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27.05.2008
 

Praktikum im Paralleluniversum

Einmal Banker und zurück

Im richtigen Leben studiert er Geschichte, wohnt in einer Berliner Kiez-WG, trommelt bei einer Indie-Band. In den Semesterferien tauchte Jasper Tjaden in die graue Frankfurter Finanzwelt ein. Sechs Wochen unter polyglotten Businessmenschen - Selbstversuch eines 22-Jährigen.

In meiner Studenten-WG streife ich den neuen Dreiteiler über. Meine beiden Mitbewohner mustern noch kritisch den Krawattenknoten, dann lasse ich sie zwischen Pizzakartons und leeren Bierkästen zurück. Der Ziehkoffer rumpelt über die unfertigen Straßen im Prenzlauer Berg. Die Punks in meinem Kiez werfen verächtliche Blicke auf mich. "Schon wieder dieser Yuppie-Nachwuchs." Vor zwei Wochen zogen noch linke Demonstranten durch unsere Straße. Heute laufe ich zum Feind über.

In diesen Semesterferien tausche ich die Bibliothek gegen ein Einzelbüro im 45. Stock. Ich verlasse den Elfenbeinturm der Geisteswissenschaften und werde das Innenleben der Geschäftswelt studieren. Die Verwandlung vom Berliner Schluder-Studenten zum weltläufigen Businessmanager dauert nicht lange: Berlin - Frankfurt, exakt eine Stunde und zehn Minuten.

Der Weg war einfacher als gedacht: Ausgestattet mit entsprechenden Praktika und guten Noten bewarb ich mich über eine komfortable Online-Plattform bei einer Großbank. Zwei Monate später kam die Zusage für einen Platz in der Kommunikationsabteilung: Marketing, Public Relations, Reputation. Vor mir liegen 240 Stunden hinter den Kulissen.

Schon bin ich einer von ihnen

Der Anzug zwickt noch. Am Flughafen scheint die Verkleidung mir jedoch eine magischen Aura zu verleihen. Die nette Dame am Flughafenschalter drückt bei acht Kilo Übergepäck ein Auge zu. Im Flugzeug lasse ich mir dann selbstverständlich die "Financial Times" geben. Wenn schon, denn schon.

Die Feldforschung beginnt an der Frankfurter Flughafenbar. Wie die Herren neben mir ziehe ich meine Krawatte etwas lockerer und bestelle ein kleines Bier. Fünf Euro futsch. Die Unternehmensberater fliegen zu einem Projekt ins Ausland. Vielleicht werden sie in der kommenden Woche einige Jobs erhalten, vielleicht einige abbauen. Vorerst bauen sie Testosteron ab. In Berlin werden Kunden von Verkäufern unfreundlich behandelt, in Frankfurt ist es andersrum.

Gedankenverloren ziehe ich meinen Koffer an der Paulskirche vorüber, passiere den Römer, schließlich eine schmale Main-Brücke. Das Börsenmonster schlummert an diesem Sonntagabend erschöpft in der Märzkühle. Frankfurt ähnelt dem Potsdamer Platz, nur die Menschen fehlen. Am Wochenende säumen vereinsamte Touristen und Obdachlose die Gassen, werktags strömen bis zu 318.000 Menschen in die Stadt. Morgen schon werde ich einer von ihnen sein.

Die erste Hälfte: "Win-win-Situation"

Montagmorgen. Frisch rasiert stehe ich in der Lobby. Die charmante Dame an der Rezeption überreicht mir einen Betriebsausweis. Bei der Größe des Unternehmens ist er eher Nachweis einer Art Staatsbürgerschaft: Ich bin Bürger Nummer 018092 und wohne im Büro 45.032. Das sind die Regeln dieses Staates: Die Kultur heißt corporate identity, die Religion heißt Gewinnmaximierung, die Bürokratie governance, die Bürger Kollegen; der Tag work und der Abend afterwork. Die Sprache ist eine Ansammlung von Abkürzungen und Anglizismen.

Freitag, halb eins, zweite Woche. Erfolgreich balanciere ich das Schnitzel mit Erbsen auf meinem Kantinentablett bis an den Praktikantenstammtisch. Hier ist die Gelegenheit, um die soft skills auf den Prüfstand zu stellen. Fehlstart. Schnell wie Tischtennisbälle werden hier Lebensläufe hin und her gespielt: Manhattan, Marrakesch, Master in London, Freiwilligenarbeit in malaysischen Ghettos.

Nach der Arbeit unterschreibe ich aus schlechtem Gewissen eine Mitgliedschaft bei Amnesty International. 80 Euro sind mir die Menschenrechte wert. Und im Lebenslauf sieht das ja auch gut aus. Sozusagen eine "Win-win-Situation".

Die zweite Hälfte: Zeit ist Geld

Halbzeit. Es folgen erneut wichtige Erkenntnisse aus dem Unternehmensalltag:

  1. Arbeit ist die Zeit zwischen meetings, briefings, lunch und coffee-break.
  2. Die Wichtigkeit der Mitarbeiter ist an der Schnelligkeit abzulesen, mit der sie durch die Gänge rennen.
  3. Die Wichtigkeit von Projekten lässt sich hingegen an der Länge des Hauptwortes erkennen (mein Favorit: Informationsbedarfsregulierungsanalyse)
  4. Wer nicht allein zu Mittag essen will, macht zwei Wochen im voraus Termine.
  5. Wer allein isst, hat verloren.

Eines wird schnell klar. In Frankfurt geht es um Zeit und Geld. Der gute Berliner ist Regisseur, Schauspieler, Werber oder Webdesigner. Zumindest designt er seine Küche selbst. Illegale Partys in feuchten Kellern, schräge Klamotten vom Flohmarkt: Die Maxime lautet Individualität. Auf Frankfurter Afterwork-Partys scheint es dafür niemanden zu stören, dass alle die gleiche Frisur tragen. Kurz: In Berlin sucht jeder nach Selbstverwirklichung, in Frankfurt verdient man Geld.

Schon bricht die letzte Woche meines Praktikums an. Spielend leicht fülle ich die 45 Sekunden im Fahrstuhl mit small talk, Zwischenstopps eingerechnet. Der Anzug ist nicht mehr unbequem, sondern sexy. In mein Büro scheint die Sonne durch den Morgennebel.

Rückflug: Kapuzenpulli und Turnschuhe

Es ist wie in einem lautlos schwebendem Flugzeug, und ich sitze im Cockpit: Knöpfe drücken, Schalter umlegen. Kleine Projekte, gute Gespräche, Powerpoint und Excel lassen die sechs Wochen wie im Fluge vorbeiziehen. Trotzdem: Die Businesswelt gibt mir das Gefühl, nützlich zu sein. An der Universität verstauben meine Hausarbeiten in Schubläden.

Auf dem Weg zum Flughafen überquere ich wieder die schmale Main-Brücke. Der Manager-Moloch Frankfurt sieht nicht mehr so bedrohlich aus. In diesen Hochhäusern sitzen Kumpeltypen und Feingeister, Realisten und Profis. Der Manager im Nebenraum sah nicht aus wie ein Steuerbetrüger, Milliardenzocker oder Zuvielverdiener. Er sah wie jemand aus, der am Wochenende mit seinem Sohn Fußball spielt.

Im Flugzeug lese ich ein Interview. Josef Ackermann sagt, dass man die Manager nicht immer wie "Unmenschen" darstellen solle. Verantworten sie nicht den Reichtum dieses Landes? Durch das Fenster sehe ich schon die hässlichen Hochhäuser Berlins. Ich trage einen Kapuzenpulli und dreckige Turnschuhe. Die 20 Euro Gebühr fürs Übergepäck habe ich gern gezahlt.

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insgesamt 37 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
25.09.2008 von Menschenmaterial: naja

Irgendwie finde ich diesen Artikel aussagelos. Es scheint gegen Ende als hätte sich der Autor mit der Businesswelt arrangiert nur um dann die 180°-Wende einzuleiten und das Gegenteil zu behaupten. Dazu kommt natürlich dass es [...] mehr...

10.07.2008 von double-m: Titanic sagt

Auf den Jungen trifft fast das gleiche zu, was die TITANIC neulich schon kluges zu Julia Friedrichs gesagt hat: http://www.titanic-magazin.de/badl_0805.html#c5077 mehr...

29.05.2008 von dondave: Naja

Aus eigener Erfahrung halte ich den Wahrheitsgehalt des Geschilderten für zumindest zweifelhaft, abgesehen von den Amnesty-Leuten, die in der Tat ab und an vor der mehr oder weniger bekannten Konzernzentrale der mehr oder weniger [...] mehr...

28.05.2008 von schlafschule69: die vollkommene Leere

Ich meine, dass der Artikel eine Blase ist, die schon nach wenigen Zeilen platzt. Oder kann irgendjemand sagen was der Verfasser nun in seinem Praktikum erlebt hat? Nachdem ich die Überschrift gelesen hatte dachte ich es kommt [...] mehr...

28.05.2008 von libertarian: Bezeichnend

"Fake" oder nicht, ich finde diese Artikel bezeichnend fuer die Lage im Land. Da werden Gegensaetze konstruiert, die keine sein sollten. Wenn ich sowas lese (und von Freunden zuhause hoere, was alles so im richtigen [...] mehr...

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