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Auszeit nach dem Studium Mut zur Lücke

2. Teil: Manchmal sind die krummen Wege die geraden: Bei der Bewerbung können Kurven im Lebenslauf ein Pluspunkt sein

Dabei ist das Leben im Ausland oft eine Herausforderung, die nicht immer leicht zu bewältigen ist. Das fängt bei bürokratischen Hürden an. In Australien etwa müssen alle Arbeitnehmer eine Steuererklärung abgeben - selbst wenn sie aus Deutschland kommen und nur kurzzeitig im Land arbeiten. "Viele lernen während eines solchen Aufenthalts auch die Tücken eines Verhandlungsgesprächs kennen, wenn sie in einer fremden Sprache das erste Auto kaufen", sagt Tanja Kuntz. Da wirkt im eigenen Land plötzlich vieles leichter.

Auszeit: Muss man erklären, kann aber überzeugen

Auszeit: Muss man erklären, kann aber überzeugen

Es sind Lebenserfahrungen, die nicht nur den eigenen Horizont erweitern, sondern die auch bei Personalchefs gut ankommen. "Im beruflichen Leben werden die Mitarbeiter auch häufig vor Situationen gestellt, die nicht nur mit fachlicher Expertise und Zielstrebigkeit zu lösen sind", sagt Richard Pott, das für Strategie und Personal verantwortliche Vorstandsmitglied bei der Bayer AG. Einer Auszeit steht er offen gegenüber - sofern die Bewerber in der Lage sind, den Gewinn im Vorstellungsgespräch plausibel zu erklären. Auf ein zügig absolviertes Studium mit guten Noten alleine komme es nicht an. "Mich interessiert auch, für welche Projekte sich die Bewerber in ihrem Privatleben begeistern", so Pott. "Man erfährt dabei viel über Menschen."

Andere Unternehmen wissen noch nicht so recht, was sie von dem Gap Year halten sollen. "Ich würde nicht per se sagen, eine solche Auszeit ist gut oder schlecht", sagt Michael Rebstock, Sprecher bei BMW in München. Ein Rucksack-Urlaub durch Indien würde ihn noch nicht überzeugen. "Uns wäre wichtig, dass die erworbenen Qualifikationen zur ausgeschriebenen Stelle passen."

Gute Planung ist wichtig

Dass der Lebenslauf durch ein Gap Year einige Kurven bekommt, kann bei der Bewerbung also durchaus ein Pluspunkt sein. Damit das Jahr aber auch erfolgreich wird, ist eine gute Planung erforderlich, die im optimalen Fall schon mit Antritt des Bachelor-Studiums beginnt.

So wie bei Ludwig Schneider: Der 22-Jährige studiert im zweiten Semester Umwelttechnik an der FHTW Berlin und plant, nach dem Bachelor-Abschluss ein Jahr Pause einzulegen. Der Student kennt den Wert eines Gap Years bereits. Nach dem Zivildienst ging er für ein Jahr nach Brasilien, den Aufenthalt organisierte er selbst.

Über einen Bekannten bekam er zunächst einen Kontakt zu einer Firma in Hagen-Hohenlimburg, die auf die Stahlproduktion spezialisiert ist. Schneider stellte sich vor, und das Unternehmen vermittelte dem damaligen Abiturienten einen Praktikumsplatz in einem Tochterwerk in São Paulo. Dort durchlief er drei Monate lang unterschiedliche Abteilungen.

Für Schneider war das Praktikum ein Glücksgriff, denn schon bald danach stand sein Berufswunsch fest. "Mir ist gleich in den ersten Wochen klar geworden, dass ich Ingenieur werden möchte", sagt er. Und weil in seiner Familie der Umweltschutz von großer Bedeutung ist, sollte es ein Studiengang mit Umwelt-Schwerpunkt sein. Also bewarb er sich von Brasilien aus an der FHTW Berlin - und ergatterte prompt einen Studienplatz.

Im Bachelorstudium ist der Zeitplan eng

Im Grunde genommen unterlaufen die Studenten, die ein Gap Year planen, die Ziele der Hochschulen. Zumindest widerspricht die Auszeit den Zielen des Bologna-Prozesses, bei dem zurzeit europaweit die Abschlüsse Bachelor und Master eingeführt werden. In Deutschland sind 61 Prozent der Studiengänge mittlerweile umgestellt, und die Hochschulen heben vor allem die kürzere Studiendauer hervor, die eine solche Reform mit sich bringt - die Absolventen werden dadurch deutlich jünger.

Viele Hochschulvertreter betrachten den Trend, ein Gap Year einzulegen, deshalb auch skeptisch. "Ein Gap Year würde ich nicht unbedingt fördern", sagt Reiner Anderl, Vizepräsident der TU Darmstadt. "Ich würde aber die Integration von Auslandsaufenthalten in die Curricula begrüßen." Das Paradoxe an der Reform ist nämlich: Eigentlich sollten die neuen Abschlüsse die Mobilität der Studenten erhöhen und den Wechsel an eine Hochschule im Ausland vereinfachen. Weil die Stundenpläne aber oft eng gestrickt sind, bleibt den Studenten dafür kaum Zeit.

Wie sich Praxis und Lehre kombinieren lassen, das machen viele private Hochschulen den staatlichen vor. Die Universität Witten/Herdecke gehört hier zu den Vorreitern. Die Professoren ermuntern ihre Studenten, eigene soziale Projekte auf die Beine zu stellen, so wie es die drei Wirtschaftsstudenten Jan Holzapfel, Tim Lehmann und Matti Spiecker vorgemacht haben.

Das Trio hat gerade sein Buch "Expedition Welt" herausgegeben. Darin beschreiben die drei Studenten ihre achtmonatige Reise, die sie in 25 Länder führte. Sie haben Sozialunternehmer getroffen, die sich in Entwicklungsländern sozial oder ökonomisch engagieren, und mit E-Mails und Telefonkonferenzen berichteten sie Schülern in ganz Deutschland von diesen Erlebnissen. Die Finanzierung der Expedition haben sie alleine auf die Beine gestellt: "Wir haben uns unheimlich weiterentwickelt", sagt Jan Holzapfel, "und ich habe auch das Gefühl, dass die Schüler sehr viel mitgenommen haben."

"Diese Lücke ist eine Chance"

Auch viele Studenten von staatlichen Hochschulen erkennen mittlerweile den Gewinn solcher Erfahrungen und kümmern sich selbstständig um Projekte, in denen sie das theoretische Wissen aus dem Studium in der Praxis anwenden können. Tim Howe hat im vergangenen Sommer einen Bachelor-Abschluss an der TU Dresden im Fach Internationale Studien gemacht. Sein Gap Year unterteilt er in zwei Phasen: Arbeit und Urlaub. "Nach den drei recht anstrengenden Jahren an der Uni brauche ich einfach mal eine Veränderung", sagt der 24-Jährige.

Bevor er sich um einen Platz in einem weiterführenden Master-Studium kümmerte, war es ihm wichtig, das theoretische Wissen anzuwenden. In Genf absolvierte er deshalb für sechs Monate ein Praktikum in der Rechtsabteilung des UN-Flüchtlingswerks, das weltweit tätig ist. "Meine Chefin hat mich gut eingebunden. Ich konnte viel helfen", berichtet Howe. Zu seinen Aufgaben gehörte es etwa, Gutachten zu Flüchtlingsrechtsfragen zu verfassen. Zurzeit macht Tim Howe Urlaub in Berlin und arbeitet an einem Artikel für eine Fachzeitschrift. Im Herbst geht er in die nächste Metropole: In London beginnt er sein Master-Studium Internationales Recht.

Maximilian Schulte Terboven zieht es ebenfalls ins Ausland. Sein Gap Year ist fast um, seine letzte Praktikumsstation ist die Unternehmensberatung Bain in München. Bis September wird er in dem Unternehmen arbeiten, dann, eine Woche später, beginnt sein Studium in Barcelona.

Dass das Jahr Pause für seine Berufsfindung wichtig war, davon ist der 23-Jährige überzeugt: "Ich begreife diese Lücke als eine Chance", sagt er. In den Unternehmen, in denen er seine Praktika absolviert hat, sei die Resonanz auf sein Gap Year positiv gewesen. Besonders eine Station hat viel Aufmerksamkeit erregt, die zwei Monate als Skilehrer in St. Anton. "Mir hat der Job Spaß gemacht", sagt er, "eine Perspektive für die Zukunft ist er aber nicht."

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