Sonntag, 22. November 2009

UniSPIEGEL



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18.02.2008
 

Job als Statussymbol

Gefangen in der Coolness-Falle

Von Tim Farin und Christian Parth

Hip hip hurra! Viele junge Akademiker lassen sich vom Glanz cooler Unternehmen blenden. Die Selbstausbeutung lauert direkt hinter der schicken Fassade. Jobs mit Glamour, Arbeit als Lifestyle - haben spießige Arbeitgeber am Ende etwa doch mehr zu bieten?

Die Zusage für den Job als Junior-Beraterin in der schicken Hamburger PR-Agentur war für Anita Wachmann (Name geändert) wie ein Sechser im Lotto. Schon während ihres Soziologiestudiums hatte sie in einer Agentur gejobbt, das Ambiente war schick, man prahlte mit Kreativauszeichnungen und predigte Dynamik. Mit Elan stürzte sich Wachmann in die Arbeit, von der mehr als genug da war.

Schön locker bleiben: Auch in coolen Firmen können sich Abgründe auftun
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Mareen Fischinger

Schön locker bleiben: Auch in coolen Firmen können sich Abgründe auftun

Schnell wurde sie Teil einer Welt von coolen Kreativen, deren ganzes Leben sich in den trendigen Büros abspielte. "Es ist dort eine Art Mode, bis in die Nacht zu bleiben, da bleibt keine Zeit mehr für Freunde", sagt sie. Auch die Wochenenden verbrachte sie oft im Büro, geriet immer tiefer in die Spirale aus Überstunden und Erfolgsdruck: "Man hat das Gefühl, dass mit dem nächsten Projekt alles steht und fällt, also opfert man sich auf."

Wachmann ist in die Coolness-Falle getappt. Die Berufseinsteigerin steht für viele, die sich anfangs vom Glanz hipper Unternehmen blenden lassen - und hinterher oft enttäuscht sind. Wenn sie merken, dass sie sich selbst ausbeuten.

Blackberry ausgeschaltet? Schuldig!

Gerade in kreativen Branchen spielen Kultur und Image des Arbeitgebers für die Selbstverwirklichung eine große Rolle. Personalchefs und Karriereberater an Hochschulen berichten einstimmig, wie gierig Absolventen auf hippe Unternehmen sind. Die Posten gelten nicht mehr als Arbeitsplätze, sondern als Statussymbole - wie einst die Rolex oder der Mercedes-Stern. "Das Coole einer lockeren Firma taugt fürs Marketing, zieht Bewerber an und nimmt sie dann in die Pflicht", sagt Christian Scholz, Personalexperte von der Uni Saarbrücken.

GEFUNDEN IN...

Handelsblatt Junge Karriere
Nr. 2 / 2008
Die Entwicklung kann belebend sein, birgt aber ein enormes Enttäuschungspotenzial. Deshalb raten die Experten jungen Bewerbern, sich nicht blenden zu lassen. Das Attribut "cool" sei nicht alles, sondern könne schaden. Der Münchener Autor Jakob Schrenk ("Die Kunst der Selbstausbeutung") warnt: "Der Wunsch, einen trendigen Arbeitgeber zu haben, der das eigene Sozialprestige aufwertet, ist nichts anderes als emotionaler Kapitalismus." Für einen schicken Arbeitgeber seien die Leute allzu schnell bereit, sich völlig aufzuopfern, und fühlten sich schuldig, wenn sie mal an einem Sonntag den Blackberry ausgeschaltet haben.

Bei den Recherchen zu seinem Buch hat Schrenk festgestellt, dass mit der New-Economy-Blase Ende der neunziger Jahre ein neues Arbeitsmuster entstanden ist. Gerade bei den hippen Unternehmen sei der Arbeitnehmer immer mehr zum Künstler mutiert, der seinen genialen Kopf rund um die Uhr in den Dienst des Unternehmens stellt.

Übernachtung unter dem Schreibtisch

Im Gegenzug bekomme er dafür ein entsprechend kreatives Umfeld, das - wie im Falle von Google - manchmal schon an Disneyland erinnert. Schrenk hat auf seinen Recherche-Reisen quer durch die Republik zum Beispiel einen Programmierer von Trickeffekten in Spielfilmen kennengelernt, der schon so manche Nacht im Büro unter dem Schreibtisch geschlafen hat.

Von "Selbstvermarktung", weniger von Selbstausbeutung spricht Peter Wippermann, der Gründer des Hamburger Trendbüros: Wer von Projekt zu Projekt springe und dabei imposante Firmennamen im Lebenslauf sammle, investiere gewissermaßen in seine Zukunft. Arbeitskräfte würden nicht mehr für die Anwesenheit bezahlt, sondern für das Denken, sagt Wippermann: "Der Mensch bringt sich ganz ein ins Unternehmen." Also verwundere es nicht, dass die Firmen eine Atmosphäre schaffen wollten, die kreativ und kommunikativ wirke.

HIP VERSUS SPIESSIG

Quirin Leppert
Attraktive Firmen umwabert eine besondere Aura, Normal- Arbeitgeber wirken altbacken. Wo arbeitet man besser? Der kreative Werber und die Projektmanagerin - zwei Angestellte erzählen über sehr verschiedene Jobs. Mehr...
Wippermann sieht im Kickertisch und in den kostenlosen Massagen in der Mittagspause die Chance, ambitionierte Mitarbeiter zu binden - nicht die Gefahr, Ausbeutung zu verschleiern. Wo es Wellness, Unterhaltung und Ablenkung gibt, bleiben die Leute bei Laune - so seine Gleichung. Feste Posten, vorgezeichnete Karrieren, strenge Arbeitszeiten - das werde irgendwann passé sein.

Vom coolen Ruf der eigenen Produkte profitieren viele Unternehmen. Eines von ihnen ist der Spielesoftware-Hersteller Electronic Arts (EA). 1500 Initiativbewerbungen bekommt die Deutschland-Zentrale in Köln im Jahr allein über ihre Website. "Bei uns sind sogar Buchhalter fasziniert von den Produkten", sagt Human-Resources-Managerin Katrin Riech-Neumann. "Alle sind näher dran an der Seele des Unternehmens als in anderen Firmen", glaubt sie.

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