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29.12.2008
 

Jobmotor erneuerbare Energien

Alles im grünen Bereich

Von Ralph Diermann

Sonne, Wind und Biomasse machen viel Arbeit - so viel, dass die Unternehmen ihre Mitarbeiterzahl in zehn Jahren glatt verdoppeln wollen. Noch stützen allerdings Subventionen die Branche der erneuerbaren Energien. Sind die schönen Prognosen etwa auf Sand gebaut?

Wenn Sandra Müller, 34, am Wochenende eine Landpartie unternimmt, hält sie die Augen weit offen - nicht nur, weil sie einen Sinn für die Schönheit der Natur hat. Sie sucht auch Standorte für Windkraftanlagen. "Ich entwickle Windenergieprojekte, vom grünen Feld bis zur Genehmigung der Anlage", sagt sie über ihren Job.

Windkraftanlage vor Braunkohlekraftwerk (in Brandenburg): Die Erzeuger erneuerbarer Energien sind höchst optimistisch
DDP

Windkraftanlage vor Braunkohlekraftwerk (in Brandenburg): Die Erzeuger erneuerbarer Energien sind höchst optimistisch

Hat sie mit Hilfe von Geoinformationssoftware und Windgutachten eine geeignete Fläche gefunden, recherchiert sie die Grundbesitzer. Sobald ein Pachtvertrag abgeschlossen ist, kümmert Müller sich um die behördliche Genehmigung, um Naturschutzfragen oder auch darum, ob ein Netzanschluss zur Verfügung steht. Dann kann der Bau beginnen.

Sandra Müller, seit November bei der Regensburger Firma Ostwind und davor beim schwäbischen Unternehmen Vento Ludens beschäftigt, ist eine von 15.000 Menschen, die im vergangenen Jahr einen neuen Job in der Windenergiebranche gefunden haben. Auf dem Arbeitsmarkt der erneuerbaren Energien weht ein frühlingshafter Wind: Seit 2004 hat sich die Zahl der Mitarbeiter bei Wind-, Solar- und Bioenergieunternehmen verdoppelt, mehr als 250.000 Menschen sind hier beschäftigt. Und in zehn Jahren sollen es schon rund 500.000 Menschen sein, schätzt der Bundesverband Erneuerbare Energien.

Viel Platz für Quereinsteiger

Diese glatte Verdoppelung hält Axel von Perfall, Geschäftsführer der auf erneuerbare Energien spezialisierten Personalberatung Alingho, für realistisch: "Die Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeitern ist gewaltig. Angesichts des weltweiten Vormarschs umweltfreundlicher Technologien wird sie in den kommenden Jahren noch deutlich wachsen."

Woher kommen all diese Experten für das relativ neue Berufsfeld? Momentan besetzen vor allem Quereinsteiger die Stellen. Dazu gehört auch Sandra Müller, die in Freising Landschaftsarchitektur studiert hat: "Nachdem ich für kurze Zeit freiberuflich im Naturschutz gearbeitet hatte, habe ich ein zehnmonatiges Fernstudium an der Uni Oldenburg zur Windenergietechnik und -management gemacht." Der Grund für die Neuorientierung: "Ich wollte eine Tätigkeit, die bessere Arbeitsbedingungen bietet, sich aber trotzdem im 'grünen Bereich' bewegt."

Heute profitiert sie sehr von ihren Erfahrungen als Landschaftsplanerin. "Ich spreche die gleiche Sprache wie die Behörden. Das ist wichtig, etwa wenn es um Genehmigungen oder naturschutzfachliche Auflagen geht", so Müller.

Vom Agrarwirt zum Dieselproduzenten

Tobias Ehm, 31, arbeitet als Projektingenieur beim Kraftstoffhersteller Emerald Biodiesel in Berlin. Er hatte Agrarwissenschaft an der Uni Bonn studiert, bevor er im vergangenen Jahr in die Energiebranche einstieg. Ehm kümmert sich um die beiden Produktionsanlagen. Eine typische Aufgabe: "Es geht zum Beispiel darum, wie wir den Rapskuchen, der bei der Pressung anfällt und dessen Marktpreis stark schwankt, verwerten: Verkaufen wir ihn als Futtermittel? Oder lassen wir ihn in einer Biogasanlage vergären, um mit dem Gas einen Kessel in der Produktion zu betreiben und so den Zukauf von Erdgas zu sparen?"

Neben technischem Wissen braucht Ehm betriebswirtschaftliches Verständnis und fundierte Marktkenntnisse für seinen Job. Dabei kommt ihm sein Studium zugute. "Agraringenieure sind Generalisten: Wir sind zugleich Ingenieur und Betriebswirt", sagt er.

Mit ihren Qualifikationen hätten Müller und Ehm wohl auch gute Chancen bei der rheinland-pfälzischen juwi-Gruppe, einem weltweit agierenden Entwickler und Betreiber von Wind-, Solar- und Bioenenergieanlagen. Das Unternehmen wächst rasant. "Momentan stellen wir pro Monat bis zu 15 neue Mitarbeiter ein", sagt Sprecher Christian Hinsch.

Zum Jahresbeginn beschäftigte die Firma noch 250 Mitarbeiter, in vier bis fünf Jahren sollen es 1000 sein. "Wir suchen Elektrotechniker und Bauingenieure genauso wie Physiker oder Geographen bis hin zu Architekten", so Hinsch. Gefragt sind Hochschulabsolventen wie erfahrene Experten aus benachbarten Branchen.

"Subventionen sind zunächst notwendig"

Können erneuerbare Energien wirklich dauerhaft zum Jobmotor werden? Manche Experten sehen den Boom auf dem Arbeitsmarkt kritisch. Beispiel Photovoltaik: Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) geht hart ins Gericht mit dieser Branche, die laut Bundesverband Solarwirtschaft in Deutschland immerhin 42.000 Menschen beschäftigt. Das Argument: Durch das Gesetz zur Förderung erneuerbarer Energien werde jeder Arbeitsplatz in der Solarstrombranche mit etwa 150.000 Euro jährlich subventioniert - doppelt so viel wie pro Arbeitsplatz im Steinkohlebergbau.

Das RWI befürchtet sogar, dass mit der Photovoltaikförderung vor allem Arbeitsplätze im Ausland geschaffen werden, da viele in Deutschland installierte Anlagen importiert werden. Die Vergütung für die Einspeisung von Photovoltaikstrom ins Netz ist vergleichsweise hoch, die Sätze für Wind- oder Bioenergie liegen deutlich darunter.

Solche Kritik schreckt Sandra Müller und Tobias Ehm nicht: "Der Boom auf dem Arbeitsmarkt ist nachhaltig, denn wir kommen an den erneuerbaren Energien nicht vorbei", erklärt Müller. "Natürlich sind Subventionen zunächst notwendig, um neue Technologien durchzusetzen, das war bei der Atomenergie nicht anders. Strom etwa aus Windenergie- oder Biogasanlagen lässt sich schon bald wettbewerbsfähig produzieren."

"Zugpferd der wirtschaftlichen Entwicklung"

Tobias Ehm sieht das ähnlich: "Angesichts langfristig steigender Ölpreise und begrenzter Ressourcen ist die Entscheidung, auf erneuerbare Energien zu setzen, wirtschaftlich sinnvoll - eine ganz einfache Kalkulation. Deshalb wird der Bedarf an Fachkräften auch in Zukunft groß sein."

Mittelständler mit weniger als 250 Mitarbeitern, die stark die Branche prägen, glauben an eine rosige Zukunft. Bei einer Umfrage der Marburger Uni im Auftrag der Agentur für Erneuerbare Energien prognostizierten sie bis 2020 ein starkes Wachstum. Der deutsche Mittelstand sehe diese Zukunftsbranche "als Motor der deutschen Wirtschaft, als Zugpferd der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung", sagte Thorsten Herdan, energiepolitischer Sprecher des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Und fast zwei Drittel der 1000 befragten Unternehmer und Führungskräfte gehen davon aus, dass es zu allenfalls moderaten Beeinträchigungen durch die globale Finanzkrise kommt.

Alingho-Chef Axel von Perfall hält ebenfalls gegen die Kritik, die Branche hänge am staatlichen Suventionstropf: "Die gesetzlich festgeschriebenen Vergütungssätze haben dafür gesorgt, dass in Deutschland eine Branche entstanden ist, die bezüglich Know-how und Innovationskraft weltweit absolut führend ist", kontert er. Solar-, Wind- und Bioenergietechnologie made in Germany sei "auf allen Kontinenten stark gefragt"; diese Entwicklung werde sich in den nächsten Jahren sogar noch deutlich verstärken. "Der deutsche Arbeitsmarkt profitiert also direkt vom globalen Boom der erneuerbaren Energien", sagt Perfall.

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