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18.04.2009
 

Strafarbeit

Warum Junglehrer an der Schule verzweifeln

Von Christian Siepmann

Nach dem Studium erleben viele Referendare einen holprigen Berufsstart. Niemand an der Uni hat sie auf das Unvermeidliche vorbereitet: den Unterricht mit schwierigen Schülern. Und prompt ereilt sie der Praxisschock im Klassenzimmer - ein Report aus deutschen Schulen.

Die 30 Siebtklässler wollen keine Ruhe geben. Sie tuscheln und tuscheln, einige haben sich zu Mitschülern umgewendet, andere beschießen sich mit Papierkügelchen. Anne Gurk muss jetzt durchgreifen. "Basti, wir sehen uns nach der Stunde", ruft sie, als sie das zweite Kreuz wegen Störens hinter dem Namen des blonden Jungen einträgt. Zur Strafe wird er ein vierstrophiges englisches Gedicht schreiben müssen.

"Sanktionen zu verteilen habe ich erst im Referendariat gelernt", sagt die blonde Münchnerin, ein silbernes Sternchen-Piercing blitzt auf ihrem linken Nasenflügel. Drei Viertel des in Bayern zweijährigen Vorbereitungsdienstes hat die 29-Jährige hinter sich. Derzeit unterrichtet sie 13 Wochenstunden Englisch und Deutsch am Carl-Spitzweg-Gymnasium in Germering, einer Schlafstadt des Münchner Speckgürtels.

Knapp 40.000 Menschen leben hier, manche in einem der vielen dichtgedrängten Reihenhäuschen, andere in Betonblocks aus den siebziger Jahren. Das Spitzweg-Gymnasium besuchen 1200 junge Germeringer. Eine gewöhnliche Schule - für Anne Gurk jedoch bis vor kurzem unbekanntes Terrain.

Mittelhochdeutsch fließend, Pädagogik holprig

Ihr Start ins Berufsleben nach knapp sieben Jahren Uni verlief holprig. "Ich wusste nicht einmal, wie ich im richtigen Tonfall die Klasse begrüße", erinnert sich Gurk, es graust sie immer noch, wenn sie an ihre erste Stunde im Klassenzimmer denkt. Den Unterrichtsstoff, wie etwa King Arthur und die Ritter der Tafelrunde, den konnte sie sich anlesen. Doch am allerwenigsten war sie auf das vorbereitet, was unvermeidlich zu jeder Schule gehört: Schüler.

Wie sie erfolgreich den Unterricht steuern kann, Themen didaktisch so aufbereitet, dass die Schüler sie auch verstehen, mit welchen Tricks sich die Klasse disziplinieren lässt, das alles hat sie die Uni nicht gelehrt. "Das Studium hat mich darauf vorbereitet, im Referendariat vor Walther von der Vogelweide zu bestehen, nicht vor Schülern", sagt die angehende Gymnasiallehrerin.

Fließend Mittelhochdeutsch lernte Gurk in ihrem Lehramtsstudium: Englisch und Deutsch in München und Dublin. Gerade mal drei Stunden unterrichtete sie in all der Zeit an einer Schule, als Teil studienbegleitender Praktika.

Wie Anne Gurk ergeht es Tausenden von Lehramtsabsolventen, die im Halbjahrestakt von den Hörsaalbänken an die Lehrerpulte wechseln. Einerlei, ob sie Sprachen, Sozialwissenschaften, Mathe oder Sport studiert haben: In stickigen Klassenzimmern vor lärmenden Kindern dämmert ihnen zum ersten Mal, welchen Job sie da eigentlich gewählt haben - der Praxisschock ist groß.

Natürlich, Berufsanfänger aller Fachrichtungen berichten von Reibereien und Irrwegen beim Start in den Job. Aber anders als Betriebswirten oder Juristen müsste es angehenden Lehrern noch vor ihrer allerersten Vorlesung klar sein, womit genau sie sich später einmal befassen werden. Angesichts der klaren Zukunftsperspektive ist es erstaunlich, wie schlecht ihre Ausbildung sie bisher darauf vorbereitet - zum Leid der Schüler und der Junglehrer selbst.

An der Didaktik hapert es

Woran liegt es? "Die Fachdidaktik wird derzeit an den Unis nicht ausreichend vermittelt", sagt Ewald Terhart, Pädagogikprofessor und Schulexperte an der Uni Münster. Sein Kollege Wilfried Schubarth von der Uni Potsdam bemängelt, dass viele Schulen sich nicht darum bemühten, den eigenen Lehrernachwuchs weiterzubilden. Und Hans Gerhard Neugebauer, Leiter eines Studienseminars in Leverkusen, wo angehende Lehrer parallel zum Referendariat berufspraktisch ausgebildet werden, sieht das Problem in der "Unverbundenheit der beiden Ausbildungsphasen".

Dass Handlungsbedarf besteht, haben auch die Hochschulpolitiker erkannt. Sie doktern derzeit kräftig am Aufbau des Lehramtsstudiums herum. Bis auf das Saarland und Sachsen-Anhalt beabsichtigen nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz alle Bundesländer, die für die übrigen Studiengänge vorgesehenen neuen Abschlüsse Bachelor und Master auch in der Lehrerbildung einzuführen.

Und einige Länder wie Nordrhein-Westfalen nutzen die Umstellung dazu, den Weg in den Lehrerberuf zu reformieren. Vom Wintersemester 2011/12 an soll im schüler- und studentenreichsten Bundesland während des Masterstudiums ein einsemestriges Schulpraktikum Pflicht sein. Dafür wird das Referendariat auf 18 Monate verkürzt.

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Die neuesten Beiträge:
26.04.2009 von Bulq:

Das nehme ich Ihnen ja ab, ich vermute jedoch, dass sie an einer Berufsschule sind (wg. Schülern im Alter von 15 bis 25 Jahren) und dort u.a. EDV unterrichten, demnach ihr "Spezialgebiet". Die Jahre zuvor werden Ihnen [...] mehr...

24.04.2009 von Studiengebührenzahler:

Na toll ... jetzt haben wir hier im Forum glücklicherweise einige Nichtlehrer, die differenzieren können, da kommt ein Lehrer an und verallgemeinert. Aber klar - kennst du eine Schule, kennst du alle Schulen. Ist es Ihnen in [...] mehr...

24.04.2009 von scoolodie: Wie misst man seine eigene "Beliebtheit"?

Wenn neben Ihnen nach 40 Jahren Schuldienst die Autos ehemaliger Schüler anhalten und die Insassen Ihnen über ihren weiteren Lebensweg berichten, wenn Sie dann noch zu Klassentreffen als Rentner und ehemaliger Klassenleiter [...] mehr...

24.04.2009 von discipulus:

Als Quereinsteiger seit 34 Jahren kann ich Ihre Beobachtungen vollinhaltlich bestätigen. Auch ich werde von meinen SuS geliebt, von jedem auf seine eigene, individuelle Weise. Können Sie bitte noch erläutern, wie Ihre Beliebheit [...] mehr...

24.04.2009 von nop1: woher...

... kommt denn diese Weisheit? Ich bin quasi ein Spätberufener: Nach 10 Jahren in der freien Wirtschaft, davon 5 Jahre als Geschäftsführer EDV bin ich als Quereinsteiger in den Schulberuf eingestiegen. Man lernt dort z.B., [...] mehr...

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