von Ina Brzoska
Broich geht zum Info-Tresen, er zeigt, welche Leistungstests Bewerber vor dem Dienstantritt bestehen müssen. "Das sind die Mindestanforderungen", sagt er und tippt auf die Liste: "15 Liegestütze in 40 Sekunden" steht da oder: "1500 Meter in 12 Minuten". Das reicht, um sich wenigstens die dicksten Brocken vom Hals zu halten.
Die "Nachwuchsgewinnung", so Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan, sei "die zentrale Herausforderung der Streitkräfte". Und die lässt sich die Truppe einiges kosten. Allein die Einsätze der blauen "Karriere-Trucks" kosten die Bundeswehr 1,5 Millionen Euro im Jahr. 2008 fahren die Werbewagen 40 Touren. Jedes Mal ist die Truppe mit bis zu 35 Leuten vor Ort.
Hinzu kommen Millionen für aufwendig produzierte Kino- und Fernsehspots. Außerdem war die Bundeswehr im zurückliegenden Jahr auf 43 Messen präsent, auch diese Besuche kosten eine halbe Million Euro. Gezielt steuern die Werber Arbeitsämter und Schulen an, am häufigsten im Osten Deutschlands.
Bilder von getöteten deutschen Soldaten schrecken ab
Im Arbeitsamt Chemnitz wimmelt es an diesem Herbstmorgen vor Real- und Hauptschülern auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Etliche Betriebe sind mit einem Info-Stand angerückt, zwischen ThyssenKrupp und den Chemnitzer Stadtwerken leuchtet auch das Blau der Bundeswehr. Stabsfeldwebel Wendler ist extra früh aufgestanden, um sich einen der besten Plätze im Saal zu sichern.
Ein Junge mit Igelschnitt sagt, dass er entweder Kfz-Mechatroniker oder Landwirt werden wolle. "Dir ist aber schon klar, dass du dann auch Autos oder Panzer in Kabul instandsetzen musst?", fragt Wendler. Der Junge guckt irritiert. "Muss ich da an die Front?" Sein Vater fügt an: "Na ja, mein Junge meint, wenn er zum Beispiel in den Irak muss."
"Da sind wir nicht stationiert", sagt Wendler schnell, aber er kann die Situation nicht mehr retten, die Familie zieht zum nächsten Stand. Seit deutsche Soldaten nicht mehr nur in deutschen Kasernen die Gewehre putzen, sondern im Ausland ums Leben kommen können, ist die Nachwuchssuche erheblich schwieriger geworden. Manchen ist erst seit dem Afghanistan-Einsatz bewusst, dass der Soldatenberuf auch gefährlich sein kann.
Inzwischen gehgen die Militärs auch Umwege
Wendler seufzt. Echtes Interesse am Arbeitgeber Bundeswehr ist auch in Chemnitz nicht zu erkennen. Ein 17-Jähriger fragt ihn, ob er bei der Truppe günstig den Führerschein machen könne. Ein Mädchen will Krankenschwester beim Militär werden, aber in Sachsen bleiben. "Wir sind die Bundeswehr, keine Sachsenwehr", brummt der Stabsfeldwebel.
Und dann kommt auch noch der gepiercte Teenager, der mit Hilfe der Bundeswehr seinen Hauptschulabschluss nachholen will. "Junge, die Bundeswehr ist kein Bildungsinstitut", ruft Wendler genervt, aber dann reißt er sich zusammen. "Also, wir können dir Lohn und Brot für vier Jahre bieten, wie wäre es zum Beispiel mit Rettungssanitäter?"
"Uuh, nix mit Blut", sagt der Gepiercte. "Na, dann Kraftfahrer", sagt Wendler und drückt ihm die Broschüre in die Hand. In der Zielgruppe der 14- bis 23-Jährigen könne sich jeder siebte junge Mann grundsätzlich vorstellen, Soldat zu werden, hat das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr ermittelt. Doch die Bilder von getöteten deutschen Soldaten schrecken ab, hinzu kommen die Vorurteile. Längst hat sich unter jenen, die etwas vorhaben mit ihrem Leben, die Ansicht verbreitet, die Bundeswehr sei ein Club der Verlierer.
Um diesem Image entgegenzutreten, gehen die Militärs inzwischen auch Umwege. Fast überall, wo viele Menschen zusammenkommen, ist die Bundeswehr in Stellung, sogar auf der "Infa Messe" in Hannover, einer Verbraucherveranstaltung, die im Volksmund auch Hausfrauenmesse heißt.
Er lebnisse in Kabul und im Kosovo
Man treffe wichtige "Multiplikatoren" bei solchen Ereignissen, sagt Hauptfeldwebel Thorsten Kramer, schließlich hätten Mutter oder Großvater auch Einfluss auf den Berufsweg der Kinder.
Zwischen Staubsauger- und Wurstfabrikanten erzählen zwei Feldjäger im Tarnanzug von ihren Erlebnissen in Kabul und im Kosovo. "Wer bei uns unterschreibt, der weiß, worauf er sich einlässt", sagt der eine. "Na ja", erwidert der andere. "Als ich unterschrieb, gab es noch keinen 11. September."
Hauptfeldwebel Kramer rührt derweil mit der Hand durch die Lostrommel der Tombola. Er sieht glücklich aus, es haben viele mitgemacht. Mütter und Kinder haben Name, Alter und Anschrift ausgefüllt und auf den Adress-Berg geworfen. Es gibt einen MP3-Player und eine Laptop-Tasche zu gewinnen. Der Hauptfeldwebel wird nun ein paar Gewinner ziehen, die sich freuen dürfen.
Das Wichtige aber sind die Adressen der vielen Verlierer. Die wandern nach der Ziehung nicht in den Müll, sondern in die Datenbank der Bundeswehr. Der Feldzug geht weiter.
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