Von Tim Farin und Christian Parth
Die Zusage für den Job als Junior-Beraterin in der schicken Hamburger PR-Agentur war für Anita Wachmann (Name geändert) wie ein Sechser im Lotto. Schon während ihres Soziologiestudiums hatte sie in einer Agentur gejobbt, das Ambiente war schick, man prahlte mit Kreativauszeichnungen und predigte Dynamik. Mit Elan stürzte sich Wachmann in die Arbeit, von der mehr als genug da war.
Schnell wurde sie Teil einer Welt von coolen Kreativen, deren ganzes Leben sich in den trendigen Büros abspielte. "Es ist dort eine Art Mode, bis in die Nacht zu bleiben, da bleibt keine Zeit mehr für Freunde", sagt sie. Auch die Wochenenden verbrachte sie oft im Büro, geriet immer tiefer in die Spirale aus Überstunden und Erfolgsdruck: "Man hat das Gefühl, dass mit dem nächsten Projekt alles steht und fällt, also opfert man sich auf."
Wachmann ist in die Coolness-Falle getappt. Die Berufseinsteigerin steht für viele, die sich anfangs vom Glanz hipper Unternehmen blenden lassen - und hinterher oft enttäuscht sind. Wenn sie merken, dass sie sich selbst ausbeuten.
Blackberry ausgeschaltet? Schuldig!
Gerade in kreativen Branchen spielen Kultur und Image des Arbeitgebers für die Selbstverwirklichung eine große Rolle. Personalchefs und Karriereberater an Hochschulen berichten einstimmig, wie gierig Absolventen auf hippe Unternehmen sind. Die Posten gelten nicht mehr als Arbeitsplätze, sondern als Statussymbole - wie einst die Rolex oder der Mercedes-Stern. "Das Coole einer lockeren Firma taugt fürs Marketing, zieht Bewerber an und nimmt sie dann in die Pflicht", sagt Christian Scholz, Personalexperte von der Uni Saarbrücken.
Die Entwicklung kann belebend sein, birgt aber ein enormes Enttäuschungspotenzial. Deshalb raten die Experten jungen Bewerbern, sich nicht blenden zu lassen. Das Attribut "cool" sei nicht alles, sondern könne schaden. Der Münchener Autor Jakob Schrenk ("Die Kunst der Selbstausbeutung") warnt: "Der Wunsch, einen trendigen Arbeitgeber zu haben, der das eigene Sozialprestige aufwertet, ist nichts anderes als emotionaler Kapitalismus." Für einen schicken Arbeitgeber seien die Leute allzu schnell bereit, sich völlig aufzuopfern, und fühlten sich schuldig, wenn sie mal an einem Sonntag den Blackberry ausgeschaltet haben.
Bei den Recherchen zu seinem Buch hat Schrenk festgestellt, dass mit der New-Economy-Blase Ende der neunziger Jahre ein neues Arbeitsmuster entstanden ist. Gerade bei den hippen Unternehmen sei der Arbeitnehmer immer mehr zum Künstler mutiert, der seinen genialen Kopf rund um die Uhr in den Dienst des Unternehmens stellt.
Übernachtung unter dem Schreibtisch
Im Gegenzug bekomme er dafür ein entsprechend kreatives Umfeld, das - wie im Falle von Google - manchmal schon an Disneyland erinnert. Schrenk hat auf seinen Recherche-Reisen quer durch die Republik zum Beispiel einen Programmierer von Trickeffekten in Spielfilmen kennengelernt, der schon so manche Nacht im Büro unter dem Schreibtisch geschlafen hat.
Von "Selbstvermarktung", weniger von Selbstausbeutung spricht Peter Wippermann, der Gründer des Hamburger Trendbüros: Wer von Projekt zu Projekt springe und dabei imposante Firmennamen im Lebenslauf sammle, investiere gewissermaßen in seine Zukunft. Arbeitskräfte würden nicht mehr für die Anwesenheit bezahlt, sondern für das Denken, sagt Wippermann: "Der Mensch bringt sich ganz ein ins Unternehmen." Also verwundere es nicht, dass die Firmen eine Atmosphäre schaffen wollten, die kreativ und kommunikativ wirke.
Wippermann sieht im Kickertisch und in den kostenlosen Massagen in der Mittagspause die Chance, ambitionierte Mitarbeiter zu binden - nicht die Gefahr, Ausbeutung zu verschleiern. Wo es Wellness, Unterhaltung und Ablenkung gibt, bleiben die Leute bei Laune - so seine Gleichung. Feste Posten, vorgezeichnete Karrieren, strenge Arbeitszeiten - das werde irgendwann passé sein.
Vom coolen Ruf der eigenen Produkte profitieren viele Unternehmen. Eines von ihnen ist der Spielesoftware-Hersteller Electronic Arts (EA). 1500 Initiativbewerbungen bekommt die Deutschland-Zentrale in Köln im Jahr allein über ihre Website. "Bei uns sind sogar Buchhalter fasziniert von den Produkten", sagt Human-Resources-Managerin Katrin Riech-Neumann. "Alle sind näher dran an der Seele des Unternehmens als in anderen Firmen", glaubt sie.
Auf anderen Social Networks posten:
Hier werden ja wohl ein wenig Äpfel mit Birnen verglichen. Die Situation, die Du schilderst entspricht nicht der aus dem Artikel. Dort geht es nicht um 50 h homeoffice. Es geht vielmehr um Leute, die in Agenturen oder beim [...] mehr...
Alles eine Frage von Leistung und Vergütung. Auch ich arbeite in einem Umfeld, in dem die 50 Stunden Woche eher als normal betrachtet wird, ich verdiene aber auch entsprechend gut. Nervend sind allerdings Arbeitgeber, die einen [...] mehr...
Auch ich hatte das Vergnuegen einige Jahre in einem 'coolen' und 'hippen' Unternehmen zu arbeiten. Zum Glueck war ich schon alt genug (zu alt?) nicht die gleichen Fehler, wie andere Mitarbeiter zu machen (24/7-Mode nannten wir [...] mehr...
Gähn. Genau wie in diesem Artikel beschrieben stelle ich mir vor, wie ein nicht zu Kündigender mit sattem Gehalt über Selbstausbeuter der New/Web-2.0 Economy urteilt. Doppelgähn. Kieferklemm. Ich selbst (übrigens nicht mehr [...] mehr...
Irgendwie hätte mich der Artikel mehr vom Hocker gerissen, wenn ich ihn nicht schon vor über zwei Wochen im Tagesspiegel (http://www.tagesspiegel.de/magazin/karriere/Berufseinsteiger;art292,2468437) gelesen hätte... mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Job & Beruf | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH