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13.01.2008
 

Wagnis Selbständigkeit

Komm mit ins Abenteuerland

Endlich Chef sein, eigene Ideen umsetzen, die Zeit selbst einteilen - für viele Angestellte ist das ein Traum. Aber wer den Schritt in die freiberufliche Arbeit nicht gründlich plant, kann ein Fiasko erleben. Die Pleite folgt schneller, als man denkt.

Leipzig/Nürnberg - Kathleen Weise ist zufrieden. Die Lektorin aus Leipzig kann sich ihre Arbeitszeit frei einteilen, muss keine Hierarchien beachten und entscheidet selbst, welche Aufträge sie annimmt. Nach drei Jahren als selbständige Lektorin sagt sie: "Für mich ist das freie Arbeiten das Beste, was ich mir vorstellen kann."

Kathleen Weise: Die Lektorin wollte ihre eigene Chefin sein.
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GMS

Kathleen Weise: Die Lektorin wollte ihre eigene Chefin sein.

Immer mehr Menschen in Deutschland haben offenbar diesen Gedanken: Rund 954.000 verdienen nach Angaben des Instituts für Freie Berufe (IFB) in Nürnberg inzwischen ihren Lebensunterhalt wie Lektorin Weise. Die Zahl der Selbständigen in den Freien Berufen hat sich seit 1992 fast verdoppelt und ist seit 2006 um weitere 5,3 Prozent gestiegen.

Für die heute 29-Jährige war es eine pragmatische Entscheidung: Feste Lektoratsstellen seien wegen der geringen Verlagsdichte in und um Leipzig dünn gesät. Nach ihrem Studium am dortigen Literaturinstitut habe sie aber gern in der Stadt bleiben wollen, erzählt sie.

"Drohende Arbeitslosigkeit ist nach wie vor ein Grund, warum sich viele auf das Wagnis Selbständigkeit einlassen, auch sofort nach Abschluss des Studiums", sagt Irene Hohlheimer vom IFB. Aber sie ist nicht unbedingt die beste Voraussetzung, ergänzt Michael Wehran vom Bundesverband der Selbständigen (BDS) in Berlin. 10 Prozent aller Gründungen, so schätzt er, würden aus dieser Not heraus geboren.

Unternehmerqualitäten prüfen

"Im besten Fall erfolgt der Schritt in die Selbständigkeit, wenn man schon Berufserfahrung gesammelt, ein finanzielles Polster und vor allem auch ein Netzwerk aufgebaut hat", stimmt Hohlheimer zu. Sie rät dazu, sich zunächst umfassend zu informieren und auch betriebswirtschaftliches Know-how zu erwerben. Kathleen Weise beispielsweise hat dafür vor der Gründung ihres Lektoratsbüros ein dreimonatiges, vom Europäischen Sozialfonds finanziertes Gründerseminar besucht.

Auch die Konkurrenzsituation sollte analysiert werden. "Masseure etwa haben derzeit extrem hohe Chancen, im Wettbewerb zu bestehen, weil das Gesundheitsbewusstsein boomt", sagt Markus Kuhlmann, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Freien Berufe (BFB) in Berlin. Ein frisch gebackener Rechtsanwalt hätte seiner Einschätzung nach dagegen Schwierigkeiten angesichts einer Juristenschwemme - gerade in Städten wie Berlin, in denen Großkanzleien den Markt beherrschten.

Zu klären sei, ob es sich um eine freiberufliche oder gewerbliche Selbständigkeit handelt, sagt der BFB-Geschäftsführer. Zum einen seien Behördengänge erforderlich, zum anderen gebe es auch steuerrechtliche Auswirkungen: Freiberufler müssten keine Gewerbesteuer zahlen, statt einer richtigen Buchhaltung nur eine Einnahmenüberschussrechnung abgeben und seien nicht Pflichtmitglied in einer Kammer.

Anschließend sollte ein Businessplan erarbeitet werden, sagt Irene Hohlheimer vom IFB. "Das dient dazu, sich mit allen Facetten der Idee auseinanderzusetzen und das eigene Ziel klar zu formulieren." Dabei erkenne man dann auch Lücken bei den eigenen Kompetenzen und habe noch die Möglichkeit, daran zu arbeiten. Wenn sich an diesem Punkt herausstellt, dass die Gründungsidee doch nicht trägt, sei noch kein größerer Schaden entstanden.

Mahnungen schreiben, Geld eintreiben

Wer sich selbständig machen will, ist gut beraten, das eigene Naturell zu überprüfen. Erste Anhaltspunkte geben Online-Tests, zum Beispiel auf der Gründerseite des Bundeswirtschaftsministeriums. So lässt sich Hohlheimer zufolge herausfinden, ob man über Unternehmerqualitäten verfügt oder diese entwickeln kann. Der Gedanke daran mag viele Gründungswillige nicht schrecken.

Etwas anderes dagegen schon, da sind sich die Experten und Praktiker einig: "Wer nicht mit finanziellen Unsicherheiten leben kann, sollte sich den Schritt wirklich gut überlegen", sagt Kathleen Weise. Sie müsse Rechnungen oft hinterher telefonieren, Mahnungen schreiben, ihr Geld regelrecht eintreiben.

Michael Wehran macht auf einen weiteren Punkt aufmerksam: "Ein vermeintlich hohes Honorar darf nicht dazu verführen, von einem hohen Einkommen auszugehen." Davon abzuziehen seien alle Abgaben wie Kammerbeiträge und Kosten etwa für Büromaterialien oder Versicherungen. Bei Lektorin Kathleen Weise bleibt unterm Strich oft kaum etwas übrig. Eine private Altersvorsorge oder eine Berufsunfähigkeitsversicherung seien bei ihr auch nach drei Jahren "einfach noch nicht drin".

Eine Erfahrung, die dem Bundesverband der Selbständigen zufolge viele machen. Neben bürokratischen Hürden sei die soziale Absicherung die größte Sorge der Freien. Denn einige Risiken lassen sich kaum abfangen: Zwar können Selbstständige, die zuvor Arbeitnehmer waren, inzwischen eine Arbeitslosenversicherung freiwillig beantragen. Die Krankenversicherung muss dagegen jeder selbst tragen. Verhindert eine Erkrankung das Arbeiten, macht sich das sofort als Verdienstausfall bemerkbar. Lektorin Weise kennt das alles. "Aber ich möchte nicht mehr in eine Festanstellung", sagt sie. Die Freiheit, ihre eigene Chefin zu sein, ist ihr wichtiger.

Nina C. Zimmermann, gms

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