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17.04.2009
 

Lockruf der Wirtschaft

Werde! Jetzt! Ingenieur!

Von Hilmar Schmundt

Viele deutsche Abiturienten machen einen Bogen um die Ingenieurwissenschaften - und die Wirtschaftskrise verschärft das Problem. Technikfirmen bangen um den Tüftler-Nachwuchs und sind sicher: Wer zum Ende der Krise sein Studium abschließt, hat beste Karrierechancen.

Peter Binder ist ein Macher. Der Familienbetrieb aus Tuttlingen im Schwarzwald macht hochwertiges Klima und verkauft es an Forschungsinstitute: hochkomplexe Klimaschränke, die Feuchte, Temperatur, Kohlendioxid kontrollieren. Sie können beim Wachsen von Zellkulturen helfen oder die jahrelange Alterung von Medikamenten in wenigen Stunden simulieren.

Siemens-Mitarbeiter (in Görlitz): Vor allem die Maschinenbau-Branche fürchtet um den Ingenieurnachwuchs
DDP

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Binder verkauft seine Klimaschränke weltweit, die Firma könnte schnell wachsen, aber leider hakt es in der Zulieferkette: Binder findet nicht genügend Ingenieure. "Es ist eine mittlere Katastrophe", hatte er 2003 geklagt, als die Wirtschaft brummte. Derzeit hat die Wirtschaftskrise das Problem zwar abgemildert - aber sobald sie vorüber ist, wird auch der Ingenieurmangel wieder zu spüren sein.

Der Klimamacher verbessert das Innovationsklima

Der Maschinenbau ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, rund 9000 Firmen schaffen fast eine Million Arbeitsplätze, der Umsatz liegt über hundert Milliarden Euro. Die Exportquote ist weltweit einzigartig mit über 60 Prozent.

Und dennoch macht das Bauen von Maschinen den Deutschen keinen Spaß. Seit Jahren schon klagt die Branche über einen Mangel an Ingenieuren, jahrelang konnten rund 20.000 Stellen nicht besetzt werden. Der Schaden für die Volkswirtschaft ist groß, Experten schätzen, dass er weit über fünf Milliarden Euro pro Jahr liegt. Denn ausgerechnet die Branchen, deren Ausgaben für Forschung und Entwicklung mit über acht Prozent am höchsten sind, leiden am meisten unter dem Nachwuchsmangel.

Peter Binder ist ein Klimamacher, und daher entschloss er sich, auch das Innovationsklima seiner Gegend zu verbessern: Gemeinsam mit 140 Unternehmen aus dem Landkreis tat er sich 2005 zusammen, um eine Fachhochschule in Tuttlingen aufzubauen. Sie liefert ihm während des Studiums Praktikanten und danach frisch gebackene Absolventen für seine Forschungsabteilung.

"Es gab da zunächst riesige Widerstände bei den Universitäten und in Stuttgart", sagt Binder. Aber im Herbst soll es soweit sein: Der Campus der Fachhochschule Tuttlingen eröffnet, mit zunächst 105 Studenten.

"Schweinezyklus" mit üblen Folgen

Zusätzliche Fachbereiche, neue Unis - all das sei richtig und wichtig, sagt Joachim Milberg, der Innovationsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Doch die meisten Ingenieure gingen der Wirtschaft schon viel früher verloren: "Schon im Alter von zehn bis zwölf Jahren finden wichtige Weichenstellungen statt, die darüber entscheiden, welcher Beruf später ergriffen wird."

Berater Milberg: "In Innovation investieren"
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Berater Milberg: "In Innovation investieren"

Milberg hat eine Mission. Während der derzeitigen Krise scheint vielen die Massenarbeitslogkeit bedrohlicher zu sein als der Ingenieurmangel. Milberg sieht das anders, er wirbt dafür, die Krisenzeit zu nutzen: "Gesellschaften, die in Innovation investieren, kommen auch schneller wieder auf die Beine."

Eindringlich warnt er vor einem "Schweinezyklus": Wenn sich Studienanfänger unter dem Eindruck der Krise heute gegen ein Ingenieurstudium entscheiden, fehlen sie der Wirtschaft in ein paar Jahren, wenn wieder händeringend Erfinder gesucht werden. Das wiederum bremst die Wirtschaft, was zur nächsten Krise führen kann.

Hoffnung auf eine Trendwende

"Die Ausbildung eines Ingenieurs dauert rund sechs Jahre", sagt Milberg, "Die, die jetzt mit dem Studium beginnen, werden möglicherweise mitten in der nächsten Boomphase ihren Abschluss machen."

Einen starken Absolventenjahrgang in den Ingenieurwissenschaften gab es zuletzt 1996, sagt Milberg. Damals gab es 52.000 Absolventen. Im Jahr 2007 waren es nur noch 44.000. "Wir hoffen, dass wir 2009 eine Trendwende erreichen und es wieder mehr Absolventen gibt", sagt Milberg, "aber das ist noch nicht klar."

Wie kann es sein, dass ein Land die Arbeit, der es seinen Wohlstand verdankt, derartig stiefmütterlich behandelt? Wieso wendet sich die Maschinenbau-Nation ab vom Berufsbild des Tüftlers, Erfinders und Konstrukteurs?

"Viele Eltern, Lehrer und Kinder nehmen einfach das Berufsbild des Ingenieurs falsch wahr", sagt Peter Binder, der Klimamacher aus Tuttlingen. "Viele Leute denken, Ingenieure sitzen den ganzen Tag bleich im Maschinenraum herum, dabei sieht die Realität völlig anders aus. Ingenieure sind kreativ, sie sind viel unterwegs, reden viel mit Kunden, sie fahren tolle Wagen."

Außerdem: Über 40 Prozent der Vorstände von Dax-Unternehmen sind Ingenieure. Auch der langjährige BMW-Chef und jetzige BMW-Aufsichtsratsvorsitzende Milberg ist ein Dipl. Ing.

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