Von Christian Siepmann
Aber was, wenn die Schüler in dieser Stunde nicht in Topform, wenn sie unausgeschlafen sind? Was, wenn die Prüfer ein mieses Wochenende hatten? In Bayern müssen angehende Lehrer drei solcher benoteter Lehrproben über sich ergehen lassen. Ins Gewicht fällt auch das Abschlussgutachten der Schule. Nach welchen Kriterien es erstellt wird, erfährt der Nachwuchs in vielen Fällen nicht.
"Es fehlt an Transparenz", beklagt Daniela Knieriem. "Dabei wird uns ständig ins Hirn gedonnert, dass unser Unterricht und die Bewertung der Schüler transparent sein müssen." Es habe sich gezeigt, dass "Referendare nach Kriterien beurteilt werden, die nicht wissenschaftlich standardisiert, sondern eher handgestrickt sind", sagt Pädagogikprofessor Terhart.
Für den Junglehrer heißt das, dass er sich an die Vorstellungen der Altvorderen anpassen muss, auch wenn diese sich seit Jahren nicht mehr geändert haben. "Einmal musste ich mich die längste Zeit einer Nachbesprechung dafür rechtfertigen, dass ich einem Schüler sein heruntergefallenes Federmäppchen aufgehoben hatte, denn das passte nicht ins Lehrerbild eines der Prüfer", berichtet eine Referendarin aus Bayern.
"Meine Nerven sind ruiniert!"
In diversen Internet-Foren wird Junglehrers Leid ausgetauscht, beispielsweise die Versetzung in ungeliebte Provinzkaffs. "Es kann nicht angehen, dass ich so lange studiert habe, dann ins letzte Loch geschickt werde", beschwert sich ein Diskutant bei Referendar.de, dem Zentralorgan des Berufsstands. Ein Kollege bekommt einfach "keinen Draht zu den Kids", ein anderer klagt über die "Müttermafia", die ihr eigenes Versagen auf die Lehrer projiziere.
Carolin, die das Referendariat gerade hinter sich hat, zieht eine ernüchterte Bilanz: "Ich bin zehn Kilogramm leichter, und meine Nerven sind ruiniert! Mein Mann und meine Tochter sind noch bei mir, das sah aber eine ganze Zeit recht übel aus! Freunde kann ich an einer Hand abzählen. Gefühltes Alter: 55! Tatsächlich: 27!"
Viele halten es nicht so lange durch. Fast jeder Junglehrer kennt mindestens einen Leidensgenossen, der das Referendariat abbricht. Offizielle Zahlen gibt es dazu nicht. "Ein Mensch sucht sich zwar seinen Beruf, aber der Beruf sucht sich auch seine Menschen", so beschreibt Ewald Terhart das Phänomen.
Bundesländer buhlen um Junglehrer
Eigentlich sind die Jobaussichten gut. Allein von 1999 bis 2007 fanden jährlich mehr als 20.000 Lehramtsbewerber ihren Platz an öffentlichen deutschen Schulen, oft gab es deutlich mehr Einstellungen als Absolventen des Referendariats, auch Seiteneinsteiger erhielten ihre Chance. Sprich: Wer es schaffte, sich durch den Vorbereitungsdienst zu beißen, hatte die Stelle.
Doch die Nachfrage nach Junglehrern schwankt, manche fühlen sich an den berühmten Schweinezyklus erinnert. Werden Kräfte gesucht, entscheiden sich viele Studienanfänger für ein Lehramtsstudium. Haben sie dann aber die akademische Ausbildung und das Referendariat endlich hinter sich gebracht, ist die Nachfrage gesunken.
Das schreckt wiederum neue Anfänger ab, die dann einige Jahre später fehlen. Hessen etwa warb im letzten Jahr mit der aufwendigen Kampagne "Hauptrollen in Hessen zu vergeben" und zog mittels günstigerer Bedingungen Kandidaten aus ärmeren Bundesländern ab.
"Kritik nicht so persönlich nehmen"
Wer gerade vor der Studienwahl steht, sollte sich von solchen Botschaften nicht täuschen lassen. Wie seine Jobchancen in ein paar Jahren stehen, darüber sagt die heutige Jagd auf Lehrer nichts aus. Die KMK erstellt im Moment keine deutschlandweiten Prognosen, die Zukunft ist kaum planbar. Denn ständig drehen die Bildungspolitiker an Stellschrauben wie der Schülerzahl pro Klasse, dem Stundenkontingent der Lehrer oder der Länge der Schulzeit.
Bayerns Kultusministerium etwa prophezeit, dass bereits 2011 das Lehrerangebot den Bedarf der Gymnasien übertreffen wird. Die Aussichten sind dann abhängig von den studierten Unterrichtsfächern. Dasselbe gilt auch für Nordrhein-Westfalen, wo bis 2012 jährlich mehr als 2000 Lehrer an Gymnasien und Gesamtschulen neu eingestellt werden sollen; danach werden wohl nur noch wenige hundert im Jahr gebraucht.
Christine Steinberg sitzt nach der Biologiestunde an einem der sieben Gruppentische im Lehrerzimmer des Kölner Montessori-Gymnasiums. Vor ihr auf dem Tisch liegen stapelweise Arbeitsblätter, Schulbücher und eine Packung Emser Pastillen. Neonröhren verströmen ihr kühles, grünliches Licht, durch die lange Fensterfront fällt der Blick auf die graue Waschbetonwand einer Turnhalle.
Ihr mache die Arbeit mit Schülern Spaß, sagt Steinberg. Und das solle auch in den noch ausstehenden eineinhalb Jahren Referendariat so bleiben. "Man muss unbedingt lernen, Kritik und Bewertungen nicht so persönlich zu nehmen", sagt sie. Stress machen sich angehende Lehrer allerdings auch untereinander. "Einer Mitreferendarin habe ich schon gesagt: Ich muss mich von dir fernhalten, du tust mir im Moment nicht gut", erzählt Steinberg.
Und sie will sich immer wieder darauf besinnen, was Daniela Knieriem in der Rückschau über ihr Referendariat sagt: "Nur wer gute Nerven hat, kommt durch."
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