Von Katrin Elger
Sieben Prozent der Neueinstellungen sind Bachelor-Absolventen. Das "Junior-Associate-Programm" dauert zwei bis drei Jahre. Läuft alles nach Plan, finanziert die Beratung anschließend den Master- oder MBA-Abschluss.
"Wir suchen Leute aus allen Fachrichtungen, da die besten Ideen meist gerade dann entstehen, wenn sehr unterschiedliche Menschen zusammenarbeiten", sagt Schürmann. Daher hat bei BCG lediglich die Hälfte der Berater Wirtschaftswissenschaften studiert, die anderen sind etwa Theologen, Journalisten oder Musiker. Auch bei Booz & Company legt man Wert auf eine bunte Mischung: Maschinenbauer, Biochemiker, Modefotografen. "Wichtig ist nicht, was jemand macht, sondern wie gut", sagt Personalmanagerin Miriam Kraneis.
Die akademischen Noten sind die erste Hürde, die ein Bewerber nehmen muss. Wer nicht unter den besten zehn Prozent seines Jahrgangs ist, fällt durchs Raster. Aber die Berater wollen noch mehr: "Veranstaltungen wie die Strategiekonferenz sind für uns wichtiger denn je, um zu sehen, wer wirklich Persönlichkeit hat und aus der Masse heraussticht", sagt Kraneis. "Diejenigen, die durch analytische Schärfe, Belastbarkeit und unternehmerisches Denken auffallen, merken wir uns", sagt sie.
Eigenschaften, die das Team "The New Silver Bullet of Communications " in einem kleinen Konferenzraum des Hesperia-Hotels zu beweisen versucht. Die vier Studenten sollen ein "innovatives Geschäftsmodell" im Telekommunikationsbereich entwickeln. Dieses müssen sie später vor versammelter Mannschaft vorstellen.
Die Boozis zahlen die Gatränke
Vor dem Hotel schlendern Spaziergänger am Wasser entlang. Die schuppige Metallhaut des Guggenheim Museum reflektiert die Frühlingssonne. 22 Grad in Bilbao.
Im Konferenzraum ist es kühl. Anna Hechinger, 23, glühen trotzdem die Wangen. "So langsam wird's stressig", ächzt die Studentin der Kommunikationswissenschaft aus Hohenheim. Ihr Team hat sich in der Zeit verschätzt. Während andere Gruppen schon an den Details ihrer Powerpoint-Präsentationen arbeiten, ist "The New Silver Bullet of Communications" noch dabei, Kapitalkosten und Gewinnmargen auszurechnen.
"Ihr müsst euch jetzt aufteilen und Tempo machen", mahnt die Beraterin Christine Rupp, die von Raum zu Raum wandert und den Workshop-Teilnehmer Tipps gibt. Ansonsten bleibe abends keine Zeit mehr zum Feiern.
60 Stunden sind üblich, 80 nicht selten
"Bilbao@night" steht auf dem Programm: Ein ausgedehntes Zehn-Gänge-Menü in einem baskischen Restaurant in der Innenstadt mit anschließendem Besuch der Bar "Sisniega". Dort spielt der DJ auf Wunsch Rammstein. Der Boden ist mit Konfetti bedeckt, die Getränke gehen auf Rechnung der Boozis, wie sich die Berater selbst nennen. Die Letzten sind erst um sechs Uhr morgens zurück im Hotel, obwohl ab neun Uhr die Präsentationen der einzelnen Teams beginnen. "Work hard, play hard" pflegen die Berater zu sagen.
"Wir wollen keine reinen Arbeitsmaschinen einstellen", sagt Rupp. Sie ist seit neun Jahren bei Booz & Company und findet nach wie vor, dass sie den "optimalen Job" gefunden habe. Zurzeit arbeitet sie nur 60 Prozent, um sich auch um ihre zweieinhalb Jahre alte Tochter kümmern zu können. "Als Beraterin bin ich wesentlich flexibler, als ich es wahrscheinlich anderswo je sein könnte", sagt sie. Drei bis vier Tage ist sie in der Woche für Projekte unterwegs, den Rest hat sie frei.
Booz & Company leidet wie alle Consulting-Firmen unter Frauenmangel. Nur 30 Prozent der Zugänge sind weiblich. Viele haben Zweifel daran, dass sie bei solch einem Job auch Familie haben können. "Ein Irrtum", wie Rupp findet. "Work-Life-Balance ist etwas, worauf die Bewerber immer häufiger Wert legen", erzählt sie. "Für uns ist das auch ein wichtiger Aspekt. Wir wollen die Leute langfristig halten. Keiner soll ausbrennen."
Belastbar müssen die Berater trotzdem sein. 60, 70, manchmal 80 Stunden in der Woche. Mit handlichen Rollkoffern hetzen sie frühmorgens über die Flughäfen. Checken ein, checken aus. Eine Konferenz jagt die nächste. Das Zuhause: im Hotel. Damit kommt nicht jeder zurecht. Bei Booz & Company bleiben die Leute nach eigenen Angaben im Schnitt 3 bis 4 Jahre; bei BCG sind es genau 3,9. Manche gehen, weil die Beratungen optimale Sprungbretter sind für Managementposten bei angesehenen Konzernen. Andere halten dem Druck nicht mehr stand.
"Mein Leben zieht an mir vorbei"
"Ich konnte irgendwann einfach nicht mehr", erzählt eine Ex-McKinsey-Beraterin, die nach drei Jahren ausgestiegen ist und sich in der Forschung einen Job gesucht hat. "Morgens, wenn ich im Hotel aufwachte, hat sich mir der Magen umgedreht", schildert die 32-Jährige. "Ich hatte das Gefühl, mein Leben zieht an mir vorbei, ohne dass ich etwas davon mitbekomme."
Einige der Workshop-Teilnehmer in Bilbao ahnen, was auf sie zukommen könnte. "Unternehmensberatung ist nicht nur ein Beruf, das ist auch Lifestyle", sagt Daniela Noethen, 27. Sie hat Psychologie studiert und promoviert nun in Bremen in Betriebswirtschaftslehre. "Ob das zu mir passt, muss ich erst noch herausfinden." Reizvoll findet sie die "verschiedenen Problemstellungen im Beraterberuf" und die "Aussicht auf vielseitige Kontakte".
Auch Christian Hirschen, 27, der Maschinenbau in Aachen studiert hat und am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln promoviert, hat sich über die Arbeitsbelastung Gedanken gemacht. "Klar, anstrengend ist das schon", sagt er. "Aber letztendlich weiß man nur dann, ob man damit zurechtkommt, wenn man es selbst erlebt hat."
Kathrin Schöckler sieht das ähnlich. "Sollte ich feststellen, dass mir der Job nicht liegt, kann ich nach ein paar Jahren immer noch etwas anderes machen", sagt die BWL-Studentin. Die junge Frau aus Wien ist im achten und letzten Semester ihres Studiums. Ein halbes Jahr war sie in Paris, Englisch und Französisch spricht sie fließend, Italienisch so gut, "dass es für einen Businesstalk reicht".
Zu alt für einen Neubeginn wird sie jedenfalls auch in fünf Jahren nicht sein. Dann feiert Kathrin Schöckler ihren 27. Geburtstag.
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