Von Barbara Hans und Markus Verbeet
Zweimal jährlich wählt die Kommission knapp 600 Praktikanten aus, darunter immer rund 30 bis 60 Deutsche; auf einen Platz kommen rund zehn Bewerber. Hermann arbeitet für die "Generaldirektion Informationsgesellschaft und Medien", was perfekt zu seinen Studien passt: Er hat Informatik in Oxford studiert und anschließend Internationale Politik in London. Nun arbeitet er daran mit, dass verschiedene Computersysteme und Anwendungen besser zusammenpassen.
Die Kommission, oftmals als regelungswütig geschmäht, zeigt für ihre Praktikanten ihr ganzes Organisationsvermögen. So gibt es Einführungstage und sogar ein Praktikanten-Komitee: Die fünf gewählten Vertreter verfügen über ein eigenes Büro und sollen das Leben der anderen Hospitanten so angenehm und abwechslungsreich wie möglich gestalten. "Ich hatte gedacht, dass das Praktikum weniger darauf ausgelegt ist, auch Spaß zu haben", sagt Karl Moritz Hermann.
Er lernt gerade Französisch von einer anderen Stagiaire; das Komitee hat Sprachkurse organisiert, in denen Praktikanten zugleich Schüler und Lehrer sind. Daneben gibt es ein umfangreiches Sport- und auch ein regelmäßiges Party-Programm, wobei beides angeblich recht fordernd sein kann. Erwartet wird, dass jeder sich einbringt, damit alle etwas davon haben. "Ich habe mich in den Rechnungshof wählen lassen", sagt Karl Moritz Hermann. Er muss nun die Praktikanten-Kasse überprüfen, die nicht zuletzt dank der Party-Einnahmen meist gut gefüllt ist.
Tauschhandel: Anwesenheit gegen Aperitif
Die Kommissions-Partys zählen für viele Praktikanten zu den festen Terminen in ihren Kalendern. Die sind ohnehin meist gut gefüllt. Jeden Abend finden in Brüssel zahlreiche Vorträge, Empfänge und Podiumsdiskussionen statt; nicht selten mit einem Imbiss, fast immer mit kostenlosen Getränken. Irgendwo ist immer etwas los, irgendwie kommt man fast immer rein. Diese Veranstaltungen zu finden ist auch für Neuankömmlinge kein großes Problem. Die entsprechenden Tipps machen in Mailing-Listen schnell die Runde.
"Viele Praktikanten verdienen eben nur wenig Geld und wollen umsonst essen und trinken", sagt Simone Stelten, die im Brüsseler Büro des Bundeslandes Bremen hospitiert hat. Doch ein schlechtes Geschäft müsse dies für die Organisatoren nicht unbedingt sein. Der Tauschhandel lautet: Anwesenheit gegen Aperitif. "Ich habe Veranstaltungen mitbekommen, da wäre fast keiner gewesen, wenn kein Praktikant gekommen wäre." Manche Organisatoren laden sogar gezielt Praktikanten nach, wenn sich nicht genügend andere Gäste finden.
Simone Stelten lernte in diesem Sommer dreieinhalb Monate lang die Praxis des Brüsseler EU-Betriebs kennen, den sie sonst als Studentin der "Integrierten Europastudien" in Bremen analysiert. Ihre Familie versorgte sie dafür vorsichtshalber mit einem Pfefferspray; manche Gegenden in Brüssel sind durchaus gefährlich, auch wenn Simone Stelten dann doch ohne konkrete Gefahr für Leib und Leben durchs Praktikum kam. In der Bremer Landesvertretung beschäftigte sich die 21-Jährige unter anderem mit der Regierungskonferenz, die über den EU-Reformvertrag verhandelte, und schrieb an einer EU-Strategie für den Bremer Senat mit.
Das Notizbuch immer griffbereit
Es sind solche Aufgaben, die Brüssel für viele Praktikanten attraktiv machen: Weil das Themenspektrum so groß ist und die Personaldecke oft dünn, können Praktikanten an spannende Tätigkeiten und nah ans politische Geschehen kommen. Die Verwaltung des EU-Parlaments und auch dessen Abgeordnete etwa bedienen sich gern der jungen Leute. Manchmal nur, um lästige Bürgeranfragen billig beantworten zu können; manchmal aber auch, um Unterstützung bei hochpolitischen Angelegenheiten zu haben.
"Ich habe etwa die Rede übersetzt, die der Parlamentspräsident gehalten hat, als die befreiten bulgarischen Krankenschwestern im Parlament waren", berichtet Linda Zaiane. Der deutsche Präsident Hans-Gert Pöttering sollte das Manuskript auf Deutsch bekommen, also übersetzte die 25-Jährige Juristin aus der englischen und französischen Vorlage.
Linda Zaiane arbeitet in der Parlamentsverwaltung, genau gesagt: für den Unterausschuss Menschenrechte des Ausschusses Auswärtige Angelegenheiten. Damit ist sie besser dran als manche Praktikanten, die direkt bei einem Abgeordneten angestellt sind und oftmals keinen eigenen Schreibtisch bekommen - und erst recht keine ordentliche Bezahlung.
Viele sehen ihr Praktikum deshalb zähneknirschend als Investment: jetzt schuften, später profitieren. Für Anja Kramer jedenfalls hat sich die Zeit in Brüssel schon gelohnt. Nach ihrem Nato-Praktikum arbeitet sie vorerst an den Projekten weiter.
Zur Sicherheit hat sie ihren Lebenslauf in ihrem Notizbuch immer griffbereit. Man kann in Brüssel schließlich nie wissen, wann sich der nächste Kontakt ergibt.
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