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13.04.2009
 

ETH Zürich

"Viele deutsche Unis brauchen eine Rundumerneuerung"

3. Teil: Wer als Prinzip nur noch Grundlagenforschung betreiben will, macht keine Wissenschaft, sondern Religion.

SPIEGEL ONLINE: In der Forschungspolitik gibt es neuerdings die Neigung, hauptsächlich zu fördern, was unmittelbar Arbeitsplätze schafft.

Chen: Das ist unklug. Michael Faraday, einer der Pioniere der Elektrizität, wurde angeblich von der Queen gefragt, wozu die Elektrizität nützlich sei. Faraday antwortete: Was ist der Nutzen eines neugeborenen Babys?

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, an der ETH wird am Anfang gar nicht bedacht, ob etwas wirtschaftlich nutzbar ist?

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Chen: Bei der internen Projektbegutachtung zählt nur das Projekt selbst, ob es interessant ist, was man versuchen will. Für Kooperationen mit Firmen gibt es dann besondere Töpfe, etwa von der Kommission für Technologie und Innovation. Die KTI bezahlt die akademische Seite der Kooperation. Es muss ausgewogen sein. Wer als Prinzip nur noch Grundlagenforschung oder nur noch angewandte Forschung betreiben will, macht keine Wissenschaft, sondern Religion.

SPIEGEL ONLINE: Arbeitsplätze dienen Forschungspolitikern, um die Milliardenausgaben zu legitimieren. Ist das nicht verständlich?

Chen: Es muss jedem Wissenschaftler klar sein, dass er hauptsächlich öffentliches Geld ausgibt. Deshalb müssen Wissenschaftler erklären und überzeugen können. Wir haben jüngst vom Bund umgerechnet rund 80 Millionen Euro zur Verfügung bekommen und es gab wilde Diskussionen, was wir damit tun sollen. Ich habe mich dafür ausgesprochen, das Geld zurückzugeben, wenn wir keine klare wissenschaftliche Strategie definieren können. Wenn man nicht überzeugt ist, dass man etwas Wichtiges mit so viel Steuergeld tut, wäre es eine Schande, ja ein Verbrechen, es auszugeben.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen denn noch etwas eingefallen?

Chen: Wir haben nicht nach etwas gesucht, bei dem wir die USA einholen müssen, sondern etwas, mit dem wir an allen vorbeiziehen und weltweit Nummer eins werden. Jetzt legen wir in Basel mit einem neuen Zentrum für Synthetische Biologie los, also für den Bau von Proteinen, Proteinkomplexen, Zellen und in Zukunft sogar Organismen. Wir haben nicht nur Forschende aus der Chemie, der Physik, der Biologie, der Verfahrenstechnik und der Informatik in einem neuen Departement vereint, wir siedeln dort gemeinsam mit der Uni Basel auch eine Professur in der Bioethik an.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist Ihr stärkster Konkurrent in Europa?

Chen: Die Max-Planck-Gesellschaft. Ab und zu schaffen wir es auch, jemanden von einem Max-Planck-Institut zu berufen. Es wäre gut, wenn es ein Max-Planck-Institut in der Schweiz gäbe. Das wäre guter weiterer Ansporn für uns, ich würde das begrüßen.

Das Interview führte Christian Schwägerl

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