Von Sebastian Wieschowski
Das Urteil ist voluminös, aber nach der frohen Botschaft an das Praktikanten-Prekariat muss man nicht lange fahnden: Gleich am Anfang ist von einem sittenwidrigen "sogenannten Praktikantenverhältnis" die Rede. Sechs Monate lang absolvierte eine Fachhochschulabsolventin ein Praktikum in einer Agentur und erhielt dafür 375 Euro monatlich. Das Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg lässt keinen Zweifel daran, dass ihr eine weit höhere, eine angemessene Vergütung zusteht - weil die junge Akademikerin nicht als Praktikantin, sondern als Arbeitnehmerin einzustufen sei.
So hatte schon das Stuttgarter Arbeitsgericht, so haben nun auch die Landesarbeitsrichter in der Berufungsverhandlung entschieden. Es ist eine schallende Ohrfeige für ausbeuterische Firmen - und ein seltener Triumph für die "Generation Praktikum".
Erstritten hat die bemerkenswerten Entscheidungen Maria Hormann, Diplom-Ingenieurin für Innenarchitektur. Die Bremerin spricht nordisch kühl, sachlich erzählt sie ihre Geschichte: Augenblicke aus dem Alltag von Praktikanten, die in der Hoffnung auf eine feste Stelle Berufserfahrung in Unternehmen suchen. Und zu oft systematische Ausnutzung finden.
So wie Maria Hormann bei ihrem halben Jahr als "Mädchen für alles" in einer baden-württembergischen Agentur. Rückblende: Im September 2005 schloss sie ihr Studium der Innenarchitektur an der Fachhochschule Lippe in Detmold ab. Das Diplom schaffte sie mit einer Eins vorm Komma. Dass eine Null hinter dem Komma steht, erwähnt sie beiläufig in einem Nebensatz.
Nach vier Wochen eine ganz normale Mitarbeiterin
"Zwischenmenschliche Kommunikation für die Baubranche" lautete ihr Diplomthema. In einem Fachverlag wollte sie nun praktische Erfahrungen zwischenmenschlicher Bürokommunikation sammeln. Die bekam sie gleich am ersten Arbeitstag: Eine Begrüßung des Redaktionsleiters gab es nicht, dafür eine fette Ladung an Aufträgen. "Nach vier Wochen war ich eigenverantwortlich wie alle anderen Mitarbeiter eingebunden", sagt Hormann.
Der Staat finanzierte das Praktikum also mit. Für einen Zweit- oder Drittjob blieb Maria Hormann auch keine Zeit. Denn oft arbeitete sie 70 Stunden in der Woche, organisierte den Aufbau der Ausstellungs-Architektur, streifte sogar den Blaumann über und packte bei der Fertigstellung der Konstruktion mit an. "Die offiziellen Projektleiter waren nicht vor Ort. Währenddessen musste ich alles koordinieren - wann welche Speisen gereicht werden, welche Hostessen wann wo stehen." Oft erst kurz vor Veranstaltungsbeginn tauchten die Menschen auf, die der Praktikantin eigentlich einen Einblick in ihre Arbeit geben sollten.
Von Ausbildung keine Spur
Von einer Ausbildung oder auch nur von einer gezielten Einarbeitung hat Maria Hormann nichts bemerkt. Aber sie sah zunächst keine Alternative. "Ich stand vor der gleichen Wahl, die so viele junge Absolventen heutzutage haben: Schlecht bezahlt Erfahrungen sammeln oder gar keine Erfahrungen sammeln."
Die Hostessen bei Abendveranstaltungen, die Maria Hormann für die Agentur betreute, erhielten einen Stundenlohn von zehn Euro; für sie selbst waren es 2,46 Euro. Ein Hungerlohn für einen anstrengenden Job: "Zuerst große Belastung, ziemlich schnell eine extrem große Belastung", erinnert sie sich. Früh morgens stand die fleißige Praktikantin auf, um Reisen nach Asien zu koordinieren. Oder blieb bis spät abends, um Reisen nach Amerika zu planen.
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