Frage: Herr Eichler, rund 50 Prozent der Wissenschaftler an der ETH Zürich sind Ausländer. Warum ist das so?
Eichler: Wir hatten schon vor über 100 Jahren viele ausländische Professoren. Das liegt einfach an unserem kleinen Land. Wir sind nicht dümmer oder gescheiter als andere. Aber die Chance, unter sieben Millionen Schweizern sehr gute Wissenschaftler zu finden, ist geringer als unter 80 Millionen Deutschen. Es gibt diesen Witz unter unseren Politikern: Ihr solltet euch freuen, dass, wenn wir die Besten der Welt nehmen, die Hälfte davon Schweizer sind.
Frage: 30 Prozent an der ETH sind deutsche Wissenschaftler.
Eichler: Das liegt an der Sprache und am gleichen Kulturkreis. Und, ja, auch daran: Deutsche Forscher sind einfach gut.
Frage: Ziehen Sie selbst nicht genug wissenschaftlichen Nachwuchs heran?
Eichler: Doch, aber er reicht eben nicht für alle zu besetzenden Stellen. Außerdem wollen wir eine globale Hochschule sein und rekrutieren deshalb auch weltweit.
Frage: Wie sorgen Sie für eine ausgewogene Stimmung zwischen den unterschiedlichen Kulturen an Ihrer Hochschule?
Eichler: Die Wissenschaftler sind gewöhnt, dass es international zugeht. Alle sprechen Englisch. Da gibt es keine Probleme. Auch nicht zwischen Professoren und Studierenden. Demnächst werden wir zum Beispiel vom Master-Studium an nur noch auf Englisch unterrichten, damit wir auch die besten asiatischen Studierenden bekommen.
Frage: Aber die Wissenschaftler haben ja auch mit der Verwaltung zu tun, in der vor allem Schweizer arbeiten.
Eichler: Auch diese Mitarbeiter müssen Englisch beherrschen.
Eichler: Die meisten deutschen Forscher sagen, dass sie vor allem die geringe Bürokratie schätzen. Geld hat bei uns zum Beispiel keine Farbe. Es gibt nur Personalkosten und den Rest. Mit dem Rest kann man alles andere machen: sich ein Gerät kaufen oder eine Konferenz besuchen.
Frage: Man verdient als Professor bei Ihnen auch das Doppelte wie in Deutschland.
Eichler: Das ist so generell nicht richtig, denn die Max-Planck-Gesellschaft zahlt durchaus kompetitive Löhne. Und Geld ist auch nicht der entscheidende Grund, warum viele Deutsche zu uns kommen, sondern dass sie bei uns ein interdisziplinäres Umfeld mit erstklassigen Kollegen finden. Zudem ist die Atmosphäre entspannt.
Frage: Was meinen Sie damit?
Eichler: Es gibt zum Beispiel weniger ausgeprägte Königreiche, die manche Professoren in Deutschland um ihre Forschungsapparaturen errichten. Bei uns teilen sich Wissenschaftler verschiedener Disziplinen ein solches Gerät oder beantragen es gleich gemeinsam.
Frage: Aber selbst wenn das Umfeld passte, würden Sie denn für 70.000 Euro im Jahr an einer deutschen Universität arbeiten?
Eichler: (lacht) Ich würde dahin gehen, wo beides stimmt: das kollegiale Umfeld und das Geld.
Frage: Wie finden Sie denn die Wissenschaftler, die Sie suchen?
Eichler: Nur etwa die Hälfte derjenigen, die wir anstellen, haben sich auf ein Inserat beworben. Ich bekomme Vorschläge von unseren Forschern, die wissen, wo die Besten ihres Faches sitzen, zum Beispiel auch in Deutschland. Dann ermuntern wir diese Leute, sich bei uns zu bewerben.
Frage: Stellen Sie bei der Rekrutierung auch Forschungsprofessuren in Aussicht?
Eichler: Nein, die Lehre ist ein ganz wichtiges Standbein. Wer nicht gut unterrichtet, wird vor die Rektorin zitiert und in Didaktik-Weiterbildungs-kurse geschickt. Gerade die älteren Professoren müssen beweisen, dass sie gut lehren. Die jungen Assistenzprofessoren sollen mehr forschen, damit sie zeigen, warum wir sie unbefristet anstellen sollen. Das ist Tenure track.
Frage: An deutschen Unis gibt es das kaum.
Eichler: Aber man braucht dieses Instrument, weil einem sonst - vor allem in den Ingenieurwissenschaften - die jungen Forscher in Richtung Industrie davonlaufen.
Frage: Von Ihren Möglichkeiten träumen deutsche Hochschul-Chefs. Braucht Deutschland eine Bundesuniversität?
Eichler: Nicht unbedingt. Man kann auch einer Landesuniversität viel Freiraum geben. Wichtig ist, dass die außeruniversitären Institute in Deutschland viel stärker mit den Universitäten verbunden sind. In Karlsruhe und Aachen geschieht das gerade. Diese Struktur hat die ETH seit langem, und das ist ein wichtiger Grund, warum die Forschung so gut ist und deshalb auch viele Deutsche zu uns kommen.
Das Interview führte "duz"-Redakteur Hans-Christoph Stephan
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