SPIEGEL ONLINE: Frau Knaths, in dieser Woche erscheint in Deutschland ein Buch der amerikanischen Entwicklungspsychologin Susan Pinker über das "Geschlechterparadox". Die Autorin behauptet darin, Frauen seien aufgrund ihrer biologischen Natur ungeeignet, in den männlich geprägten Hierarchien unserer Arbeitswelt nach oben zu gelangen und zu führen - das müsste Sie doch ärgern.
SPIEGEL ONLINE: Und der Ursprung der unterschiedlichen Codes ist naturgegeben?
Knaths: Ob sie durch Biologie oder Umwelt gemacht sind, darüber streitet die Wissenschaft schon lange - ich denke, es ist beides. Entscheidend ist für mich, dass Frauen diese Codes der Männerwelt entschlüsseln lernen und für sich nutzen können.
SPIEGEL ONLINE: Kommunizieren Männer und Frauen denn tatsächlich so unterschiedlich?
Knaths: Im Großen und Ganzen ja. Es sind völlig verschiedene Systeme. Das können Sie schon bei Kindern beobachten: Bei Jungs geht es ums Gewinnen. Und auf dem Fußballplatz gibt es nur einen, der pfeift. Wenn Mädchen gemeinsam mit Puppen spielen, gibt es keine Gewinner und Verlierer. Sie achten genau darauf, dass nicht immer die Gleiche die Regeln bestimmt. Sonst macht es der anderen nämlich keinen Spaß mehr. Und mit diesen - individuell sicher unterschiedlich stark ausgeprägten - Haltungen gehen die beiden Geschlechter später auch ihre Karriere an: Männer denken in Hierarchien, Frauen in Netzwerken.
Knaths: Zumindest tun sich Frauen deshalb mit der wichtigsten Spielregel der männlichen Machtkommunikation besonders schwer.
SPIEGEL ONLINE: Die lautet?
Knaths: Rangordnung vor Inhalt! Stellen Sie sich eine Konferenz vor, bei der es keinen klaren Anführer gibt: Männern geht es in den ersten 15 Minuten eines Meetings nur darum, ihre Position innerhalb der Rangordnung zu definieren. Wenn Sie die einzige Frau in der Runde sind, werden Sie dieses Platzhirschgebaren vermutlich als Zeitverschwendung betrachten. Sie sagen nichts, damit man schneller zu den Inhalten kommt; schließlich wartet noch eine Menge Arbeit auf Ihrem Schreibtisch. Die Folge ist, dass Sie, wenn die Sacharbeit losgeht, durch ihre Zurückhaltung in den Augen der Kollegen schon auf Platz zehn von zehn gelandet sind. Das bedeutet: Ihnen traut keiner was zu.
SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie?
Knaths: Frauen müssen sich bemerkbar machen, auch wenn es Ihnen albern vorkommt. Und wenn es einen Ranghöchsten gibt: immer an die Eins sprechen! Frauen reden gerne in die Runde, um Gemeinsamkeit herzustellen. Aber es nützt nichts, wenn die Nummer sieben und acht Ihrem Vorschlag zustimmen, während der Chef genervt den nächsten Tagespunkt auf der Vorlage sucht. Männer sprechen immer zum Anführer hin. Sie wissen: Wenn er mir zuhört, hören auch alle anderen zu.
SPIEGEL ONLINE: Sie trainieren Frauen- und Männergruppen. Wie unterscheiden sie sich?
Knaths: Wenn ich eine Gruppe aus einer Firma trainiere, von der Geschäftsführerin bis zur Abteilungsleiterin, weiß ich manchmal nach drei Minuten noch nicht, wer die Geschäftsführerin ist. Das liegt daran, dass Frauen dazu neigen, Hierarchien einzuebnen. Die weibliche Eins wird ihre Position nicht so raushängen lassen, und alle anderen werden ihr das als Stärke anrechnen: toll! Die hat es nicht nötig. Bei einer Männergruppe weiß ich nach zwei Sekunden, wer die Eins ist. Weil Männer sich immer wie Kompassnadeln nach Norden zur Eins hin ausrichten. Das bedeutet, dass die weibliche Eins in einer gemischten Gruppe Probleme bekommt, wenn sie ihren Rang nicht deutlich macht.
SPIEGEL ONLINE: Wie demonstriert die männliche Eins ihren Status?
Knaths: Achten Sie mal auf die Körpersprache: Wer sitzt bei der Konferenz am breitesten im Sessel? Wer entert den Raum mit dem meisten Schwung, wer grüßt am lautesten, setzt sich am geräuschvollsten, redet am längsten? Richtig! Die Eins. Führungsfrauen dagegen müssen oft üben, sich den entsprechenden Raum zu nehmen - zum Beispiel, indem sie sich Redezeit genehmigen und ihre Arme dabei souverän über die Sessellehne breiten, statt die Hände brav im Schoß zu falten. Aber Frauen dürfen es mit der Fläzerei auch nicht übertreiben. Was bei Männern negativ wirkt - auch Brüllen oder zotige Sprüche - sollten sie auf keinen Fall imitieren, sonst kippt das Ganze in Richtung Mannweib. Wie es richtig geht, können Sie sehr schön bei Anne Will beobachten: Unten die Beine telegen gefaltet - oben breites Kreuz. Schließlich darf sie sich von den Alphatieren dieser Republik nicht verfrühstücken lassen.
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