. Chemie- und Biologielehrer suchen besser bezahlte Arbeit bei Pharmafirmen, auch andere finden Jobs in Unternehmen. Wer Lehrer bleibt, tut es oft nur, weil er auf staatliche Vergünstigungen wie eine mietfreie Wohnung hofft. Doch die sind sehr rar. "Nur die illusorische Möglichkeit, eine Wohnung im Gemeindebau zu bekommen, kann mich in diesem Job halten. Eigentlich brauche ich zum Leben ein Gehalt von mindestens 700 Euro", sagt Dmitrij Jefimenko, Student an der Staatlichen Pädagogischen Universität.

Gehalt mit Zuschlägen reicht gerade für die Miete

Doch so viel kann ein typischer russischer Lehrer kaum je verdienen. Das Tarifgehalt liegt zwischen 170 Euro für einen Junglehrer bis 280 Euro für einen erfahrenen Pädagogen. Das tatsächliche Gehalt ist oft etwas höher - dank der vielen Zulagen für verschiedenste Aufgaben. So bringt die Kontrolle der Schreibhefte zusätzlich bis zu 20 Prozent ihres Gehaltes, für die Betreuung des Klassenzimmers erhalten die Pädagogen noch einmal 10 Prozent obendrauf. Und Bio- oder Chemielehrer kriegen weitere 15 Prozent mehr - weil sie mit Schadstoffen arbeiten müssen.

Elena Miljukowa ist Direktorin einer Schule, die wie überall in Russland keinen Namen, sondern nur eine Nummer trägt - "Gymnasium Nummer 932". Sie schildert das komplizierte Bezahlungs-System am Beispiel einer 23-jährigen Lehrerin namens Tatjana: "Ihr Gehalt beträgt 240 Euro. Aber weil sie 24 statt 18 Stunden pro Woche arbeitet, erhält sie 80 Euro Zuschlag pro Monat. Wenn sie Reisen, Exkursionen oder Kinobesuche vorbereitet, bekommt sie noch einmal 50 Euro. Dann bekommt Tatjana auch die Prämie für junge Fachkräfte. Und doch verdient sie insgesamt weniger als 500 Euro."

Das entspricht etwa dem Mietpreis für eine Einzimmerwohnung in einem Vorort Moskaus. "Ich habe keine Ahnung, wie ich damit bei jungen Lehrern Interesse für die Arbeit erwecken kann", sagt Direktorin Miljukowa. An ihrer Schule liegt das Durchschnittsalter der Lehrer bei 46 Jahren - und das gilt in Russlands noch als junges Kollegium.

Nur eine kleine Elite von Lehrern verdient deutlich mehr. Zum Beispiel Alexander Abalow. Er ist 37 und unterrichtet Geschichte im Moskauer "Lyzeum Nummer 1535", einer Schule, die auf orientalische Sprachen spezialisiert ist. Er verdient etwa 1500 Euro - aber nur die Hälfte davon mit seinem Job. Den Rest macht er mit Privatunterricht für Studienbewerber. Weil er Absolvent der historischen Fakultät der Moskauer Staatlichen Universität ist und Doktor der Wissenschaften, kann er dafür 50 Euro pro Stunde verlangen - üblich sind 10.

"Die halten mich für einen Deppen"

Und dann sind da noch die Lehrer, die in russischen Botschaftsschulen in Ausland arbeiten. Und jene, die in den über 200 Moskauer Privatschulen arbeiten. Auch sie verdienen oft deutlich mehr als 1000 Euro. Aber sie sind eine verschwindend kleine Minderheit.

Es sind deswegen oft nicht die hellsten und begabtesten Köpfe, die als Lehrer arbeiten, sondern jene, die nichts Besseres gefunden haben. Das wissen auch die Schüler - ihnen gelten Lehrer als Pechvögel, die keinen anständigen Job abgekriegt haben. Entsprechend gering ist ihr Respekt.

Andrej Zinin, der junge Lehrer, der nach der Uni in den Landschuldienst ging und jetzt im angesehenen Moskauer "Gymnasium Nummer 1507" arbeitet, sagt: "Die Schüler fragen sich, warum ein junger Mensch mit guter Ausbildung eine solche Arbeit macht. Manchmal habe ich das Gefühl, die halten mich für einen Deppen." Einmal sagte ein Schüler am Ende des Unterrichts zu ihm: "Herr Lehrer, wissen Sie eigentlich, dass Sie sich mit dieser Arbeit nur schlechte Autos leisten können?"

Dass er während der unterrichtsfreien Zeit als Chefredakteur einer Unternehmenszeitschrift arbeitet und damit viel Geld verdient, erzählt Zinin seinen Schülern nicht. Er findet es ethisch nicht in Ordnung. Er sagt, er bleibe Lehrer, weil die Arbeit mit Kindern seine Berufung sei. Aber auch das erzählt er seinen Schülern nicht. Sie würden es nicht verstehen.

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