Von Tim Farin und Christian Parth
So cool wie der Ruf der Spiele ist auch die Vorstellung von einem Job im Kölner Zollhafen, einem Neubauprojekt im alten Hafengelände direkt am Rhein. Das Arbeiten in der EA-Zentrale muss Spaß machen. Im Foyer steht ein Kicker, darüber flackern Szenen aus den neuesten Spielen über einen Flachbildschirm, in den Großraumbüros duzt man sich. Jeder Mitarbeiter bekommt nach der Probezeit einen Zuschuss zum Kauf einer Konsole und auch fünf Spiele pro Quartal gratis. Es gibt Bionade und eine Sportsbar, Sabbaticals, umsatzabhängige Bonuszahlungen, flache Hierarchien und hohe Verantwortung in internationalen Projekten.
Personalerin Riech-Neumann betont die lockere Atmosphäre in ihrem Unternehmen: "Es geht heute auch um die Freude an der Arbeit, sonst bringen die Menschen nicht ihre kreativen Potenziale ein." Dass die Einstiegsgehälter mit 31.000 Euro deutlich niedriger liegen als anderswo, nehmen die Mitarbeiter anscheinend in Kauf.
Arbeit als Lifestyle: Auch Eike Rojahn, Creative Director bei der Düsseldorfer Agentur BMZ+more, nickt bei dieser Beschreibung. Er sagt: "Für mich ist Werbung und besonders die digitale, interaktive Kommunikation nicht nur ein Job, sondern eine Faszination." Dass es so etwas wie Arbeitszeitregelungen gibt, gerät nicht nur ihm dabei schnell aus dem Bewusstsein. Auch Rojahn hat in der Agentur viele Kollegen überlebt, die dem Druck nach einiger Zeit nicht mehr gewachsen waren.
Menschen, die es in coole Jobs zieht, geht es dabei nicht so sehr ums Geld. Sondern darum, dass sie etwas erschaffen, das glänzt, prägt, wahrgenommen wird. Denn: Wer sich mit Haut und Haaren in den Dienst des Arbeitgebers stellt, der will sich mit dessen Produkten identifizieren, seien es Werbekampagnen, Pflegeserien, Designermöbel oder PS-starke Sportwagen. Trendforscher Wippermann spricht von einer "Aura", die solche attraktiven Unternehmen umgibt.
Man ist per Du und redet nicht über Frust
Doch bei allem Zauber raten Experten, dass Bewerber lieber geduldiges Bewusstsein als spontane Begeisterung walten lassen sollten. Der Saarbrücker Professor Scholz empfiehlt allen Kandidaten, sich über die eigene Rolle im Unternehmen Gedanken zu machen und die "Entscheidung nicht nur von den tollen Produkten einer Firma abhängig" zu machen. Das scheint umso nötiger, weil immer mehr Absolventen unreflektiert zu hippen Konzernen wollen.
Isabell Krone, Director Human Resources bei Tele Atlas, einem Anbieter von digitalen Karten, beschreibt die Mentalität vieler Bewerber: "Sie machen auf 'cherry picker' und drängen in Unternehmen, die auf den ersten Blick hip und sexy sind." Dabei vergäßen die Nachwuchskräfte oft, dass auch in angesagten Häusern die Arbeit mitunter trocken sein könne. Es klaffe dann eine gewaltige Lücke der Enttäuschung zwischen dem erhofften Lifestyle und dem tatsächlichen Alltagsleben. Noch dazu, wenn Unternehmen zwar ihr Image polieren, um junge Kräfte zu locken, aber allzu wenig tun, um sie auch langfristig zu halten.
Wie etwa der engagierte Flash-Designer, der in einer Hamburger Großagentur immer mehr Projektverantwortung bekam. Am Anfang war er glücklich über seinen Job, sechs Jahre später frustriert: Die Gehaltsverhandlungen mit dem Chef brachten kaum etwas, man war per Du, ging gemeinsam auf Partys. Da kam es nicht gut, auf Konfrontation zu gehen. Nach einer Phase innerer Kämpfe machte sich der leidgeplagte Mitarbeiter erst selbstständig und wanderte dann aus.
Personalerin Krone erwartet eine Art "zweiten Crash" wie einst in der New Economy und rät Bewerbern, auch einen Blick auf die vordergründig steifen Arbeitgeber zu werfen: "Man sollte nicht vergessen, dass es gerade die großen und hippen Player sind, die Massenentlassungen durchführen - wenn es wieder mal bergab geht, weniger die kleinen Mittelständler."
Warum also nicht lieber etwas steifer? Auch vordergründig langweilige Unternehmen können richtig spannend sein - und bieten oft bessere Aussichten auf "Work-Life-Balance". Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns etwa kommt sicher nicht in den Verdacht, Deutschlands coolstes Unternehmen zu sein. "Natürlich haben wir noch immer unter dem alten Ruf zu leiden, ein verstaubtes Unternehmen zu sein", gibt Personalchefin Hede Gesine Fink zu.
Am Wochenende hat das Handy Pause
Und doch lockt das Haus auch besonders anspruchsvollen Nachwuchs wie Stephanie Jahn an. Der mag anfangs skeptisch sein und kann auch im Freundeskreis nicht mit glamourösen Produkten seines Arbeitgebers prahlen. Dafür aber sind die Bedingungen attraktiv, man kann Karriere machen, Verantwortung übernehmen und sich langfristig entwickeln.
Bei der KV Bayern hat sich einiges getan, es gibt unbürokratische Arbeitszeiten und Sitzgruppen mit WLAN-Verbindung, Lauftrainings und Winterwanderungen. Im Vergleich zu vielen hippen Häusern bieten diese Unternehmen zudem handfeste Anreize: Die Bezahlung ist tariftreu - und dazu gibt es freie Wochenenden, an denen kein Blackberry klingelt.
Aber sich zurücklehnen, die Sicherheit des Jobs genießen - das wird man in Zukunft auch bei öffentlich-rechtlichen Arbeitgebern nicht mehr können. "Ab und an kommen noch immer Bewerber, die nur auf eine lebenslange Arbeitsplatzgarantie hoffen", sagt Personalchefin Fink. Da gebe es nur Absagen. Gerade weil auch weniger exponierte Firmen immer neue Ideen brauchen, sind dort selbstbewusste Mitarbeiter gefragt, die eigenständig und zielgerichtet arbeiten. Auch das kann ziemlich cool sein.
Anita Wachmann übrigens hatte bald keine Lust und keine Kraft mehr, das Spiel bei ihrer Agentur mitzumachen: Vor einem halben Jahr wechselte sie in eine andere PR-Agentur nach München. Diesmal, sagt sie, habe sie statt auf Coolness eher auf die Bedingungen geachtet. "Wenn jemand regelmäßig zu lange arbeitet, sucht die Geschäftsleitung aktiv nach dem Grund und einer Lösung", berichtet sie von ihrem neuen Arbeitgeber. Der Job bietet ihr viel Zeit fürs Privatleben, für soziale Kontakte abseits der kreativen Arbeit.
In der hippen Agenturwelt mag man zwar über derlei altbackene Ansichten schmunzeln - doch Wachmann fühlt, dass sie sich nur auf diese Weise nicht verheizt.
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