Von Martin U. Müller
Oliver Voss sitzt in seinem vollgestellten Büro und kommt direkt zur Sache. "Für richtig gute Leute gibt es immer einen Markt. Aber man muss sich in den ersten Jahren schon seine Sporen verdienen", sagt der Chef der Miami Ad School.

Oliver Voss, Leiter der Miami Ad School, sagt, aller Anfang ist hart
Mission Damenbinde statt coole Frischgetränke
In der ehemaligen Großküche des Hamburger Uni-Gebäudes, heute Ausstellungsfläche, pinnen Reklame-Erstlinge der Studenten, und der Betrachter darf sich wundern, wie viel kreative Energie auf den Verkauf eines Elektrohobels verwendet werden kann. Das Problem: Solche Aufgaben sind wirklichkeitsfern. Von Kampagnen für prominente Kunden können Berufseinsteiger nur träumen.
"An der Schule denkt man sich 360-Grad-Kampagnen in Bild, Ton und Print für Coca Cola aus, draußen muss man bestenfalls Werbung für Damenbinden oder Margarine machen", sagt Hannah Bellmann. Auf einem Weblog hat sie ihre Werbe-Idee für ein bekanntes Schokoladeneis online gestellt. "So eine Kampagne würde ich gern mal als echte Werbeanzeige gedruckt sehen."
Hinzu kommt die miserable Bezahlung: Gerade mal 1800 Euro verdienen Junior-Werber bei guten Agenturen. "In kleineren und unbekannteren Unternehmen können das sogar noch ein paar hundert Euro weniger sein", sagt Carola Wendt, sie ist Personalberaterin speziell für die Werbebranche. "Die meisten Leute bringen mittlerweile aber ein ganz gutes Gefühl für die Realität mit und erwarten keine Top-Bezahlung oder berühmt-berüchtigte Werberpartys", sagt Wendt. Bei weitem nicht alle Studienabgänger bekämen gleich einen Job. "Die schlagen sich dann als Freie durch. Das ist aber gerade am Anfang kein empfehlenswerter Schritt."
Dazu kann Constanze zu Dohna nur kräftig nicken. Eine feste Stelle zu finden hat sie fast aufgegeben. "Immer wieder wird einem nur ein Praktikum angeboten." Einmal sagte die 27-Jährige zu und lernte in gerade mal sechs Monaten bei der Hamburger Agentur Jung von Matt die Werber-Welt nur zu gut kennen. "Die Arbeitszeiten waren krass. Oft habe ich für die läppischen 500 Euro im Monat auch am Wochenende an Kampagnen für `Bild oder `Ricola gesessen", sagt Dohna.
Den Nimbus, kreativ zu sein, verspielt
Werber-Funktionär Amir Kassaei findet, dass die Branche für den Niedergang der Werbeindustrie selbst verantwortlich ist: "Wir in unserer eigentlich avantgardistischen Profession brauchen doch die jungen Leute. Aber die Studenten kriegen heute schon als Konsumenten mit, dass die Branche nichts Aufregendes mehr produziert. Den Nimbus, kreativ zu sein, haben wir für den Moment verspielt. Das rächt sich bitter."
Stefan Kolle, Kreativchef der Agentur Kolle Rebbe die unter anderem für Bionade wirbt, sieht aber gerade bei den Absolventen der renommierten Ausbildungsstätten Defizite. "Manche können zwar schillernde Kampagnen entwerfen, aber keinen Pappordner für eine Rentenversicherung kreieren." Dabei könne man relativ schnell Karriere in der Branche machen, sagt Kolle, und dann auch zügig mehr Geld verdienen. "Nach fünf Jahren kann man jedes Jahr drei Treppenstufen aufsteigen, wenn man wirklich gut ist."
Wenn man nur reingelassen werden würde. "Ein Großteil der lukrativen Jobs wird direkt von den bekannten Ausbildungsstätten weg vergeben. Später sind es dann die Headhunter und die Agenturen selbst, die einen nach einem Preis oder einer aufsehenerregenden Kampagne direkt abwerben", sagt Personalerin Carola Wendt.
Constanze zu Dohna will darauf nicht warten und hat noch eine letzte Idee, vielleicht doch einen vernünftig bezahlten Job zu bekommen, trotz Werbekrise: Reklame in eigener Sache. Sie hat ein besonderes Profilfoto auf StudiVZ gestellt - sich selbst in kämpferischer Pose mit Papierschild auf dem Dekolleté: "JETZT EINSTELLEN".
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