Von Jochen Leffers
Gemächlich geht es bisweilen in der Politik zu. Um die "Generation Praktikum" gab es in Deutschland einmal mächtiges Getöse: Studenten und Absolventen, die sich mit der vagen Aussicht auf eine feste Stelle von Praktikum zu Praktikum hangeln, beschwerten sich über unfaire Firmen. Lange Praktika mit geringer oder gleich ganz ohne Bezahlung, ewiges Hinhalten, ein Leben in der Drehtür - das hat ja keine Perspektive.
Also schrieben sich grimmige Praktikanten ihren Frust von der Seele, das Feuilleton stimmte mit Debatten über das "Prekariat" ein, als Buch zur Bewegung erschien "Die Lebenspraktikanten". Vereine, Ratgeberseiten und das Firmen-Gütesiegel Fair Work entstanden. Und als Weckruf an die Politik sollten zwei Petitionen an den Bundestag dienen, die beachtliche 100.000 Unterstützer fanden.
Gut zwei Jahre ist das her. Seitdem ist es um die so vielbesungene "Generation Praktikum" stiller geworden, zumal Arbeitsmarkt-Experten ihre Existenz bezweifelten - weil Kettenpraktika ein Phänomen vor allem bei Geisteswissenschaftlern, aber viel weniger bei jungen Akademikern anderer Disziplinen sind.
"...und das alles auch noch für lau"
Mit viel Verspätung haben die Sozialdemokraten jetzt-aber-wirklich angekündigt, ihre schon lange geplante Gesetzesinitiative für faire Praktika endlich umzusetzen: Im März solle ein Entwurf im Bundestag eingebracht werden, sagte die stellvertretende SPD-Vorsitzende Andrea Nahles heute. Sie ist auch arbeits- und sozialpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion und sagte der "Thüringer Allgemeinen", für die Vergabe von Praktika in Unternehmen solle es "feste Regeln" geben. Es könne nicht sein, dass Praktika, die einen Arbeitsplatz ersetzten, ohne Gehalt angeboten würden. "Das muss geändert werden", so Nahles. Nach Schätzung der Gewerkschaften gibt es rund 400.000 Praktikanten in Deutschland.
Was genau im Gesetzentwurf stehen soll, verriet Nahles heute noch nicht. Die Richtung hatte sie bereits Anfang Januar im "Kölner Stadtanzeiger" angedeutet. Es gehe um drei Dinge: dass junge Menschen nach der Ausbildung mit Jobversprechen gelockt würden, die dann nie eingelöst würden. Dass hinter immer mehr Praktika in Wahrheit Arbeitsverhältnisse steckten. Und dass man dabei nicht mal bezahlt werde. O-Ton Nahles: "Das ist doch die Höhe: Junge Menschen werden monatelang wie Arbeitskräfte eingesetzt - und dann auch noch alles für lau. Das ist, meine ich, Ausbeutung."
Annette Kramme, ebenfalls Bundestagsabgeordnete der SPD, hatte die Pläne konkretisiert: "Sinnvoll wäre eine Regelung, nach der ein Arbeitsverhältnis vorliegt, sobald ein Praktikum eine Dauer von zwei Monaten überschreitet - es sei denn, der Arbeitgeber kann nachweisen, dass es sich immer noch um ein Praktikum handelt." Zudem möchte Kramme einen schriftlichen Vertrag für Praktikanten zur Pflicht machen. Neben der zeitlichen Befristung - ob auf zwei, drei oder vier Monate - ist auch ein Mindestlohn für Praktikanten im Gespräch.
Aber bitte jetzt keine "Generation Theorie"
Bereits im Herbst 2006 hatte Sozialdemokrat Franz Müntefering, damals noch Arbeitsminister, Unternehmen mit schärferen Gesetzen gedroht. In der Wirtschaft stieß er damit auf erheblichen Widerstand, Firmen warnten davor, dass überzogene Regelungen junge Menschen um ihre Startchancen im Beruf bringen könnten. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sprach von einem "Horrorszenario" und von "Panikmache". Aus der "Generation Praktikum" dürfe keine "Generation Theorie" werden, sagte die CSU-Abgeordnete Dorothee Bär - "damit helfen wir keinem einzigen Hochschulabsolventen".
Nur wenige Monate, nachdem Müntefering sich geräuspert hatte, wollte das Arbeitsministerium von einer Gesetzesinitiative schon nichts mehr wissen, für die sich auch Grüne und Linkspartei stark gemacht hatten. Nun haben sich linke Sozialdemokraten offenbar doch durchgesetzt. Eine verbindliche Regelung durch den Bundestag zu bringen, wird allerdings nicht einfach.
Dass es jetzt überhaupt zum Gesetzentwurf kommen soll, ist ein später Erfolg der Initiativen, die sich für faire Praktika stark gemacht hatten - und schon befürchteten, dass ihre Rebellion völlig versandet. Besonders aktiv waren die Praktikantin Desiree Grebel mit der ersten Protest-Petition, Gewerkschafter mit der zweiten sowie der Verein "Fair Work".
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