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07.08.2008
 

20.000 freie Stellen

Deutschland gehen die Lehrer aus

Zum neuen Schuljahr fehlen 20.000 Pädagogen an deutschen Schulen. Vor allem Hessen geht auf Einkaufstour und wildert in anderen Bundesländern. Darum setzt es sogleich Klassenkeile. Gegen Lehrermangel weiß die Lehrer-Lobby ein Rezept - das gleiche wie immer: mehr Geld.

Lehrer (in Bremen): Der Nachwuchs bleibt weg
AP

Lehrer (in Bremen): Der Nachwuchs bleibt weg

Der Lehrermangel ist inzwischen so akut, dass einige Kultusminister in anderen Ländern wildern, um zum kommenden Schuljahr genügend Pädagogen für ihre Schulen zu finden. Nach Angaben des Philologenverbandes fehlen bundesweit 20.000 Lehrer an Gymnasien, Gesamt-, Real- und Berufsschulen. Zudem werde es in den Klassenzimmern jetzt eng; im nächsten Jahr werde es rund 30.000 Klassen mit mehr als 30 Schülern geben.

Die Landesregierungen haben gelernt, dass die Schulpolitik durchaus über den Ausgang von Wahlen entscheiden kann - und dass Unterrichtsausfall Eltern auf die Barrikaden treibt. Darum greifen sie nun zu drastischen Methoden.

Die Minister anderer Bundesländer ärgern sich vor allem über ihren hessischen Kollegen Jürgen Banzer (CDU). Mit einer 240.000 Euro teuren Kampagne warb der geschäftsführende Kultusminister bundesweit um Lehrernachwuchs und offerierte Vorteile wie höhere Einstiegsgehälter an Haupt- und Realschulen. Mit einigem Erfolg: Zum neuen Schuljahr werden 234 Lehrer aus anderen Ländern - vornehmlich aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg - hessische Schüler unterrichten. Das sind mehr als zehn Prozent aller neuen Kräfte.

Der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm nennt es "unglaublich, dass Lehrer abgeworben werden, die dann in anderen Ländern fehlen, weil Hessen ihnen etwas mehr bezahlt oder sie etwas schneller verbeamtet". Es könne "nicht sein, dass wir einen bundesweiten Wettlauf um Lehrer bekommen. Das geht auch zu Lasten der Schüler, deren Lehrer weggehen", so Klemm.

Jürgen Banzer verteidigt die hessische Einkaufstour: Durch Wettbewerb entstehe Dynamik, davon profitierten am Ende die Lehrer und die Schulen, sagte er am Donnerstag. Hessen habe mit 2800 Stellen den höchsten Personalbedarf sei acht Jahren gehabt. Er sei "ein bisschen stolz", dass es gelungen sei, diese Stellen fast vollständig zu besetzen. Den Vorwurf mangelnder Ländersolidarität weist Banzer zurück. Andere Länder jagten auch Hessen Referendare ab, vielleicht stehe es diesmal aber "1:0 für uns, weil wir 100 mehr bekommen haben", sagt er.

Baden-Württemberg geht jetzt auch räubern

So sportlich sieht das sein Kollege Helmut Rau (CDU) in Baden-Württemberg nicht: Hessen "räubere" auf fremdem Terrain und verstoße gegen die Spielregeln der Kultusministerkonferenz. Nun sehe er sich genötigt, woanders nach jungen Pädagogen zu suchen. "Wir werden offensiv in anderen Bundesländern werben und qualifizierte Leute nehmen, wo wir sie kriegen", kündigte Rau an und schaltete Zeitungsannoncen. Damit werden 450 Lehrer für Gymnasien und Berufsschulen gesucht, vor allem in den Fächern Mathematik, Physik, Chemie und Biologie.

Lehrerin (in Freiburg): Länder balgen sich um Absolventen
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DPA

Lehrerin (in Freiburg): Länder balgen sich um Absolventen

In Ostdeutschland sieht man die Werbeaktionen gelassen. Dort fällt der Schülerrückgang weit dramatischer aus als im Westen. Die Sicherheit eines gut bezahlten Beamtenjobs macht die westdeutschen Länder für junge Lehrer interessanter als den Osten, wo viele Pädagogen angestellt sind. Das Höchstalter, bis zu dem Pädagogen verbeamtet werden können, variiert allerdings enorm. Hessen hat mit einem Limit von 50 Jahren einen deutlichen Vorteil im Vergleich zu Nordrhein-Westfalen mit 35 Jahren. Rheinland-Pfalz hat die Grenze wegen des Konkurrenzkampfes auf 45 Jahre hochgesetzt, die gleiche Grenze wie in Baden-Württemberg. Vorgezogene Ausschreibungsrunden sollen die fertigen Lehrer ebenfalls früher binden als bisher.

Bernd Saur, Vertreter der Gymnasiallehrer in Baden-Württemberg, sieht den Schwarzen Peter vor allem in Rheinland-Pfalz: "Die holen die Baden-Württemberger noch vor den eigenen Leuten." Das weist das Kultusministerium in Mainz zurück. "Es wäre schön, wenn alle Länder sich so intensiv darum kümmern würden, dass der Nachwuchs an Lehrkräften gesichert wird", sagt Ministerin Doris Ahnen (SPD). Hessen versuche mit der Kampagne bildungspolitische Versäumnisse der Vergangenheit wettzumachen.

Zu früh in Pension, wenig Nachwuchs

In Bayern hat man für das Jahr 2009 für Grund-, Haupt- und Realschullehrer Beförderungsmöglichkeiten geschaffen, um den Schuldienst attraktiver zu machen. Das habe aber nichts mit Konkurrenzkampf zu tun, sagt Ludwig Unger vom Kultusministerium. Hessens Vorgehen sei dagegen unverantwortlich: "Damit ist die Solidarität der Länder zulasten der Kinder infrage gestellt." Das kontert Hessens Minister Banzer mit dem Hinweis: "Wir haben Zuzugsfreiheit."

Die Kultusministerkonferenz rechnete schon vor fünf Jahren vor, dass jährlich rund 3200 Pädagogen zusätzlich fehlen werden. Bis 2013 könnten bis zu 40.000 Lehrer fehlen. Besonders gefragt sind derzeit Lehrer für Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften. Und auch bei den Chefstellen klafft ein Besetzungsloch - schon jetzt sind mehr als tausend Direktorenstellen an Schulen unbesetzt.

Hauptgrund für die Misere ist die Pensionierungswelle: Die Kollegien sind überaltert, zudem gehen Lehrer im Schnitt früher in Pension als andere Beamte. In den nächsten fünf Jahren werden rund 150.000 Lehrer den Schuldienst verlassen, und die Zahl der Lehramt-Absolventen deckt den Bedarf nicht. Der Philologenverband will darum den Beruf attraktiver machen. "Wir müssen den Lehrern mehr Gehalt und bessere Karrierechancen bieten", sagte der Vorsitzende Heinz-Peter Meidinger. Insbesondere die "lächerlich geringen Bezüge" in der Referendarszeit müssten in allen Bundesländern erheblich steigen.

Helfen mehr Privilegien wirklich?

Viele Berufsanfänger wechselten direkt nach der Ausbildung in die Wirtschaft, weil sie dort besser verdienten, so Meidinger weiter. An den Schulen zeigt sich indes auch eine andere Tendenz: Dorthin strömen zunehmend Quereinsteiger aus der Wirtschaft - zum Beispiel für Diplom-Physiker, Dolmetscher, Elektrotechniker und Forstwissenschaftler.

Dass nicht genug Studenten sich fürs Lehreramt entscheiden, schreibt der Philologenverband auch dem angeblich schlechten Image zu. Indes steht es um den Ruf des Berufes gar nicht übel, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt: 1000 NRW-Bürger machten bei einer Umfrage der dimap-Meinungsforscher mit. Nur eine Minderheit vertritt die Ansicht, Lehrer zeigten zu wenig Einsatz und hätten zu viel freie Zeit. Allerdings glauben auch nur 43 Prozent, dass Pädagogen gut ausgebildet sind; 72 Prozent halten Lehrer für überfordert.

Diese Einschätzung teilt der Frankfurter Bildungsforschers Udo Rauin. Eine Langzeitstudie bestätigte, dass viele Pädagogen im Schulalltag schlecht zurechtkommen: Bereits nach vier Berufsjahren fühlt sich jeder Zehnte stark überfordert. Jeder vierte Studienanfänger wollte eigentlich nie Lehrer werden und wählte das Studium nur als "Notlösung"; die Hälfte dieser Gruppe machte dennoch weiter. Eine durchaus provokant formulierte Erkenntnis Rauins: Oft klagten Lehrer besonders laut über Burnout, die "vermutlich nie gebrannt" hätten.

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Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Die Lehrer-Lobby fordert jetzt höhere Gehälter, um den Beruf attraktiver zu machen. Im internationalen Vergleich sind Deutschlands Lehrer allerdings bereits Spitzenverdiener (knapp hinter der Schweiz). Zudem haben sie als Beamte sichere Arbeitsplätze mit vorzüglichen Pensionen und mehr Urlaub als andere. Laut Bildungsforscher Rauin sind dies alles Gründe, warum so viele ungeeignete Studenten in den Lehrerberuf stolpern - "viele halten das für einen Halbtagsjob". Der Referendarslohn fällt zwar in der Tat mager aus, und mit jungen Lehrern als Vertretungen springen einige Länder ausgesprochen unfein um. Doch werden auch junge Mediziner oder Juristen schlecht bezahlt; davon hängt die Berufswahl kaum ab.

Schulforscher Rauin fordert nicht die Massenanwerbung von Lehramtstudenten, sondern eine gezieltere Auswahl geeigneter Bewerber. Statt die Konditionen weiter zu verbessern, sollte der Beamtenstatus abgeschafft werden, um wenigstens die schlimmsten Übel zu vermeiden, so Rauin. Nicht mehr, sondern weniger Privilegien könnten also zu einem besseren Ruf des Lehrerstands und damit zu mehr Pädagogen beitragen.

cpa, jol, dpa/AP/AFP

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15.03.2009 von schattenwolf08: Zustimmung

Uneingeschränkte Zustimmung, auch wenn Sie hier einigen Privilegierten auf die Füsse treten, es ist der richtige Weg. mehr...

13.03.2009 von scoolodie: Herzlichen Glückwunsch

Alles Gute für Ihren Ruhestand. Aber glauben Sie mir, es tut eine gewisse Weile weh, wenn Sie mit Leib und Leben Lehrer waren und eben nicht bis schon lange vor dem letzten Tag sich "ausgebrannt" fühlten. Über die [...] mehr...

13.03.2009 von scoolodie: Aber ja doch!

Endlich sind wir soweit! Es muss noch viel schlimmer werden. Die Länder müssen nicht mehr wissen, wie sie auch nur noch ein Minimalprogramm an Unterricht sichern können. Lange genug hat man diesen Beruf und seine Akteure [...] mehr...

13.03.2009 von ondrana:

Nu abba ma halblang, Jungs! Kommt nach Niedersachsen. Da werden Fachlehrer verzweifelt gesucht. Pensionäre sind herzlich eingeladen, über das Pensionsalter hinaus in der Schule zu unterrichten. Man garantiert: eine [...] mehr...

13.03.2009 von PeterShaw:

Das hoffe ich nicht! Ich wünsche Ihnen ein gesundes und erfülltes Leben auf der Lerncouch. mehr...

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