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19.03.2008
 

Uni-Prekariat

Beruhigungspille für die Generation Praktikum

Von Nadine Michel

Mit zarten Gesetzeskorrekturen will Arbeitsminister Olaf Scholz die Ausbeutung von Praktikanten verhindern, bleibt aber vage. Kritiker sprechen von einer Farce. Arbeitgeber dagegen beschreiben Praktika als mildtätigen Akt - für sie ist jede Regulierung Teufelszeug.

29 Jahre alt, frischgebackene Akademikerin - und bereit, für ihren Wunschberuf ein Praktikum zu absolvieren, auch wenn es unbezahlt ist und sechs Monate dauert. Oder zumindest das Gefühl, bereit sein zu müssen. Eine Aussicht auf Festanstellung hatte die Praktikumsbewerberin beim Deutschen Historischen Museum in Berlin nicht, auch keinen Anspruch auf Urlaub.

Demo in Berlin: Praktika ohne Bezahlung, ohne Urlaub, ohne Aussichten
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DDP

Demo in Berlin: Praktika ohne Bezahlung, ohne Urlaub, ohne Aussichten

Ist das fair? "Die Absolventin ist auf uns zu gekommen, um das Praktikum zu machen, und hat auch von allen Rahmenbedingungen gewusst", verteidigt Pressereferent Rudolf Trabold das Museum. Diese Rechtfertigung wollte der Verein Fairwork jedoch nicht gelten lassen und verlieh dem Museum im Februar die "Goldenen Raffzähne", eine Auszeichnung, die jährlich an das dreisteste Praktikumsangebot geht.

Die Auswahl an solchen Fällen dürfte bei Fairwork groß sein. Seit zwei Jahren schon trommelt die "Generation Praktikum" gegen Ausbeutung und für einen fairen Umgang der Unternehmen mit Praktikanten. Eine vom Bundesarbeitsministerium veröffentlichte Studie hat soeben belegt, wo es hapert: Fast zwei Drittel aller Praktikanten erhalten gar keine oder eine Mini-Bezahlung. Und oft werden sie wie normale Arbeitskräfte eingesetzt.

Nach langem Abwarten will Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) nun reagieren. "Praktika stärken - Missbrauch verhindern", lautet das Motto. Netter Versuch. Und doch hagelt es sogleich Kritik. Denn: Alle konkreten Maßnahmen wie eine Mindestentlohnung oder eine Obergrenze für die Praktikumsdauer lehnt Scholz ab. "Der Staat sollte sich da raushalten", sagt er. Stattdessen will er im Bürgerlichen Gesetzbuch den Anspruch auf eine angemessene Vergütung für Praktikanten verankern; zudem sollen Vereinbarungen über das Praktikum im Vorfeld schriftlich festgehalten werden.

"Berufseinsteiger werden vertröstet"

Dass eine reguläre Arbeit angemessen entlohnt werden soll, steht aber bereits im Berufsbildungsgesetz, nur nicht explizit unter dem Namen "Praktikum". Hier will der Arbeitsminister klar definieren, was ein Praktikum ist - nämlich ein Lernverhältnis und nicht das "Abarbeiten" gewöhnlicher Tätigkeiten.

Ein Fortschritt also - oder doch nur reine Symbolpolitik?

"Herr Scholz vertröstet die ausgebeuteten Berufseinsteiger mit symbolpolitischen Maßnahmen", kritisiert Stefan Rippler, der die Internetplattform Generation-praktikum.de ins Leben gerufen hat. Er spricht von einer "Farce" und kann keinen Durchbruch für die Praktikanten erkennen.

Die von Scholz angekündigten "smarten Eingriffe" nennt auch René Rudolf "inkonsequent" und "unkonkret". "Sie werden kaum etwas an der jetzigen Situation ändern", sagte der Bundesjugendsekretär des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) SPIEGEL ONLINE. "Die Regelungen werden durch den neuen Eintrag ins Bürgerliche Gesetzbuch transparenter, dennoch werden aber die Möglichkeiten der Jugendlichen, die sich in prekären Situationen befinden, kaum verbessert."

Der DGB-Mann fordert deshalb nach wie vor: "Die Dauer eines Praktikums muss zeitlich begrenzt werden. Damit würde ein großer Missbrauch des Praktikums verhindert", so Rudolf. Ein maximal drei Monate währendes Praktikum etwa biete kaum die Möglichkeit, es als normales Arbeitsverhältnis auszunutzen.

"Generation Praktikum ist und bleibt ein Mythos"

Die Arbeitgebervereinigung BDA dagegen indes hält schon die zarten und vagen Regulierungsabsichten von Scholz für Teufelszeug, denn das verhindere die "Bereitstellung notwendiger und gewünschter Praktikantenstellen", so BDA-Vize Gerhard F. Braun. Er erklärt die Generation Praktikum zum "Mythos" und Vergütungsvorschriften für "unsinnig". Darüber könne "immer nur im konkreten Einzelfall entschieden werden"; inakzeptable Einzelfälle dürfe man "nicht zu einem Massenphänomen der Wirtschaft aufbauschen". Die Anstellung von Praktikanten, so Braun weiter, bedeute "vielfach eine Investition in deren Beschäftigungsfähigkeit" - ein gleichsam mildtätiger Akt.

"Generation Praktikum"

REUTERS
Na klar, sagen Praktikanten, die lautstark über Ausbeutung klagen. Ja, sagt auch der DGB: 56 Prozent der Hochschulabsolventen gehören dazu. Die entsprechende Studie stützt sich aber auf Angaben von lediglich 89 Teilnehmern. Karl-Heinz Minks vom Hochschul-Informations-System (HIS) dagegen sagt: "Das ist wohl eher das Gefühl einer Generation."

Das sieht der Fairwork-Vorsitzende Frank Schneider ganz anders und begrüßt den Scholz-Vorstoß, nachdem die Rebellion der "Generation Praktikum" mit Demos und zwei Petitionen schon völlig zu versanden drohte. "Wir freuen uns zumindest, dass das Ministerium das Thema aufgegriffen hat. Es macht klar, dass ein Praktikum ein Lernverhältnis ist und der Praktikant auch den Anspruch darauf hat", so Schneider. Er hält den Spielraum für Interpretation aber für zu groß und fragt: "Was zum Beispiel heißt denn eigentlich 'angemessene' Vergütung konkret?"

Praktikanten brauchen Courage

Anspruch hin oder her - ein Problem bleibt: Was können Praktikanten im richtigen Leben wirklich einfordern? Das Beispiel Berufsbildungsgesetz zeigt schon heute, dass längst nicht jede Firma sich an die Vorgaben hält. Stärkt das sanft renovierte Gesetz Berufsstarter so sehr, dass sie dann auch den Mut aufbringen, auf ihre Rechte zu pochen?

Viele Absolventen hoffen, durch Praktika den Einstieg in ihren Beruf zu finden, am besten danach übernommen zu werden. Entsprechend groß ist die Nachfrage nach Praktikumsstellen. Sollte da einer robust auf Vorschriften verweisen, könnte er schnell in seine Schranken verwiesen werden - und dann bekommt einfach ein Mitkonkurrent die Stelle.

Die Erfahrung zeigt: "Oft nutzen die Betroffenen nicht ihre Möglichkeiten. Sie haben das Gefühl, sich damit ihre Chance zu verbauen", sagt Gewerkschafter René Rudolf. Das kann Frank Schneider von Fairwork nur bestätigen: "Praktikanten müssn kämpfen. Das machen aber viele oft nicht, weil die Hürden zu hoch sind."

Dennoch seien Praktikanten in der Debatte der letzten drei Jahren kritischer geworden, sagt Schneider. Er hofft, dass es durch die Scholz-Initiative einen neuen Schub gibt. Sonst dürfte Fairwork auch im nächsten Jahr wieder reichlich Kandidaten für die "Goldenen Raffzähne" haben.

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Hallo, wer ein praktikum anfaengt sollte vorher genau wissen was er erlernen will. Wer ein praktikum mit der einstellung anfaengt er will mal sehen was das ist verschwendet seine Zeit. mehr...

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20.03.2008 von Claudia_D: Staatsprekariat...

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